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Diebstähle auf Friedhöfen sind für die Polizei immer wieder ein Thema. (Foto: t&w)

Unter Verdacht als Grabräuber

Bardowick. Die Polizei kam mit fünf Beamten auf den Hof gefahren, Nachbarn wunderten sich über die Durchsuchung – danach soll es Dorfgespräch gewesen sein: Der Bardowicker hat etwas angestellt. Doch daran gibt es große Zweifel. Die Familie hat den Lüneburger Anwalt Kurt Kretschmer eingeschaltet, um sich gegen Vorwürfe und vor allem gegen das Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu wehren: Er hat Dienstaufsichtsbeschwerde gegen einen Richter, eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft und einen Polizisten eingereicht, gegen letzteren auch eine Strafanzeige. Der Vorwurf: Nötigung, Beleidigung und Hausfriedensbruch im Amt. Ein Aspekt: Nicht nur Räume und das Auto des Bardowickers seien durchsucht worden, so wie es im Durchsuchungsbeschluss angeordnet war, sondern auch Wohnung und Betrieb der Mutter. Und all das, obwohl es aus Sicht Kretschmers eher um eine Kleinigkeit ging, die man in einem Gespräch hätte klären können.

Von der Polizei heißt es, aufgrund der Beweislage, sei man den üblichen Weg gegangen.

15 Pflanzen im Wert von 100 Euro gestohlen

Die Geschichte beginnt am 26. Juli. In dieser Nacht stiehlt ein Unbekannter von einem Grab auf dem Bardowicker Peter-und-Paul-Friedhof 15 Pflanzen im Wert von 100 Euro. Nun installiert ein Gärtner eine Wildkamera. Die löst in der kommenden Nacht aus: ein schemenhafter Mann ist zu erkennen. Er soll nun drei Buchsbäume und eine Muschelzypresse mitgenommen haben sowie einen Gedenkstein, ein Schaden von geschätzt 150 Euro. Die Frau, die bestohlen wurde, wendet sich an die Polizei. All das ergibt sich aus der Akte, in der Kretschmer in seinem Büro blättert: „Die Frau hat Anzeige erstattet.“

„Wir können solche Maßnahmen ja nicht vorher ankündigen, das macht keinen Sinn.“
Antje Freudenberg, Polizeisprecherin

Jetzt kommt sein Mandant ins Spiel. Denn das Opfer erzählt den Polizisten, der Gärtner, der die Kamera aufgebaut hat, meine, auf den Aufnahmen den Bardowicker erkannt zu haben. Er kenne den jungen Mann, dessen Familie einen Gartenbaubetrieb im Ort führe. Diese Vermutung wird zum Ermittlungsansatz der Polizei. Denn die bestohlene Frau behauptet obendrein, dass der Betrieb des Bardowickers „Geldprobleme“ habe: Keiner verkaufe ihnen mehr Pflanzen, welche sie dann weiterverkaufen können. Eine Behauptung ohne Belege, dem Betrieb geht es nach eigenem Bekunden gut. Das sagt auch der Gärtner, der später als Zeuge vernommen wird.

Die Polizei rückt aus, findet auf dem Friedhof einen Schuhabdruck, den sie fotografiert. Parallel, auch das ergibt sich aus den Akten, überprüfen die Beamten, ob etwas gegen den Bardowicker und seine Mutter vorliegt: negativ, beide unbescholten.

Rechtsanwalt Kretschmer sagt, langsam seien Gerüchte bei der Familie angekommen, der Sohn gelte als Grabräuber. „Die Familie hat sich an mich gewandt“, sagt der Jurist. Auch die Behörden habe man informiert.

„Ein Blick auf den Verdächtigen hätte gereicht“

Doch inzwischen hatte das Ganze eine eigene Dynamik. Die Polizei Bardowick beantragt über die Staatsanwaltschaft einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss, er wird erlassen und umgesetzt: am 1. Oktober. Kurz zur Erinnerung: Die Pflanzen wurden am 27. Juli gestohlen, am 5. September beantragt die Polizei den Beschluss und am 1. Oktober rückt das Bardowicker Quintett zum Hausbesuch an.

Rechtsanwalt Kretschmer stellt eine naheliegende Frage: „Gesetzt den Fall, mein Mandant hätte die Blumen tatsächlich geklaut, wer glaubt denn, dass sie nach zweieinhalb Monaten noch da sind?“ Überhaupt bringt die Durchsuchung nichts: Weder die Blumen, noch passende Schuhe, die mit dem Abdruck vom Friedhof übereinstimmen könnten.

Polizeisprecherin Antje Freudenberg sagt: „Es dauert, bis wir Beschlüsse erhalten. Die Zeugenaussage wies auf den Mann hin, also müssen wir Maßnahmen ergreifen.“ Nun ist der Bardowicker laut Anwalt keine 1,70 Meter groß und besitzt Schuhgröße 37, die vom Friedhof lasse eher auf 43 schließen. Ein Blick auf den Verdächtigen hätte schnell gezeigt, dass zumindest Zweifel daran bestehen, dass er der Täter ist.

Viele Diebstähle werden nicht angezeigt

Für die Polizei ist der Friedhofsklau immer wieder ein Thema, allerdings „kein häufiges“. In Zahlen konnte Polizeisprecherin Antje Freudenberg das aktuell nicht ausdrücken: Zum einen werden die Delikte nicht gesondert erfasst, zum anderen gab es gestern Computerprobleme. Zwei Beispiele aus den vergangenen Jahren. Eine Witwe beobachtete, wie ein Mann vom Grab ihres Mannes eine frische Blumen stahl. Sie folgte ihm und klingelte an der Tür, hinter der er verschwand. Dort stand ein Geburtstagskind mit dem Strauß: „Es gab Erklärungsbedarf.“

In Ebstorf im Kreis Uelzen kam die Polizei auf die Spur eines Seniors. Immer wieder waren Dinge von einem Friedhof verschwunden. Der alte Herr hatte zugegriffen. Vermutlich nicht in böser Absicht, er war verwirrt.

Die Sprecherin sagt: „Wir können solche Maßnahmen ja nicht vorher ankündigen, das macht keinen Sinn.“ Zur Einschätzung Kretschmers, „da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, sagt sie: „Diebstähle auf Friedhöfen sind ein sensibles Thema, das berührt Menschen.“

Die Durchsuchung und ein offenbar falscher Verdacht auch. Bardowicker Gerüchte.

Im Protokoll der Polizei notiert der zuständige Hauptkommissar: „Alle Räumlichkeiten werden ohne Erfolg durchsucht.“ Keine passenden Schuhe, keine Pflanzen, kein Gedenkstein. Nichts. Und „Eine Ähnlichkeit des (Bardowickers, die Redaktion) mit der Person auf den Fotoaufnahmen ist erkennbar, aber aus hiesiger Sicht nicht zweifelsfrei sicher.“

Der 34-Jährige hat übrigens ein Alibi für die entsprechende Zeit: Er hat eine Freundin im Ausland, mit der er sich via Internet in der Nacht unterhalten hat. Kretschmer belegt das mit entsprechenden Chat-Protokollen.

Geredet werde im Dorf noch immer, weiß der Anwalt. So ein Verdacht bleibt. Die Hoffnung: Fakten überzeugen, dass er zu Unrecht besteht.

Von Carlo Eggeling