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Wie sieht die Welt aus Kuhsicht aus? Redakteurin Anna Sprockhoff hat es mit der Unterstützung von Benito Weise getestet. Foto: t&w

Was siehst Du, Kuh?

Echem. Kuh Nummer 33 streikt. Zehn Meter vor dem Melkstand steht sie wie angewurzelt vor dem dunklen Durchgang, die Augen weit aufgerissen, die Beine in den Boden gestemmt. Direkt hinter ihr brüllt der Landwirt, wedelt mit den Armen, doch Nummer 33 bleibt stur. Sie sieht nicht, was er da tut. Dafür hört sie Dinge im Melkstand, die er nicht hört. Könnte der Landwirt mit ihren Augen und Ohren durch den Stall gehen, wüsste er das. Doch das war unmöglich. Bis zur Erfindung der „Kuhbrille“.

Die Idee für die Entwicklung eines Systems, das die optische und akustische Wahrnehmung der Tiere erlebbar macht, stammt aus dem Landwirtschaftlichen Bildungszentrum (LBZ) Echem. Auf den Weg gebracht und umgesetzt hat sie der Koordinator der überbetrieblichen Ausbildung, Benito Weise, mit einem Spezialistenteam. „Noch ist die Akustik nicht mit der Kuhbrille verknüpft“, sagt er. „Doch alle Grundlagen sind gelegt, die Entwicklung ist nahezu abgeschlossen.“

Ein Schritt auf dem Weg zu mehr Tierwohl

Das Ergebnis präsentiert Weise aktuell bei der Eurotier-Messe in Hannover, der weltweit größten Fachausstellung für Tierhaltung. Sein Ziel: Mit der „Kuhbrille“ so schnell wie möglich in Serie gehen und damit allen, die mit den Tieren umgehen, einen Perspektivwechsel ermöglichen. „Wer einmal selbst erlebt hat, wie die Kuh ihre Umwelt wahrnimmt, kann sie besser verstehen, besser mit ihnen umgehen.“ Die „Kuhbrille“ als Mittel zu mehr Tierwohl?

Die LZ hat es in Echem ausprobiert

Kann das mal einer scharf stellen? Das ist das erste, was ich denke, als ich durch die Brille auf meiner Nase in den Stall blicke. Ich versuche mich zu orientieren, doch das ist schwieriger als gedacht. Scharf sehe ich nur das, was ganz nah vor mir ist. Dafür erkenne ich im seitlichen Sichtfeld, dass sich von hinten eine Kuh nähert. Sie ist unscharf und ich habe keine Ahnung, wie weit sie von mir weg ist. Die Entfernung kann ich erst einschätzen, als ich den Kopf zu ihr drehe.

Trotzdem kann ich verdammt viel um mich herum erkennen. „Sie haben jetzt eine 330-Grad-Sicht“, sagt Weise, „nur das, was direkt hinter Ihnen passiert, können Sie nicht erkennen.“ Rundumsicht, ja. Aber sonst sieht so eine Kuh deutlich schlechter. Farben sind viel blasser, Kontraste ganz anders , die Anpassung an Hell und Dunkel dauert deutlich länger. Alle Bewegungen um mich herum kommen mir hektischer vor. Und weil ich so viel sehen kann, habe ich das Gefühl, alles beobachten zu müssen. Zehn Minuten reichen mir für den ersten Eindruck – und den ersten Vorsatz: Ich werde mich im Kuhstall künftig langsamer bewegen.

Probleme im System

Ein Blick durch die „Kuhbrille“ verändert das Verständnis für die Kuh, davon ist Weise überzeugt. Im LBZ wird das System in Zukunft fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung sein, „sinnvoll“, sagt er, „ist der Einsatz aber auch für Stallbauer oder Melksystem-Hersteller“. Denn wer einmal mit den Augen und Ohren einer Kuh gesehen hat, erkennt nicht nur Fehler im Umgang mit dem Tier, sondern auch Probleme im System.

Erklären lässt sich zum Beispiel das Problem dunkler Gänge, „da gehen Kühe nur ungern rein, weil sie eben länger brauchen, um sich ans Dunkle anzupassen“. Auch ein Gitter am Boden oder ein plötzlicher Farbwechsel können der Grund sein, warum die Kühe plötzlich stehenbleiben. Und dann sind da noch die Geräusche, die eine Kuh völlig anders wahrnimmt als wir.

Der ungeahnte Lärm im Melkstand

„Kühe hören bis zu 36.000 Hertz, Menschen nur bis 15.000 Hertz“, erklärt Weise, „das heißt, viele Geräusche im hochfrequenten Bereich, die das Tier hört, gibt es für uns gar nicht.“ Diese Wahrnehmungslücke schließt nun ein speziell programmierter Ultraschalldetektor, die Folge: „Wir haben potentielle Stressmomente im Stall ausgemacht, von denen wir vorher nicht mal wussten, dass es sie gibt.“

Ein großes Thema etwa ist die Melktechnik. „Die erzeugt etliche Geräusche im hochfrequenten Bereich, die Ursache dafür sein könnten, warum manche Kühe nicht in den Melkstand gehen.“ Auch die metallenen Fressgitter sind für Kühe eine kaum beachtete Lärmquelle. Oder die Geräusche der Vakuumpumpe im Technikraum. „Manchmal reicht es da, eine Tür zuzumachen, um den Kühen ein bisschen Stress zu nehmen“, sagt Weise. „Vieles müsste sich im Sinne der Kuh allerdings grundsätzlich ändern.“

Seine Hoffnung: Eines Tages wird die Kuhbrille Stallsysteme revolutionieren. „Vorerst allerdings wollen wir vor allem die Wahrnehmung der Menschen verändern“, sagt er. Wenn der Bauer Kuh 33 nicht mehr anschreit, weil sie vor dem Melkstand streikt, sondern mit ihren Augen und Ohren nach dem Problem sucht, „dann haben wir viel erreicht“, sagt Weise. Für die Kuh. Aber auch für den Bauern.

Von Anna Sprockhoff

Die Entwicklung

Ein TV-Spot lieferte die Idee

Die Wahrnehmung von Rindern ist anders. Das war bekannt. Doch wie kann man Menschen dazu bringen, sich in die Kuh hineinzufühlen? Diese Frage hatte Benito Weise im Kopf, als er zufällig Werbung über eine Virtual-Reality-Brille sah. Da war die Idee geboren.

Weise sammelte alle Erkenntnisse zur Wahrnehmung der Kuh, „Befort Optik Wetzlar“ entwickelte eine Kamera, die mit zwei Weitwinkelobjektiven das Rinder-Sehfeld aufnehmen kann. Peter Menzel schrieb die Software, die die Aufnahmen mit den Eigenarten der Kuhoptik verknüpft und auf eine Virtual-Reality-Brille projiziert. Frank Walter machte aus einem Fledermaus- einen Kuh-Detektoren.