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Tierärzte Notdienst
Notdienst in der Tierklinik Oerzen: Dr. Urte Inkmann und Isabell Papke untersuchen Mopsmischling Lilly. Besitzer Klaus Meyer fürchtete am Samstagabend um das Leben seines Hundes, dank des 24-Stunden-Bereitschaftsdienstes konnte er sie sofort in die Klinik bringen. (Foto: t&w)

Die Not mit dem Notdienst

Lüneburg/Melbeck. Es ist Samstagabend, kurz vor sechs, als Klaus Meyer die Angst packt. Neben ihm sitzt Mopsmischling Lil­ly auf dem Sofa und hechelt. Viel zu schnell, irgendwie panisch, denkt er, vielleicht sogar krankhaft? Er streichelt sie, versucht zu beruhigen, doch das Hecheln wird nicht besser, eher schlimmer. Nach zehn Minuten ruft er in der Tierklinik Oerzen an. Keine halbe Stunde später sitzt Lilly vor Dr. Urte Inkmann auf dem Behandlungstisch. „Gut, dass Sie da sind“, sagt er zu der Tierärztin, ohne seine Hündin aus den Augen zu lassen, „ich hatte schon Angst, dass Lilly krepiert.“

„Gut, dass Sie da sind. Ich hatte schon Angst, dass Lilly krepiert.“ – Klaus Meyer , Hundebesitzer

Da sein, rund um die Uhr, das ist an diesem Wochenende Inkmanns Job – und für die meisten Tierbesitzer selbstverständlich. Wie es wäre ohne eine 24-Stunden-Bereitschaft? Für Hundehalter Meyer unvorstellbar. Lilly, sagt er, sei für ihn doch wie ein Kind. „Da muss im Notfall jemand für sie da sein.“

Tatsächlich muss in einer Tierklinik rund um die Uhr ein Tierarzt bereitstehen. Das schreiben die Klinikrichtlinien aller Landestierärztekammern vor. Doch Tatsache ist, dass genau das für immer mehr Kliniken zum Problem wird. „Erste Kollegen im Land haben deshalb ihre Klinikzulassung zurückgegeben“, sagt der Vorsitzende der Tierärzteschaft Lüneburg, Stephan Schlawinsky. Andere spielten mit dem Gedanken. „Bei den Tierkliniken Oerzen und Lüneburg ist es noch nicht ganz so schlimm.“ Doch auch dort fragen sich die Verantwortlichen: Wie lange geht das noch gut?

Gesetz macht keine Ausnahme für Tierärzte

Ein Problem, mit dem die Klinikbetreiber zu kämpfen haben, ist das Arbeitszeitengesetz. „In der Humanmedizin können Ärzte von Gesetz her 48 Stunden durcharbeiten“, sagt Schlawinsky. „In der Veterinärmedizin gibt es diese Ausnahme nicht.“ In einer Tierklinik dürfen die Veterinäre also maximal zehn Stunden am Stück arbeiten, „das heißt, statt einmal im Monat ein Wochenende lang durchzuarbeiten, müssen die Kollegen mehrmals im Monat Notdienst schieben“. Stress, den sich viele junge Tierärzte und Helfer nicht mehr zumuten wollen. Die Folge: „Wir haben immer größere Probleme, Leute zu finden.“

Dazu kommt, dass Notdienste nicht kostendeckend sind, die Kunden immer anspruchsvoller werden. „Das ist inzwischen ähnlich wie in der Humanmedizin“, sagt Schlawinsky, „da wird gemotzt, wenn es nicht schnell genug geht, zudem ein Notdienst immer wieder genutzt, obwohl absolut kein Notfall vorliegt.“ Eine Situation, die den Job des Tierarztes für viele zusätzlich unattraktiv macht – und die Personalnot noch weiter verschärft.

„In der Humanmedizin können Ärzte vom Gesetz her 48 Stunden durcharbeiten. In der Veterinärmedizin gibt es diese Ausnahme nicht.“ – Stephan Schlawinksy , Vorsitzender der Tierärzteschaft

Auf Bundesebene gibt es inzwischen sogar eine eigene Arbeitsgemeinschaft Notdienst. Als Vorsitzender der Bundestierärzteschaft sucht dort unter anderem der Lüneburger Tierarzt, Dr. Uwe Tiedemann, nach Lösungen. „Wir arbeiten aktuell zum Beispiel an einem Flyer, der die Tierbesitzer dafür sensibilisieren soll, was ein Notfall ist und was nicht.“ Parallel liefen Gespräche mit der Bundesregierung über eine Lockerung des Arbeitszeitengesetzes. Auch eine App sei in der Diskussion, über die sich Tierhalter bei Problemen eine Ersteinschätzung einholen können. „Wir sind also dran und hoffen, zeitnah zumindest eine Verbesserung der Situation zu erreichen“, sagt Tiedemann.

Wie drängend das Problem in einigen Regionen bereits ist, dafür genügt schon ein Blick in den Nachbarlandkreis Lüchow-Dannenberg. „Dort gibt es de facto keinen verlässlichen Notdienst mehr“, berichtet Schlawsinky. Und das, obwohl das Berufsrecht jeden Tierarzt in Niedersachsen eigentlich in die Notdienstpflicht nimmt. Klassisch schließen sich dafür mehrere Praxen zu einem Notdienstring zusammen und organisieren eine wechselnde Dienstbereitschaft. Das Problem: „In einigen Regionen gibt es inzwischen so wenige Tierärzte, dass auch das nicht mehr zu gewährleisten ist.“ Da bleibt den Tierhaltern im Notfall nur noch die Fahrt zum nächstgelegenen diensthabenden Tierarzt oder eben zur nächsten Klinik.

Praxen schließen sich zusammen

Zustände, die im Landkreis Lüneburg vorerst nicht zu befürchten sind. „Hier organisieren neben den Tierkliniken auch viele Praxen noch selbst ihren Notdienst“, sagt Schlawinsky. Dennoch fällt es auch einem Dr. Dirk Remien von der Tierklinik Lüneburg zunehmend schwer, eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft zu garantieren. „Das Problem ist da“, sagt er, „aber wir müssen es schaffen, da tragbare Systeme zu finden.“ Gelingt das nicht, müsste Mopsmischling Lilly die Konsequenzen tragen. „Und das“, sagt Remien, „darf nicht sein.“

Von Anna Sprockhoff