Dienstag , 17. September 2019
Aktuell
Home | Lokales | Kondomautomat soll Kneipe retten
Das jährliche Geburtstagsständchen für den Kondomautomaten ist aber mehr als eine Gaudi fürs ganze Dorf. Das Konzert zählt zu den Überlebensfaktoren für die Gastwirtschaft. Foto: phs

Kondomautomat soll Kneipe retten

Groß Thondorf. Der Protagonist des Abends besteht aus Blech und hängt im Herrenklo. „Prophylacticum R 3“ steht auf dem Kasten, gebaut 1962 in Berlin. Manch ein junger Mann aus dem Dorf hat hier in der „Eichenquelle“ bloß deshalb eine Cola getrunken, um danach auf der Toilette zu verschwinden und zu hoffen, dass die älteren Herren draußen höflich das Geräusch überhören, das der Mechanismus nach Einwurf der Mark beim Herunterdrücken der Hebel machte.

Die jungen Männer von damals haben heute Kinder, und deren Kinder kaufen ihre Prophylactica nicht mehr im Automaten in der Dorfkneipe, sondern in der Drogerie. Doch der Automat hängt noch immer dort, wo er vor 56 Jahren montiert worden ist. Auch wenn er seit Einführung des Euro nicht mehr bestückt wird, weil der technische Aufwand der Umstellung auf die neuen Münzen zu hoch gewesen wäre.

Kult-Objekt des ganzen Dorfes

Stattdessen mutiert das schmucke Relikt der Sechziger Jahre zum Kult-Objekt des ganzen Dorfes. Und ein Mal im Jahr wird groß gefeiert: Dann lädt Wirt Horst Markgraf (68) zur Geburtstagsparty des Kondomautomaten, und dann drängt sich auch mal eine ganze Band ins Herrenklo.

Kneipenwirt Horst Markgraf auf der Herrentoilette seiner Kneipe neben dem alten Kondomautomaten aus dem Jahr 1962. Foto: phs

Der kurze Ortswechsel der Band von der Bühne zum Urinal ist Tradition, seit man in Groß Thondorf Kondomautomaten-Geburtstag feiert. „Ist schließlich Kondom-Party“, sagt Horst und zuckt beinahe entschuldigend mit den Schultern. „Da ist das so.“

Erfunden hat die Kondom-Party dabei gar nicht der Wirt selbst, sondern sein Nachbar. Christian von Stern ist vor mehr als 20 Jahren ins Dorf gezogen und weiß, wie schwer es Landgasthöfe in Zeiten veränderter Ausgehkultur haben. „Wir schaffen Inszenierungen, Brücken in die bürgerlich-urbane Welt“, formuliert es der 55-Jährige. Und eine dieser Inszenierungen sind Rockkonzerte seiner Freizeit-Band „Miss Myer“, erstmals veranstaltet im Jahr 2012 zum 50. Geburtstag des Gummi-Automaten.

Kneipe bildet den Mittelpunkt

Und wenn Kondom-Party ist, dann kommt das ganze Dorf. Zum Beispiel Andre Schumacher: „Ich wüsste keinen Grund, nicht zu kommen“, sagt der 39-Jährige. „Die Kneipe bildet den Mittelpunkt unseres Dorfes. Die Kondom-Party ist Kult.“ Genauso selbstverständlich ist es für Nicole, ihrem Patenonkel Horst und seiner Frau Rosi an Festtagen wie diesen unter die Arme zu greifen. „Hier war schon meine Taufe, hier bin ich jeden Mittwoch zum Knobeln. Die Kneipe ist der zentrale Treffpunkt und total wichtig für den Ort“, sagt die 26-Jährige.

Sogar Alt und Jung mischen sich bei Horst und Rosi: „Ich bin viel mit meinem Vater hier“, erzählt Annika (19). „Seit ich lebe, gehen wir hier hin.“ Florian ist erst vor einem Monat von Bremen nach Groß Thondorf gezogen und froh, dass es die „Eichenquelle“ gibt. „Ich finde Kneipen super“, sagt der 19-Jährige. „In Clubs ist es zu laut, um sich zu unterhalten. Hier kann man sich richtig kennen lernen.“

Das jährliche Geburtstagsständchen für den Kondomautomaten ist aber mehr als eine Gaudi fürs ganze Dorf. Das Konzert zählt zu den Überlebensfaktoren für die Gastwirtschaft. Denn ohne Anlässe wie Familienfeiern, Martinimarkt oder eben Kondom-Party müssten Horst und Rosi wohl wie viele andere Wirte ihre Kneipe schließen: Vom Kaffee der älteren Bauern am Morgen und dem Bier der Jüngeren am Abend lässt sich schlecht leben in einem 400-Einwohner-Ort.

„Letztlich hat jeder einzelne Kneipenbesucher Einfluss darauf, ob seine Stammkneipe eine Chance auf Überleben hat oder nicht.“ – Renate Mitulla , Dehoga-Geschäftsführerin

So gelingt in Groß Thondorf etwas, das in Niedersachsen selten geworden ist. Laut Statistischem Landesamt hat in den vergangenen zehn Jahren jeder dritte sogenannte getränkegeprägte Betrieb aufgegeben. „Das Thema Kneipensterben beschäftigt uns schon seit Jahren“, sagt Renate Mitulla, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Niedersachsen. „Und dieser Trend wird sich fortsetzen.“

Nicht nur in der strukturschwachen Fläche, sondern auch in städtischen Lagen machen immer mehr Kneipen zu. „Problematisch dabei sind mehrere Gründe“, sagt Renate Mitulla. „Kultkneipen werden glorifiziert, und wenn sie schließen, meckern viele, aber gerade auch diejenigen, die am Ende immer seltener oder gar nicht mehr hingegangen sind.“ Letztlich habe jeder einzelne Kneipenbesucher Einfluss darauf, ob seine Stammkneipe eine Überlebenschance hat oder nicht.

Rahmenbedingungen haben sich geändert

„Wir gehen positiv davon aus, dass es auch in Zukunft noch Kneipen und getränkeorientierte Gaststätten und Restaurants geben wird“, sagt Mitulla. „Es ändern sich zwar die Rahmenbedingungen, das heißt man braucht mehr Fläche. 60 bis 80 Plätze, drinnen und draußen. Öffnungszeiten müssen sich verändern, ein breites Angebot auf der Karte ist förderlich, und generell ist Berechenbarkeit wichtig. Die Gäste, die kommen, müssen aber auch verstehen, was eine Kneipe ausmacht, und das Gastgewerbe im Allgemeinen muss wieder eine höhere Wertschätzung erfahren.“

Zu viele Stammgäste bleiben weg

Das Ausbleiben von Stammgästen, die Abkehr von der jahrzehntelangen Kultur des Feierabendbieres und verändertes Ausgehverhalten bei jüngeren Menschen sind das eine, das laut Renate Mitulla den Wirten das Leben schwer macht. Das andere seien Bürokratie und Auflagen wie etwa im Arbeitsschutz, in der Hygiene, im Lärmschutz bei Außenbewirtschaftung oder in der Allergenkennzeichnung. „Hier stoßen viele Gastronomen finanziell und operativ an ihre Grenzen“, sagt Mitulla.

„Mittlerweile kann davon ausgegangen werden, dass die meiste Energie eines Unternehmers für den bürokratischen Aufwand verwendet werden muss und nicht mehr für die gute Präsentation eines Restaurants oder einer Kneipe und nicht mehr für die Kommunikation mit den Gästen.“

Doch für die ist ein Mann wie Horst immer zu haben.

von Carolin George