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Tanja Franke (2.v.r.) kann auf tatkräftige Unterstützung bauen: Regelmäßig kommen Sven Pohlenz, Céline Lefebvre sowie Tochter Dana (hinten) zum Stall und kümmern sich um die derzeit acht Pferde. Foto: t&w

Dem Schicksal entronnen

Kirchgellersen. „Islandpferde sind Rassisten“, sagt Tanja Franke und lacht, „sie bleiben in der Regel unter sich.“ Doch trotzt dieser politisch eher fragwürdigen Einstellung hat die 47-Jährige schon vor vielen Jahren ihr Herz an die robusten Vierbeiner verloren – derart, dass sie mittlerweile nicht nur den Großteil ihrer Zeit, sondern auch viel Geld in die Rasse steckt: Vor 14 Jahren hat die Lüneburgerin die Isländernothilfe gegründet – viele Ponys sind dadurch einem schlimmen Schicksal entronnen.

Tiere aus ganz Europa in der Isländernothilfe

„Begonnen hat alles damit, dass ich für meine Tochter Dana ein Islandpferd gesucht habe“, erzählt Tanja Franke. Im Internet sei sie schließlich fündig geworden, habe Kontakt zu einer Frau aus Kiel aufgenommen und von ihr das Tier gekauft. „Wir hatten einen derart guten Draht zueinander, dass sie mich gefragt hatte, ob ich nicht eine Zweigstelle ihrer Hilfseinrichtung in Lüneburg gründen möchte.“ Lange bitten musste sie die passionierte Reiterin nicht

Schon bald standen die ersten Isländer in Reppenstedt, später in Kirchgellersen: „Es kommen Tiere aus ganz Deutschland, aus Dänemark, sogar aus Frankreich zu uns“, berichtet die 47-Jährige, „manche werden ausgesetzt, andere völlig verwahrlost und fast verhungert abgegeben, aber auch Trennungsopfer oder Pferde, die aus gesundheitlichen Gründen ihrer Halter nicht mehr versorgt werden konnten, finden hier Unterschlupf.“

Sensibler als sie wirken

Jedes Tier hat seine eigene Geschichte, und die ist in der Regel sehr traurig, macht die Vierbeiner psychisch labil – eine Eigenschaft, die so gar nicht zu ihrer Rasse zu passen scheint, wirken sie doch eher zäh und wendig, stark und gangsicher und voller Energie. „Letztlich sind sie aber auch sehr sanft, schmusen gerne und sind überaus liebevoll“, weiß Tanja Franke, und das betrifft auch „Glamur“.

Exakt 36 Jahre ist die Stute alt, war die Initialzündung für alles, was kommen sollte: „Ich war schon immer eine leidenschaftliche Reiterin“, erzählt die 47-Jährige, „hatte aber irgendwann derart schlimme Rückenprobleme, dass ich schon fürchtete, meine Passion an den Nagel hängen zu müssen.“ Der Tipp einer Freundin holte sie schließlich aus dem Loch: „Sie meinte, ich sollte mir ein Islandpferd zulegen, das sei durch seine besondere Gangart ideal.“ Sie hatte Recht.

Die einzigartige Gangart Tölten

„Im Gegensatz zu allen anderen Pferden beherrschen Isländer das Tölten“, erläutert die Lüneburgerin, „sie haben dabei abwechselnd nur ein oder zwei Hufe am Boden, wodurch die Sprungphase fehlt und der Reiter nahezu erschütterungsfrei oder schwingend, wie in einem Sessel, reitet. Es heißt, dass es auf dem Rücken der Isländer gelinge, ein Glas Wasser mit sich zu führen, ohne dass es auskippt.“ Und nicht nur das: „Wenn ich von Ritt zurückkomme, sind meine Rückenprobleme weg.“

Es sind aber insbesondere die vielen charakterlichen Eigenschaften, die die Ponys für Tanja Franke so liebenswert machen, sie immer wieder dazu verleitet, bedürftige Tiere bei sich aufzunehmen – auch wenn die Umstände es eigentlich gar nicht erlauben: „Wir finanzieren uns komplett privat“, sagt die Nachtschwester, „und das wird zunehmend schwieriger.“ Besonders in diesem Jahr: „Durch die anhaltende Trockenheit ist das Heu knapp, was es sehr teuer macht“, sagt sie, „das bringt uns an Grenzen.“ Und die Einkünfte sind gering: Einige zahlen für eine Reitbeteiligung, wie die 21-jährige Studentin Céline Lefebvre, die wie Nachbarn und Freunde auch viel im Stall mithilft, andere spenden Futter, Sattel oder Putzgeräte, zudem kann mitunter ein Tier gegen eine Schutzgebühr vermittelt werden. „Die steht aber in keinem Verhältnis zu den Kosten“, sagt Tanja Franke.

Wer der Isländer-Nothilfe helfen möchte, kann über die Adresse islaendernothilfe.jimdo.com Kontakt aufnehmen.

Von Ute Lühr

Hintergrund

Robuste Tiere

Die ersten Islandpferde sollen in der Zeit zwischen 860 und 935 n.Chr. an Bord von Wikingerschiffen auf die Insel gekommen sein. Seitdem hat eine selektive Zucht sie zu robusten Tieren gemacht, die das ganze Jahr im offenen Stall gehalten werden können, zudem sehr alt werden.

Bereits 982 n.Chr. verabschiedete das isländische Parlament Gesetze, die die Einfuhr anderer Pferderassen ins Land untersagten. Mehr als 1000 Jahre lang wurden die Isländer somit völlig isoliert auf der Insel gehalten, was sie nicht nur zu der reinsten Pferderasse der Welt macht, sondern auch dazu führte, dass sie sich ihre fünf Gangarten bewahrt haben. Der Tölt war wohl ursprünglich in allen europäischen Pferderassen genetisch veranlagt, wurde aber aus Leistungsgründen weggezüchtet.

One comment

  1. Mach weiter so, wir sind mächtig Stolz auf Dana und natürlich auf Dich Tanja, Deine Tante und Onkel H.H.😘