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Andreea Tribel am Esstisch in ihrem Lüneburger Reihenhaus. (Foto: t&w)

Eine Geschichte von #unten

Lüneburg. Andreea Tribel erinnert sich noch genau an den Moment, in dem sie sich das erste Mal arm fühlte. Es war Sommer 1992, und sie, ger ade 14, stand neben ihrer besten Freundin an der Kasse eines Hamburger Klamottenladens. Sie sah zu, wie Moni, die eigentlich Monika hieß und in einer Villa mit Schwimmbad lebte, der Verkäuferin eins dieser angesagten Surfer-T-Shirt in die Hand drückte, wie sie ihr Portemonaie aus der Tasche kramte, einen 100-Mark-Schein herauszog und ihn lächelnd auf den Tresen legte.

Damals wusste Andreea Tribel bereits, dass andere Familien mehr Geld hatten als ihre. Dass die Kleider, die ihre Mutter trug, vorher die Nachbarin getragen hatte. Und dass die 700 Mark, von denen sie lebten, vom Sozialamt kamen. Arm und Reich, das hatte sie verstanden. Doch wie sich dieser Unterschied wirklich anfühlt, erzählt sie, das habe sie erst begriffen, als Moni dieses T-Shirt für 100 Mark kaufte. „Da wurde mir plötzlich klar: In ihrer Welt werde ich niemals mithalten können.“

Prägendes Gefühl der Armut

Andreea Tribel hat nie über dieses Gefühl und die Armut gesprochen, lieber geschwiegen über ihre finanziellen Verhältnisse, über sich selbst und ihre Eltern, die, als sie elf war, mit ihr aus Rumänien nach Deutschland flohen und beruflich nie wieder wirklich Fuß fassen konnten. Mehr als 26 Jahre lang versuchte sie zu verbergen, aus welchen Verhältnissen sie kommt. Nun hat die 40 Jahre alte Lüneburgerin entschieden, darüber zu sprechen, zu erzählen, wie es sich anfühlt, arm zu sein.

Anstoß war für sie – wie für viele andere auch – eine neue Bewegung in den sozialen Netzwerken Twitter, Facebook und Instagram. Unter dem Hahstag #unten teilen Menschen dort seit kurzem ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und sozialer Ungerechtigkeit, schreiben Beiträge wie: „#unten zu sein bedeutet vor der Frage danach, was man zu Weihnachten bekommen hat, Angst zu haben.“ Oder: „Wenn man mit Mama 8 Tage vor Monatsende die letzten Cent für Brot zählen muss #unten.“

Als Andreea Tribel den ersten #unten-Beitrag las, saß sie am Esstisch in ihrem Lüneburger Reihenhaus. Ihr Mann und die beiden Kinder hatten gerade die Tür hinter sich geschlossen, sie hatte sich einen Kaffee gekocht und darüber nachgedacht, wie sie ihre Stelle an der Uni am besten mit ihrer Doktorarbeit vereinbaren kann. Mit 40 ist sie ziemlich weit oben angekommen. Und von dort aus begann sie an diesem Morgen, über unten zu schreiben.

Das vererbte Trauma

„#unten ist als Kind nur über Spenden Teilhabe an Schulaktivitäten zu haben.“ Das ist einer der Beiträge, die sie an diesem Tag bei Twitter veröffentlichte. Ein anderer: „#unten ist nicht nur der Kontostand, es ist die Angst, die Demütigung und ein Trauma, das man vererbt. Dem Kontostand kann man entkommen, letzterem niemals.“ Warum sie plötzlich vor 2151 Followern offenbarte, was sie so lange versucht hatte, geheim zu halten? Sie überlegt einen Moment und schaut dabei aus dem Fenster des Cafés, in dem sie sitzt. Dann sagt sie: „Ich wollte sagen, wer ich bin.“

Sie nennt sich „Mogelpackung“

Doch wer ist Andreea Tribel? Das Internet verrät, dass sie als Kulturwissenschaftlerin an der Leuphana Universität Lüneburg arbeitet. Dass sie seit Jahren in einem Online-Tagebuch über Schönheit schreibt, darüber, wie sich Lidschatten am besten auftragen lässt und welche Augencreme besonders gut gegen Falten wirkt. Wer sie auf dem Campus trifft, sieht eine Frau im dunkelblauen Wollmantel mit perfektem Make-Up, rotem Lippenstift und kurzem braunen Haar. Alles an ihr wirkt edel. Und genau das will sie. Nichts an ihr, sagt sie, soll verraten, woher sie kommt.

„Mogelpackung“, so nennt sich Andreea Tribel selbst. Und bei Twitter schreibt sie, dass „man als sozialer Aufsteiger schlimmer dran ist, weil man niemals dazugehört, weil der Stallgeruch fehlt“. Ja, sie hat es geschafft – vom Sozialamt zur Promotion. Und trotzdem, sagt sie, bleibt da oben immer dieses Gefühl von unten, das sie das erste Mal vor 26 Jahren hatte: „In ihrer Welt werde ich niemals mithalten können.“

Die Konsequenzen dieses Gefühls sind, dass Andreea Tribel niemals gebrauchte Kleidung kauft, dass sie Discounter hasst, ihren Kindern viel zu viel Spielzeug kauft und verrückt ist nach Luxusmarken wie Hermes. „Willst du wissen, was mein größter Wunsch ist?“, sagt sie und blickt verschwörerisch auf ihr Handgelenk. „Eine echte Rolex.“ Darauf spart sie seit Monaten. Damit will sie es sich und allen Monis dieser Welt zeigen: „Guck, ich kann es mir jetzt auch leisten. Ich hab‘ es geschafft!“

Wer einmal unten war, vergisst es nie. Das ist die eine Seite der Geschichte, die Andreea Tribel von sich erzählt. Doch die andere liegt ihr noch viel mehr am Herzen – die, die von denen erzählt, die ihr nach oben geholfen haben. Der Lehrer, der ihr Potenzial erkannte und förderte. Der Schulförderverein, der ihr die Nachhilfe finanzierte. Die Freunde, die zwar viel mehr Geld als sie hatten, sie aber trotzdem nie ausschlossen. „Für einen Aufstieg“, sagt sie, „reicht nicht nur Fleiß, dafür braucht es auch die Unterstützung anderer.“ Und vielleicht einen Hashtag, der Menschen dazu ermuntert, einen Fahrstuhl nach unten zu schicken, um andere nach oben zu holen.

Von Anna Sprockhoff

5 Kommentare

  1. Bedenklich, dieser Materialismus als Traumabekämpfung. Warum glaubt Frau Tribel eine Mogelpackung zu sein? Sie hat es aus eigener Kraft und mit Hilfe guter Unterstützer geschafft. Ist Standesdünkel immer noch ein deutsches Problem? Ich hoffte wir wären schon weiter.

  2. Ich möchte Frau Tribel wirklich nicht zu nahe treten aber wer materielle Werte als sogenannte „Traumabekämpfung“ sieht, ist m.E. moralisch und intelektuell „arm“ dran.
    Was nützt es mir , wenn alle Welt mich für wohlhabend hält obwohl ich doch nur ein Blender bin.
    Anderseits ist ja sich selbst zu belügen auch eine Art von Selbstschutz.