Donnerstag , 19. September 2019
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Weit mehr als hundert Lüneburger nahmen an der Gedenkfeier am Mahnmal an der Lindenstraße teil. Foto: t&w

„Dieses Mahnmal ist alleine den Opfern gewidmet“

Lüneburg. Bürger aus Hansestadt und Landkreis erinnerten gestern am Volkstrauertag an Mahnmalen und in Gottesdiensten an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltbe reitschaft und Gewaltherrschaft aller Nationen. Auch am Mahnmal an der Lindenstraße, wo die Gedenkfeier zeitweise auf der Kippe stand: Oberbürgermeister Ulrich Mädge hatte in einer Ratssitzung geäußert, er überlege, auf diese Feier zu verzichten – aus Respekt vor den Opfern der Gewaltherrschaft.

Zum lautstarken Protest kam es nicht

Oberbürgermeister Ulrich Mädge (r.) und Bürgermeister Eduard Kolle legen den Kranz der Hansestadt am Mahnmal an der Lindenstraße nieder. Foto: t&w
Oberbürgermeister Ulrich Mädge (r.) und Bürgermeister Eduard Kolle legen den Kranz der Hansestadt am Mahnmal an der Lindenstraße nieder. Foto: t&w

Denn im Vorjahr hatte die AfD dort einen Kranz mit der Aufschrift „Für unsere gefallenen Soldaten“ niedergelegt. Im Vorfeld nun hatte die Antifaschistische Aktion (Antifa) ihre Mitglieder zur Teilnahme an der Gedenkstunde unter dem Motto „Ein Auftreten der AfD verhindern“ aufgerufen, unterhielt Unterstützung beispielsweise von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und von der sozialistischen Jugendorganisation Die Falken.

Zu dem angekündigten lautstarken Protest allerdings kam es nicht, leidglich zu einer Mahnwache der Antifa vor dem offiziellen Part, bei dem die AfD unter anderem mit ihrem Kreisvorsitzenden und Landtagsmitglied Stephan Bothe vertreten war. Auf eine Kranzniederlegung verzichtete die AfD.

Bei der Kranzniederlegung am Mahnmal an der Lindenstraße fand Oberbürgermeister Ulrich Mädge klare Worte: „Dies ist ein Mahnmal, das den Opfern gewidmet ist, ihnen alleine und nicht den Tätern.“ Seit 28 Jahren versammelten sich Bürgerinnen und Bürger sowie Ratsmitglieder jedes Jahr hier, um den Opfern des Faschismus zu gedenken: „Dieses Mahnmal ist ein wichtiger Ort unserer Erinnerungs- und Gedenkkultur in Lüneburg. Es ist ein Ort für die Kinder, Frauen und Männer, die verfolgt und ermordet wurden in Gefängnissen und Konzentrationslagern, weil sie Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Verfolgte, Zwangsarbeiter, oder einfach Menschen waren, die nicht in das Bild der Nazi-Ideologie passten. Es ist ein Gedenkort für diejenigen, denen Ihre Würde und Ihr Leben genommen wurden.“

„Eine Mahnung an uns alle, wachsam zu bleiben“

Mädge sagte weiter: „Neben den Opfern des Holocaust gedenken wir an diesem Trauertag auch all jenen Menschen, die in den zwei Weltkriegen starben, bei Bombenangriffen, auf der Flucht, in den Gefangenenlagern. Ebenso gedenken wir denjenigen, die aktuell in vielen Teilen der Welt verfolgt werden, die unter Hass, Gewalt, Terror und Krieg leiden und denen die Möglichkeit auf ein glückliches Leben in ihren Heimatländern verwehrt ist. Wir denken an die Kinder, die in ihrem Leben bisher nur den Krieg kennengelernt haben und ihre Familien, deren Existenzen zerstört wurden. Dieser Tag erinnert an die Sinnlosigkeit des Krieges zu jeder Zeit und an seine Opfer. Ihr Leiden kann nicht mit Zahlen beziffert und nicht in Worte gefasst werden.“ Der Volkstrauertag sei auch „eine Mahnung an uns alle, wachsam zu bleiben, damit sich die Geschichte nicht wiederholt“.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von Schülern der Musikschule Lüneburg. Das Gebet sprach Superintendentin Christine Schmid, die sich dafür allerdings keinen kirchlichen Text, sondern das „Gebet der Vereinten Nationen“ aussuchte, das der amerikanische Dichter und Pulitzer-Preisträger Stephen Vincent Benét im Jahre 1942 schrieb – „mitten in der Zeit des Nationalsozialismus, dessen Opfer wir heute gedenken“.

Von Rainer Schubert