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Vom eigenen Tod erfahren

Lüneburg. Nur zufällig hat Matthias Bachmann* von seinem eigenen Tod erfahren. Dabei wollte er eigentlich nur Geld bei der Sparkasse abheben. Als ihm der Automa t den Dienst verweigerte, fragte der 51-Jährige einen Mitarbeiter am Tresen. Der reagierte überrascht. „Sie sind doch tot“ – bei dem Satz dachte Bachmann zuerst an einen schlechten Scherz, doch dann zeichnete sich ab: Seine Konten wurden gesperrt, weil die Bank tatsächlich davon ausgeht, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Die Falschmeldung hat die Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-Hannover herausgegeben. Mit der Institution liegt der Familienvater aus Neetze im Clinch.

„Der Rentenberechtigte ist am 30.09.2018 verstorben. Die Rente wurde überzahlt“, ist in dem Schreiben zu lesen, das der Renten-Service am 6. November an die Lüneburger Sparkasse geschickt hat. Im zweiten Absatz wird darum gebeten, die Geldleistungen, die „nach dem Todesmonat“ ausgezahlt wurden, zurückzuüberwiesen.

Er leidet unter Depressionen und Angststörungen

Für Anwalt Jens-Uwe Thümer ist diese Rückforderung der Höhepunkt eines Streits, der nun auch das Sozialgericht beschäftigen wird. Anfang November hat er Klage eingereicht. Im Wesentlichen geht es darum, dass der Antrag Bachmanns, weiterhin die volle Erwerbsminderungsrente zu erhalten, von der Rentenversicherung abgelehnt wurde. Weil er unter Depressionen und Angststörungen leidet, hat er vom 1. Juli 2012 an bis zum 30. September diesen Jahres monatlich rund 1300 Euro ausbezahlt bekommen.

Die Freude darüber, dass der Betrag auch im Oktober noch überwiesen wurde, währte bekanntlich nicht lang. Thümer kann sich das Vorgehen der Rentenversicherung nicht erklären. „Das macht schon einen schlechten Eindruck, jemanden als tot auszugeben.“ Zurück bleibe das Gefühl, diesen Weg gewählt zu haben, um sich das Oktober-Geld zurückzuholen, das versehentlich überwiesen wurde.

Anspruch auf volle Erwerbsminderungsrente

Der Anwalt ist überzeugt, dass Bachmann weiterhin Anspruch auf die volle Erwerbsminderungsrente hat. Gesundheitlich habe sich in den vergangenen Jahren nichts verändert, er sei nach wie vor nicht in der Lage, zu arbeiten. Der Arzt, den die Rentenversicherung mit der Untersuchung Bachmanns beauftragt hat, ist anderer Meinung: Er könne wieder „vollschichtig“ arbeiten, allerdings nicht in dem Beruf, den er erlernt hat. Standardtätigkeiten in einem Büro seien aber durchaus möglich.

Die Diagnosen „depressives Syndrom“ und „phobische Ängste“ hat die Psychiatrische Klinik im November 2011 gestellt, da­raufhin hat sich Bachmann in psychotherapeutische Behandlung begeben. Seine Psychologin hat erst vor kurzem bestätigt, dass er nach wie vor unter Schlafstörungen leide, antriebslos und erschöpfbar, gleichzeitig von Schuldgefühlen geplagt sei.

Anwalt fordert Schmerzensgeld

„Es ist leider über die Jahre zu keiner deutlichen Befundverbesserung gekommen“, ist in der Stellungnahme zu lesen. Die Konfrontation mit dem eigenen Tod habe ihm nun den „endgültigen Kick“ gegeben, sagt Thümer, der darüber auch die Rentenversicherung informiert hat. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Er hat durch die Mitteilung und die sich hieraus anschließende Sperrung seiner Bankverbindung einen Schock erlitten. Die Medikamentendosis musste auf die maximale Dosis erhöht werden.“ Nun fordert der Anwalt im Namen seines Mandanten Schmerzensgeld.

Bis heute kann Matthias Bachmann nicht auf seine Konten zugreifen. Obwohl er den Irrtum mit dem Vorzeigen seines Personalausweises auflösen konnte, sind längst bürokratische Abläufe in Gang geraten – ein normales Prozedere, wenn ein Kontoinhaber für tot erklärt wird. Thümer: „Das Erstellen einer neuen EC-Karte ist da die kleinste Herausforderung.“

Von Anna Paarmann

*Name geändert

Stellungnahme

Ein falscher Klick

„Das ist unser Fehler“, sagt Wolf-Dieter Burde, Pressesprecher der Rentenversicherung, auf LZ-Nachfrage. Er sei der Frage, wie es zu einem solchen Irrtum kommen konnte, nachgegangen. Ergebnis: Wegen einer Fehlermeldung hätten Mitarbeiter in ein System eingreifen müssen, das normalerweise maschinell gesteuert werde. Dabei sei versehentlich der Tod als Grund für die Einstellung der Rente angeklickt worden.

Im Fall von Matthias Bachmann sei die Mitteilung, dass das Geld nicht länger gezahlt wird, im August an den Renten-Service der Deutschen Post AG rausgegangen. Die zahlt für die Rentenversicherung die Renten aus. Davon, dass Daten nicht verarbeitet werden konnten, habe man allerdings erst am 24. Oktober erfahren. Deshalb sei die Summe in dem Monat auch noch überwiesen worden.

„Mir ist bewusst, dass dieser Fehler einen Rattenschwanz an nervigen Angelegenheiten und viel Ärger nach sich gezogen hat. Das tut uns sehr leid.“ Burde räumt aber auch ein, dass es nicht das erste Mal sei, dass die Rentenversicherung jemanden für tot erklärt. „Das passiert alle drei, vier Jahre.“

8 Kommentare

  1. man stelle sich vor, man ist gestorben und selbst hat man es nicht mitbekommen. und dann ist auch noch rente über. ob derjenige sich im grab umdrehen würde,wenn er es gewahr wird? welch ein glückspilz, 1300 euro erwerbsminderungsrente. tja, so ist das mit der gnade der ,,späten ,, geburt. er darf sich freuen, todkrank ist er nicht.

  2. Ich finde ihren Kommentar zynisch und unangemessen. Nicht nur Langzeitarbeitslosen, auch erwerbsunfähigen Menschen wird immer wieder grundlos und pauschal Drückebergerturm unterstellt. Nach außen mag es für manche den Anschein haben, das diese Leute ein materiell sorgenfreies Leben führen. Aber tauschen würden sie mit denen nicht wollen, glauben sie mir!

    • Lüneburger
      wen meinen sie? mich, der selbst todkrank ist und seit er 53 jahre alt wurde eine erwerbsmindeungs rente von 860 euro bezogen hat? materielles sorgenfreies leben kenne ich erst seit einem jahr. dank meiner frau. ich würde hier gern tauschen. Lüneburger, sie wissen nicht wovon sie hier schreiben. sie wissen was ein noduläres malignes melanom ist und was es bei einer bestimmte dicke bedeutet? doktor googel wird ihnen da bestimmt behilflich sein.

      • Gerade aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen deshalb sollten sie sich ihren Zynismus sparen. Ich weiß sehr wohl wovon ich rede!

        • Lüneburger
          was heißt hier zynisch? kann denn die wahrheit zynisch sein?

        • Sarkasmus und Ironie beziehen sich auf einzelne Aussagen; Zynismus geht weit darüber hinaus. Es ist eine Denkhaltung, die geltende Normen ablehnt und für lächerlich hält. Dabei benutzen Zyniker natürlich sehr oft sarkastische und/oder ironische Aussagen, was dazu führt, dass sie als verbittert wahrgenommen werden.
          wie sie sehen lüneburger, menschen zu beurteilen ist erheblich schwerer , als sie zu verurteilen. in diesem sinne, anschuldigungen sind nicht immer angebracht.

    • Lüneburger , wenn sie jetzt gerade vor mir stehen würden, würde ich sie glatt im affekt in den hintern treten wollen.

      • Aber Herr Bruns, Androhung körperlicher Gewalt?
        Ganz ehrlich, das Problem sind Sie, denn nur, weil Sie meinen, ironisch oder witzig zu sein, bedeutet das noch lange nicht, dass das auch von anderen herauszulesen ist.
        Beschäftigen Sie sich doch bei „Herrn Google“ mal mit dem Sender-Empfänger-Modell und Sie werden verstehen…