Aktuell
Home | Lokales | Bartons Beine
Künstliche Körperteile
Ob Orthesen oder Prothesen: Der Orthopädietechnikmechaniker Björn Barton ist begeistert von Technik im Dienst der Menschen. (Foto: Heidelberg-Stein)

Bartons Beine

Lüneburg. Björn Barton ist sieben Jahre alt, als sich sein Knie-Knorpel abzulösen droht. „Ruhig stellen“, ordnen die Ärzte an. Setzen ihn in einen Rollstuhl, packen das linke Bein in eine Orthese. Das medizinische Hilfsmittel umklammert den Körperteil wie eine Zange. So verbringt der heute 38-Jährige zwei Jahre seiner Kindheit im Rollstuhl.

„Das war natürlich nicht schön“, erinnert er sich, „aber hilft im Job echt weiter!“ Die Erfahrung nämlich weckte nicht nur sein Interesse für Orthopädie, Muskeln, Knochenbau. Sie sensibilisierte Barton auch für Kunden; Verständnis ist sein Gut. Er weiß genau, wie sich manch Gegenüber beim ersten Besuch im Fachgeschäft fühlt: ausgeliefert und verletzlich. Wer sich plötzlich nicht mehr auf seinen Körper verlassen kann, zweifelt an sich selbst.

„Jede kleine Verbesserung ist für den Anwender Lebensqualität pur!“ – Björn Barton , Orthopädietechniker

Bis er Björn Barton trifft. Der Familienvater wirkt mit seiner glatten Haut, dem vollen Haar um einiges jünger. Doch er strahlt eine Ruhe aus, die abfärbt: Der Blick durch die Brille ist fest, die Stimme gedämpft. Spricht er über seinen Beruf, klingt die Expertise durch jeden Satz. „Wir kriegen das hin!“, lautet die Botschaft. Sein Chef Norman Fittkau sieht ihn als einen der wichtigsten Leistungsträger beim Lüneburger Unternehmen Reha-OT. Was er am meisten an Barton schätzt? „Er ist ein besonnener Typ“, sagt Fittkau, „bleibt immer sachlich“. Zugleich aber brenne er für den Job.

Begeisterung für Technik

Die Begeisterung für Technik im Dienst des Menschen etwa lässt Barton selbst in der Freizeit nicht los. Seit 25 Jahren arbeitet er für die Freiwillige Feuerwehr, derzeit als stellvertretender Tauchgruppenleiter. Mit Kameraden birgt er Schiffe, Autos, manchmal auch Leichen aus Lüneburgs Gewässern. Vielleicht bleibt er wegen solch existenzieller Erlebnisse bescheiden. „Ich bin nur Orthopädietechnikmechaniker“, beschreibt Barton sich selbst. „Ich kann alles ein bisschen, aber nichts wirklich gut.“ Dabei hat er seinen Meister in der Tasche, ist längst zum Werkstattleiter aufgestiegen.

Unter Bartons Blick vermessen die Kollegen Unfallopfer, Körperbehinderte, Schlaganfallpatienten. Sie fertigen Prothesen aus Carbon und Leder, Gips und Stahl, Elektronik und Silikon. Heute zum Beispiel steht ein Hilfsmittel für einen Kunden auf dem Plan, dem Ärzte den Unterschenkel amputieren mussten. Barton hat den Stumpf millime-tergenau vermessen, gießt aus Gips ein Modell, modelliert es per Hand. Dann huscht er damit über den Flur in den so genannten Tiefziehraum: Der Meister spannt eine Kunststoff-Platte in eine Halterung, erhitzt sie und zieht sie unter Vakuum über das Gipsmodell. Das „Tiefziehen“ sieht aus wie moderne Kunst, es riecht scharf nach Plastik. Ein Schaft entsteht, mit der der Techniker später Passform und Statik prüft: Der Patient läuft Probe über Schrägen und Treppen. Erst dann erarbeitet Barton den endgültigen Schaft aus Carbon-Glasfasertechnik.

Mit Hightech näher an die Perfektion

So reibungslos verläuft der Job allerdings selten. Besonders Hightech-Hilfsmittel verlangen höchste Konzentration – gerade deshalb haben sie es dem Meister angetan. Hightech kann fehlende Körperteile nahezu ideal ersetzen. Damit kommt sie Bartons Anspruch am nächsten: Perfektion. Über Mikroprozessor und Sensoren passen sich künstliche Gliedmaßen etwa am Unterschenkel dem Schrittzyklus an, bewegen sich, selbst auf schwierigem Gelände, wie gesunde Beine. Auch Leistungssportler stattet der Werkstattleiter aus, trotz Amputation sprinten, springen, schwimmen sie.

Für solche Erfolge liebt der 38-Jährige seinen Job. Obwohl sie oft viel Geduld verlangen. Nie wird er etwa die Prothese für ein junges Mädchen vergessen, die einfach nicht passen wollte. Wegen Wassereinlagerungen veränderte sich der Umfang des Oberschenkels täglich um mehrere Zentimeter. Stets rutschte irgendwas oder klemmte – und das Mädchen litt. Wenn Teenager sich mit Akne kaum mehr in die Schule trauen, wie muss es erst sein mit einem künstlichen Bein, das ständig abfällt?

Gefragt sind passgenaue und individuelle Anfertigungen

Zwei Jahre suchte die Werkstatt eine Lösung, „erreichte aber immer nur Kompromisse“, klagt Barton. Schließlich kam den Kollegen die rettende Idee: Sie entwickelten eine neue Schafttechnik mit elektrischer Pumpe, die je nach Umfang den Körper an die Prothese saugte. Das Mädchen probierte das Hilfsmittel an. Es passte, morgens wie abends. „Endlich!“, ruft Barton, strahlt beim Gedanken daran noch heute. Was für ein Durchbruch im Leben des Kindes.

Oft kommen Leute zu ihm, die bereits vergebens in anderen orthopädischen Fachgeschäften Hilfe suchten. Schwerstbehinderte Kinder etwa, deren Eltern hoffen, ihren Nachwuchs einmal im Leben sitzen zu sehen. Oder, nach Unfällen, frisch amputierte Kunden. Wenn sie zum ersten Termin erscheinen, haben sie den Verlust ihrer Gliedmaßen oft noch nicht verwunden. „Das führt zu überhöhten Erwartungen“, weiß Barton. Manche Menschen stecken fest in ihrer Trauer, andere sind verbittert.

Trotzdem oder gerade deshalb leitet Barton seine Werkstatt nach dem Motto: Das Beste ist gerade gut genug. Weil klar ist: „Wenn das Hilfsmittel nicht richtig passt, versauen wir den Leuten das Leben.“ Dieser Gedanke treibt ihn um, auch nach Feierabend, wenn seine zwei Kinder um ihn herumtoben. Noch im Schlaf grübelt er, wie manch Prothese zu optimieren ist. „Jede kleine Verbesserung ist für den Anwender Lebensqualität pur!“ Anders als etwa bei Kfz-Mechanikern steht am Ende immer ein Mensch.

Krankenkasse will nicht zahlen

In Bartons Werkstatt klingelt das Telefon, der Chef ruft an. Schlechte Nachrichten: Eine Krankenkasse will das Hilfsmittel für einen Kunden nicht zahlen. Die Kollegen sollen billigeres Material verwenden. Der Meister presst die Lippen zusammen. So was muss ihn wahnsinnig machen: Wenn eine Krankenkasse „nur über Aktenlage“ entscheidet, das Hilfsmittel ablehnt, das Barton nach mühevollen Vermessungen, Kundengesprächen, Videodokumentationen als ideal eingestuft hat. Reha OT tritt dann als Bittsteller auf, versucht, im Sinne des Betroffenen zu vermitteln. Die wenigsten Menschen können schließlich einen orthopädischen Schuh für rund 1300 Euro aus eigener Tasche zahlen, erst recht nicht einen Rollstuhl, dessen Sonderbaukosten bei rund 3500 Euro beginnen. Selbst, wenn Kunden das Hilfsmittel dringend brauchen: Ohne die Zustimmung der Kassen geht gar nichts.

Barton weiß das aus seiner eigenen Zeit im Rollstuhl. Er hatte Glück, die Orthese rettete damals seinen Knieknorpel. Orthopädietechnik wurde zu einem Teil seiner Erfolgsgeschichte: Bartons Beine sind heute wieder gesund.

Von Anna Heidelberg-Stein

Hintergrund

Das Meister-ABC

Schon der Name des Berufs klingt sperrig: Orthopädietechnikmechaniker. Was steckt dahinter, welche Bereiche deckt der Job ab?

  • Prothetik: Schaffen eines künstlichen Ersatzteils für den Körper, z.B. Hüfte oder Bein
  • Orthetik: Schaffen eines Hilfsmittels zur Unterstützung des Körpers, z.B. Korsett, Schiene
  • Rehabilitationstechnik: Bau und Umbau von Rollstühlen, Scootern (Elektromobil), Gehhilfen
  • Bandagist: Produktion von Kompressionsstrümpfen und Bandagen zur Unterstützung des Körpers
Der Weg in den Job

Von Ausbildung bis Studium

Die Ausbildung zum Orthopädietechnikmechaniker erfolgt im dualen System: drei Jahre in Betrieb und Berufsschule, parallel besuchen Azubis Lehrgänge in Werkstätten. Aktuell gibt es im Landkreis Lüneburg zehn Lehrlinge. Sie gehen in die Berufsschule in Hannover (BbS ME Otto-Brenner), die einzige ihrer Art in Niedersachsen. Im Landkreis Lüneburg gibt es zehn Betriebe, die das Handwerk des Orthopädietechnikmechanikers ausüben.

Weitere Informationen bietet die Innung für Orthopädie-Technik Nord, https://www.ot-nord.de.

Teil 1 und 2 unserer Heinzelmännchen-Serie:

Ein Ranger für alle Fälle

„Viele Hände, schnelles Ende“