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Ein letztes Mal öffnete das Team der Kleiderkammer im Keller des ehemaligen Krankenhauses Scharnebeck die Spendenräume. Ob sie an einem anderen Ort eine neue Heimat finden werden, ist bisher noch offen. Foto: t&w

Aus für Kleiderkammer

Scharnebeck. Zwangs-Aus für die Kleiderkammer im ehemaligen Scharnebecker Krankenhaus: Drei Jahre nach der Gründung öffnete das 26-köpfige Team gestern ein letztes Mal seine Spendenräume in den ehemaligen Operationssälen. „Wir müssen zumachen, denn der Landkreis Lüneburg hat uns den Weiterbetrieb in dem Gebäude untersagt“, sagt Brigitte Müller. Ob sie die Kleiderkammer nun an einem anderen Ort weiterführen können, ist offen. „Es gibt ein Angebot“, erklärt sie, „doch noch ist nicht sicher, ob wir das auch finanzieren können.“

Entstanden ist die Kleiderkammer 2015 auf Initiative einer Gruppe ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer. Damals hatte der Landkreis Lüneburg in dem Krankenhaus eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet, „wir gingen hin, um unsere Unterstützung anzubieten“, erinnert sich Müller. Zunächst halfen sie nur beim Kleidersortieren, dann gründeten sie eine Kleiderkammer. „Die richtete sich ein Jahr lang ausschließlich an Flüchtlinge, bevor wir sie im November 2016 für Jedermann öffneten.“

50 bis 100 Kunden pro Tag

Geöffnet hatte die Kleiderkammer jeden zweiten Montag, gekommen sind laut Müller jeweils zwischen 50 und 100 Kunden. „Wir bekamen Spenden aus der ganzen Region“, berichtet Müller, „und auch unsere Besucher kamen aus dem gesamten Umkreis.“ Verteilt auf mehrere Räume gab es Kinder-, Damen- und Herrenkleidung, Schuhe in allen Größen, Küchenutensilien, Bettwäsche, Gürtel, Taschen, Dessous – und seit kurzem sogar eine kleine Kaffee-Ecke. „Die Räumlichkeiten waren perfekt“, sagt Müller. Das zumindest ist ihre Perspektive.

Der Landkreis hingegen sieht in dieser Nutzung der ehemaligen OP-Räume vor allem eines: Probleme. Durch die Öffnung der Kleiderkammer für Jedermann sei der Lagerumfang deutlich gestiegen, dadurch der Brandschutz nicht mehr gesichert, erklärt Kreissprecherin Isabel Wesselink. Für die „Abgabe von Kleidung und anderen Ausstattungs- und Einrichtungsgegenständen an Dritte“ bräuchte es neben „teuren baulichen Änderungen“ zudem eine „Nutzungsänderungsgenehmigung“. Doch der Bebauungsplan berücksichtige nur „Anlagen für gesundheitliche Zwecke“. Kurzum: Aus Sicht des Kreises ist „der Betrieb eines Kleiderladens für Dritte nicht genehmigungsfähig“.

Dass der Betrieb dennoch zwei Jahre reibungslos lief, erklärt der Landkreis mit Nichtwissen. Die Öffnung der Kleiderkammer für Dritte sei ihnen nicht gemeldet worden, erst im letzten Monat habe der Fachdienst Gebäudewirtschaft davon erfahren. Die Konsequenz war für das Kleiderkammer-Team ein Schock, „da sind unheimlich viele Tränen geflossen“, berichtet Müller. „Denn wir alle haben das hier mit Herzblut gemacht.“

„Wir alle haben das hier mit Herzblut gemacht.“ – Brigitte Müller , Ehrenamtliche

Inzwischen allerdings gibt es Hoffnung. „Uns wurde in Scharnebeck eine Lagerhalle zur Miete angeboten“, erzählt Müller, „allerdings müssen wir dafür monatlich 700 Euro zahlen.“ Geld, das das Kleiderkammer-Team allein schwerlich aufbringen kann. „Denn das, was wir auf Spendenbasis einnehmen, soll auch weiterhin besonders Bedürftigen oder Hilfsorganisationen zugute kommen.“ Also haben Müller und Mitstreiter bei der Helmut-Bockelmann-Hilfsinitiative, der Gemeinde und der Samtgemeinde Scharnebeck Anträge gestellt. „Wir hoffen, dass wir gemeinsam die Miete stemmen können.“

Versprechen kann Samtgemeindebürgermeister Laars Gerstenkorn (CDU) bisher zwar noch nichts, doch er versichert: „Ich persönlich möchte dieses Engagement gerne unterstützen.“ Neben einem finanziellen Zuschuss könne er sich auch vorstellen, die Kleiderkammer in eins der samtgemeindeeigenen Gebäude zu verlegen. „Das sind bisher allerdings nur Gedankenspiele“, betont er, „aber ich verspreche, dass wir uns der Sache annehmen werden.“

Ein Großteil des Kleiderkammer-Teams hat sich ebenfalls bereit erklärt, weiterzumachen. „Da die Schere zwischen Armut und Reichtum immer größer wird und wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, möchten wir diese soziale Einrichtung einfach gerne erhalten“, sagt Müller.

Kunden-Stimmen

„Eine wunderbare Sache“

Die Kleiderkammer ist dem Team ans Herz gewachsen – und den Kunden. Renate Schüller kam regelmäßig ins Krankenhaus, „und ich habe eigentlich immer etwas gefunden“, sagt sie. Mal eine Hose oder Winterschuhe für eins ihrer vier Kinder, mal ein Paar Stiefel oder einen Pullover für sich. „Ein paar Mal habe ich auch selbst Sachen hergebracht und mich dann wahnsinnig gefreut, wenn ich auf der Straße ein Mädchen in dem ehemaligen Kleid meiner Tochter gesehen habe.“

Das Aus der Einrichtung bedauert sie. „Das ist so eine wunderbare Sache“. Auch Mechthild Schürmann hat wenig Verständnis für die Zwangs-Schließung. „Hier wird so tolle Arbeit gemacht, das kann ich einfach nicht verstehen.“ Als Krankenschwester hat sie früher selbst in den OP-Sälen des Krankenhauses gearbeitet, „da war es schön zu sehen, dass hier wieder Leben im Haus ist“. Damit wird es nun allerdings vorbei sein. „Einfach nur schade“, findet sie.

von Anna Sprockhoff