Aktuell
Home | Lokales | Bleckede | Essen wie vor 2000 Jahren
Petra Pettmann riecht am Hefeteig-Brot mit Kräutern. Das Geschirr ist der „Terra Sigillata“-Keramik nachempfunden. (Foto: geo)

Essen wie vor 2000 Jahren

Bleckede. Die Karies der Römer war die Abrasion. Was der Zucker heute für die Zähne ist, war vor 2000 Jahren das Steinmehl. Die Römer nahmen so große Mengen gemahlener Steine zu sich, dass ihre Zähne geradezu abrasiert waren, als sie starben.

„Opulent waren nur die Gastmahle der Reichen.“
Petra Pettmann, Archäologin

Wer solche Geschichten erzählen kann, öffnet jedes Ohr, ob von Erwachsenen oder Kindern. Und bei Petra Pettmann sind es noch nicht einmal Geschichten, die sie erzählt. Es sind historische Fakten. Die Archäologin und Anthropologin gibt römische Kochkurse, verknüpft dabei wissenschaftliche Expertise mit Unterhaltung und Geschmack.

Ein Löffel muss reichen

Auf dem Tisch stehen tonrote Teller und Schüsseln, „Terra Sigillata“ heißt die Reihe, die im ersten Jahrhundert vor Christus im gesamten Römischen Reich auf den Tischen stand – die berühmteste Geschirrserie der damaligen Zeit, in Formen gegossen und in Manufakturen in großen Mengen hergestellt. Ein Löffel liegt an jedem Teller bereit, mehr nicht. „Messer gab es noch nicht“, sagt Petra Pettmann beinahe entschuldigend und lacht.

Römische Gaumenfreuden?

Ova Elixa (gefüllte Eier): Eier hart kochen. Das Eigelb mit Olivenöl, fein gehacktem Liebstöckel, asiatischer Fischsoße und Honig musen und in das Eiweiß füllen.

Moretum: Die Zutaten sind variabel. Zum Beispiel Bohnenkraut, Minze, Koriander, Sellerie, Schnittlauch, Raukenblätter, Thymian, Katzenminze, Walnüsse, leicht angeröstete Sesamkörner, Pinienkerne, geröstete Haselnüsse ohne Haut und/oder Mandelkerne in einem Mörser zerreiben, mit Frischkäse vermengen, gepfefferten Essig hinzumischen und Olivenöl darübergießen. (Foto: geo)

Sie hat ein Frühstück zubereitet, wie es die Menschen im Imperium verzehrten: frisch gebackenes Brot mit ein wenig Lorbeer, Kreuzkümmel, Koriander und Anis im Teig, dazu in Wein gekochte Aprikosen, gefüllte Eier und eine Creme aus Käse und Kräutern (siehe Kasten). Die Creme nennt sich Moretum und ist nach dem Gefäß benannt, in dem sie hergestellt wird: das Mortarium, die Reibschale.

Eine solche Reibschale hat sich Petra Pettmann nach historischem Vorbild anfertigen lassen: eine Steinschüssel, die innen einen rauhen Belag aus zerstoßenen Steinen aufweist, etwa Quarzkörner. „Das Mortarium ist ein typisch römisches Kochutensil“, sagt Petra Pettmann. „Die Menschen haben darin Nüsse, Kerne und Kräuter zerkleinert.“ Und nun ist auch klar, woher die Karies der Römerzeit kam: Natürlich ist bei jedem Zermahlen auch ein wenig Stein(-mehl) mit in die Masse gelangt.

Wirkt dieses Frühstück viel zu einfach für unsere Vorstellungen der opulenten römischen Mahlzeiten, klärt die Archäologin auf: „Dies ist ein Frühstück der Landbevölkerung. Sie hatten Ziegen und machten aus der Milch Frischkäse mit eigenen Kräutern. Opulent waren nur die Gastmahle der Reichen.“

Karpfen sollte nach Huhn schmecken

Da gab es dann Pfauenzungen, Haselmäuse und Spanferkel, die wie russische Puppen mehrfach gefüllt waren. Kochkunst bedeutete, wenn jemand „einen Karpfen so zubereitet, dass er wie ein Huhn schmeckt“ – meinte jedenfalls Kaiser Augustus, gestorben im Jahr 14 nach Christus. „Zum Schluss nahm die Dekadenz überhand“, sagt Pettmann. „Es war der Anfang zum Ende. Das Reich ging unter und mit ihm die Hochkultur.“

Woher die Archäologin so genau weiß, wie vor mehr als 2000 Jahren gekocht wurde? Der berühmte Koch Apicius, der 25 vor Christus geboren wurde, hat Kochbücher verfasst – und einige davon sind – in Klöstern übersetzt – bis heute überliefert.

Garum – das Maggi der Römer

So war beinahe jede Speise mit Essig oder Wein angereichert, um sie haltbar zu machen. Das Salz der späteren Zeit war zu den Römern das Garum – fermentierter Fisch, die heutige asiatische Fischsauce. Es wurde viel Schwein und Huhn gegessen, bei den Reichen gab es auch Wild aus eigenen Gehegen, erzählt Petra Pettmann. „Rinder aber waren Zug-, also Arbeitstiere. Sie waren viel zu wertvoll, um sie zu essen.“

Wenn Petra Pettmann heute zum Beispiel in Schulen geht, um Schülern „Geschichte schmackhaft zu machen“, streift sie sich ihre nachgebildeten Römersandalen und das typische Peplos (Gewand) aus Leinen über, gehalten mit zwei Fibeln (Schließen) und einem gewebten Gürtel. Sobald die Schüler dann eine Kochkutte überziehen und von den abrasierten Zähnen hören, wird Geschichte so spannend wie selten. „Ich erzähle vom ganz normalen Leben, nicht von Kriegen und Waffen“, sagt Pettmann. „Mich interessiert besonders, welche Verbindungen wir in die heutige Zeit ziehen können.“

Hessin an der Elbe

Petra Pettmann kommt aus Südhessen, hat Archäologie und Anthropologie in Frankfurt/Main studiert und lebt seit 2015 mit ihrem Mann im sogenannten Eckermann-Haus in Bleckede am Marschdeich 1. Sie gibt Workshops zu römischem Leben und Essen, zum Beispiel in Museen, Schulen, Kitas oder auch zu privaten Anlässen. Unter dem Titel „Römische Esskultur“ verknüpft die Wissenschaftlerin unterhaltsame Vorträge über das Imperium Romanum damit, Speisen jener Zeit zuzubereiten und zu verzehren.

Nicht römisch, aber ebenfalls spannend und lecker: Am Sonntag, 2. Dezember, bietet Petra Pettmann in ihrer Wohnung einen Nachmittag unter dem Titel „Rezepte und Geschichten über verwunschene Leckereien aus den schönsten Märchen“ an. Anmeldung erbeten. www.eat-history.de.

So haben die Römer zum Beispiel stets eine Serviette, ein Mappae, mit zu den Gastmahlen genommen: Alles, was übrig blieb, wurde auf die Gäste verteilt und in den Servietten wie ein heutiges Doggybag mit nach Hause genommen.

Bei aller Dekadenz haben die Römer selbst nach ihren ausufernden Gastmahlen also nichts weggeworfen. Auch solche Gedanken vermittelt Petra Pettmann in ihren Workshops. „Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, was wir essen und wie wir es zubereiten: Weniger ist mehr. Gute, einfache Zutaten reichen vollkommen.“

PS: Anstelle der mit kleinen Steinen belegten Schüssel verwendet Petra Pettmann heute normale Schüsseln. Es soll sich schließlich niemand seine Zähne abrasieren.

Von Carolin George