Donnerstag , 14. November 2019
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Die Kinder bedanken sich bei Werner Neugebauer, überreichen Geschenke und singen ein Lied. Foto: t&w

„Dann gib das mal den Kindern“

Reppenstedt. So einen Anruf bekommt Renate Lange nicht alle Tage: Eine Frau habe mitgeteilt, ein Bewohner des Seniorenzentrums wolle dem Reppenstedter Kindergarten 8000 Euro spenden, erzählt die Leiterin der Kita „Rappelkiste“. „Das ist ja echt happig“, sei ihr erster Gedanke gewesen.

Damit nicht genug: Auch Britta Hummel, Leiterin der Kinderkrippe „Rasselbande“ erhielt einen gleichlautenden Anruf. Nachdem die Erzieherinnen den 93-jährigen Werner Neugebauer bei einem Besuch kennengelernt hatten, stand fest: Der Senior kannte beide Kitas überhaupt nicht und stellte null Bedingung an die Verwendung der 16.000 Euro. „Da will einfach jemand den Kindern etwas Gutes tun“, zeigt sich Lange beeindruckt.

Geschenke und ein Lied als Dank

Wochen später sitzt Werner Neugebauer in seinem Zimmer im ersten Stock des Seniorenzentrums Kervita, das seit sieben Jahren sein Zuhause ist, und empfängt Besuch: Ein ganzer Schwung Kinder mit ihren Erzieherinnen hat sich auf den Weg gemacht, um sich zu bedanken. Dafür, dass sie 85 nagelneue Kinderstühle sowie zwei Fußballtore bekommen und eine neue Schaukel für den Garten. Einen Stapel bunter Ministühle hat die Delegation gleich mitgebracht, dazu einen selbst gebackenen Kuchen und ein Bild, das die Krippenkinder ihrem Gönner gemalt haben. Es ist also richtig voll im Zimmer. Werner Neugebauer sitzt aufrecht im Stuhl, die Augen blitzen. „So viel Besuch hatte ich noch nie“, sagt er mit leiser, aber klarer Stimme. Die Kinder überreichen ihre Geschenke und singen ein Lied. Ein bisschen Beklemmung liegt da noch in der Luft.

Doch das Eis bricht schnell, als Henry das weiße Pflaster auf dem Handrücken des Seniors entdeckt und wissen will: „Was hast du da gemacht?“ „Ich habe mir etwas weh getan, aber nicht schlimm“, sagt der Mann im Rollstuhl, der jetzt immer mehr Fragen beantworten muss: Warum er denn zwei Rollstühle hat? Und was er früher gespielt hat? Der große Elektrorollstuhl mit den dicken Reifen, der sei für draußen, der andere für drinnen, erklärt Neugebauer und meint dann lachend: „Ach, zum Spielen hatte ich keine Zeit. Ich musste ja arbeiten.“

Senior sieht sein Geld bei den Kindern gut angelegt

Dann erzählt er vom elterlichen Hof in Hummelsbüttel, dass er Kartoffeln geerntet und die Schweine, Gänse und Hühner gefüttert hat. „Deshalb heißt du auch Neugebauer, weil du Bauer bist“, erkennt Paul. Auch die Kinder haben natürlich schon gearbeitet, berichten stolz, wie sie Tapete abgekratzt und Erdbeeren gepflanzt haben. Der Senior hört zu und schmunzelt ab und zu. „Bei den Kindern ist das Geld gut angelegt“, findet er. Dann verrät der 93-Jährige, wofür die 16.000 Euro ursprünglich gedacht waren. Eine letzte große Reise habe er mit seiner Frau machen wollen, auf einem Kreuzfahrtschiff. Doch der Arzt riet ab. „Dann gib das Geld mal den Kindern“, habe sie gesagt. Im Januar ist sie gestorben. „Jetzt habe ich das eingelöst“, sagt Neugebauer und fügt beim Blick auf das Gewusel im Zimmer hinzu: „Das hätte ihr gefallen.“

Von Ute Klingberg-Strunk

2 Kommentare

  1. Eine bewegende Geschichte… Danke fürs Erzählen.

  2. Jahrtausendstark

    Ein ganz großartiger Mensch. Davon könnte die Welt mehr gebrauchen.