Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Dagmar Pitters, Bürgerin des Jahres, gemeinsam mit Laudator Reiner Kaminski (l.) und Rüdiger Schulz, Vorsitzender des Bürgervereins. Foto: phs

Ein Kampf für die Teilhabe

Lüneburg. Schon lange vor Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 kümmerte sich in Lüneburg eine Institution um die Belange der Menschen mit Behinderungen: die Lebenshilfe. Der Verein „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ wurde 1964 gegründet mit dem von den Vereinten Nationen später so formulierten Ziel: Menschen mit Behinderungen eine unabhängige Lebensführung und die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen. Daran erinnerte Rüdiger Schulz, Vorsitzender des Bürgervereins Lüneburg, in seiner Begrüßung zum traditionellen Bürgeressen in der Kronendiele: „An der Spitze des Lüneburger Vereins steht seit 16 Jahren eine Frau, die als Mutter eines Kindes mit Behinderung genau weiß, worum es geht, die den Verein sachkundig, engagiert, mit einem unglaublichen Zeitaufwand und mit viel Herzblut ehrenamtlich führt: Dagmar Pitters.“ Der Bürgerverein kürte sie am Sonnabend zur Bürgerin des Jahres 2018.

Zum 38. Mal wurde der Sülfmeisterring verliehen, Dagmar Pitters ist die 19. Dame, die ihn erhalten hat. Die Laudatio hielt mit Reiner Kaminski ein langjähriger Weggefährte, er ist Vorsitzender des Verwaltungsrates der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg.

Mit 16 Praktikum bei der Lebenshilfe

Kaminski ging kurz auf den Werdegang des „echten Lüneburger Kindes“ ein, das 1962 in einem Haus an der Wandfärberstraße geboren wurde, 1995 ihren Mann Uwe-Günther heiratete und heute mit ihm, den vier Kindern und Haustieren in Deutsch Evern lebt: „Ihre ersten Kontakte zur Lebenshilfe hatte sie bereits mit 16 Jahren, als sie im Rahmen eines Praktikums aus der Realschule heraus in der Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe arbeitete. Hieraus ist auch ihr Berufswunsch entstanden. Sie machte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zur Erzieherin und erweiterte später ihren beruflichen Horizont durch ein Studium der Sozialpädagogik.“ Mehrere Jahre war sie dann im Bereich der Sucht in der Klinik Ochsenzoll und im ehemaligen Lüneburger Landeskrankenhaus, jetzt Psychiatrische Klinik Lüneburg, tätig. Sie ist aktuell hauptberufliche gesetzliche Betreuerin, Trauma-Coach und Supervisorin, seit 2010 in einer eigenen Praxis in Lüneburg.

Seit 2002 ist die Geehrte Vorsitzende des Vereins Lebenshilfe Lüneburg, Kaminski zollte ihr ein dickes Lob: „Mit einem Engagement in ehrenamtlicher Form, das ganz weit über das übliche Maß hinausgeht. In all den Jahren hat sie sich ihre Loyalität erhalten, und der Mensch mit Behinderung steht für sie immer an erster Stelle. Sie kann durch ihre sehr positive Einstellung andere Menschen motivieren, geht stets voran und entwickelt neue Ideen.“ Sie könne Menschen um sich herum aber auch überfordern mit dem Tempo, das sie aufgrund ihres Temperaments vorlege: „Aber gerade im Rahmen der Hilfe für Menschen mit Behinderung gibt es viele bürokratische Hemmnisse. Nur mit viel Energie und unermüdlichem Einsatz kann man hier Neuerungen erreichen – und dafür steht Dagmar Pitters.“

Selbstbestimmtes Leben und Anerkennung nötig

Der Laudator kennt das Geheimnis des „Organisationsgenies“ Dagmar Pitters, weiß, wie es den persönlichen Ausgleich schafft: „Sie hat sich hierzu ihre eigene Philosophie gemacht: Energie tanken in ganz bewusst gesetzten Pausen und Auszeiten. Dies kann einfach nur mal ein ruhiger Abend sein oder ein längeres Wochenende. Sie sucht sich dafür schöne Plätze an schönen, ruhigen Orten, nimmt liebe Menschen mit und pflegt die Seele mit Genuss.“

Die Bürgerin des Jahres 2018 zeigte sich sichtlich gerührt, das Ziel ihres Wirkens formulierte Dagmar Pitters einmal so: „Ich wünsche mir, dass Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben führen können und dass sie selbstverständlich als vollwertiges Mitglied in unserer Gesellschaft anerkannt sind.“

Für die musikalische Umrahmung sorgten Stine Ehlbeck, Nike Just, Linus Hennigs und Lasse Strottner von der Musikschule Lüneburg mit Stücken unter anderem von Purcell und Mozart.

Von Rainer Schubert

Hintergrund

Die Geschichte

1964 gründeten Eltern, Betreuer und Freunde von Menschen mit geistiger Behinderung die Lebenshilfe Lüneburg e.V., drei Jahre später die Lebenshilfe Landkreis Harburg. Heute haben die Vereine mehr als 460 Mitglieder – mit und ohne Behinderung. Seit den 1960er-Jahren initiierten sie den Aufbau von Tages-, Werk- und Wohnstätten, Kindergärten und Schulen. 1974 beziehungsweise 1982 wurden die Vereine Gesellschafter der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg gemeinnützige GmbH. Damit wurden alle bis dato aufgebauten Dienste und Einrichtungen an die Gesellschaft übergeben.

Heute sind die Vereine Gesellschafter der gemeinnützigen GmbH und bestimmen so weiter die Ausrichtung der Gesellschaft mit. Die Vereine arbeiten partnerschaftlich in der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg gemeinnützige GmbH zusammen. Hierbei beteiligen sie auch Menschen mit geistiger Behinderung.