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Sicher ist sicher: Ein Mitarbeiter sprüht Schuhe mit einem Desinfektionsmittel ein, so sollen Schaben abgetötet werden. Foto: t&w

Kampf gegen eine Invasion

Lüneburg. Wenn die ersten Küchenschaben über Boden und Tische krabbeln, ist es zu spät, weiß Sozialdezernentin Pia Steinrücke. In der Unterkunft für Flüchtlinge und Obdachlose am Bilmer Berg tun sie das massenhaft. Zumeist wenn es dunkel ist, denn die Insekten sind nachtaktiv. Um die Invasion zu stoppen, hat die Verwaltung am Montagmorgen zum Kampf geblasen: Mehr als 80 Bewohner haben die gut zwei Dutzend Hütten verlassen. Sie mussten Hygiene-Schleusen passieren, um eine Verbreitung der Kakerlaken zu verhindern.

Friedrich Graf aus dem Stab der Dezernentin und seine Kollegen haben generalstabsmäßig geplant, um eine Station zum Desinfizieren zu schaffen, die Menschen in andere Unterkünfte zu fahren und eben dort unterzubringen.
Der wichtigste Mann ist Mirko Döpper. Er ist Schädlingsbekämpfer und soll den Krabblern den Tod bringen. „Die Tiere können Sie überall finden, auch in Luxuswohnungen. Die schleppen Sie ins Haus, wenn die beispielsweise an einer Mehltüte oder am Obstkarton haften. Sie können sich explosionsartig vermehren.“ Abertausende der Tiere, die als Überträger von Krankheiten gelten, können dann die Räume besiedeln. Am Bilmer Berg haben die Insekten die im Frühjahr 2016 eröffneten Holzhäuschen befallen.

Andere Unterkünfte dienen nun als Zwischenquartier

Döpper steht jetzt am Eingang der Zeltschleuse. Die Bewohner legen Handys, Portemonnaies, Schulbücher, Jacken vor ihm auf einen Tisch: „Ob da etwas dran ist, sieht man, die Tiere würden weglaufen.“ Mitarbeiter sprühen Schuhe mit einem Insektizid ein. Im ersten Zelt ziehen sich Männer und Frauen bis auf die Unterwäsche aus. Hosen, Hemden, Blusen kommen in Säcke, eine Spezialreinigung wäscht alles. Schon in der vergangenen Woche hatten die Menschen Teile ihrer Kleidung abgegeben, jetzt schlüpfen sie im nächsten Zelt in ihre inzwischen sauberen Sachen.

Schließlich fahren Kleinbusse die Bewohner in Unterkünfte in Rettmer, Oedeme und nach Vrestorf sowie nach Embsen und Scharnebeck in Unterkünfte des Landkreises. Pia Steinrücke sagt: „Wir arbeiten zusammen.“

Marcel Stürmer, Kreisbereitschaftsleiter beim Roten Kreuz, ist mit 20 Ehrenamtlichen vor Ort. Die Männer und Frauen haben die drei Zelte aufgebaut, Gas- und Dieselheizaggregate machen die Schleuse mollig warm. Die Rot-Kreuzler haben für die Betroffenen und Helfer Getränke und Brühe parat. Und sie packen mit an. Parallel stehen Dolmetscher wie Filiz Güven bereit, die beispielsweise auf Türkisch oder Farsi übersetzen können. Doch das ist kaum notwendig. Die Bewohner wissen, worum es geht, sie folgen den Anweisungen. Wer nicht zu Hause war, muss die Prozedur später erledigen. Niemand soll ohne Kontrolle in die Unterkünfte zurückkehren. Die sind nun ohnehin abgeriegelt.

Wärme und Feuchtigkeit begünstigen die Ausbreitung

Schädlingsbekämpfer Döpper sagt: „Woher die Schaben kommen, wissen wir nicht. Wärme und Feuchtigkeit begünstigen ihre Ausbreitung. Wir hatten zunächst Gel-Köder ausgelegt, das reichte nicht.“ Heute setzt der 52-Jährige die Räume unter Gas. In Zwischendecken bohrt er Löcher, damit der Stoff auch dahin gelangt. Matratzen und Betten werden desinfiziert. Das Gift bleibt 24 Stunden in den Räumen, dann lüften Döpper und Mitarbeiter der Stadt die Zimmer. „Der Stoff zerfällt, er ist dann nicht mehr giftig“, sagt der Experte. Trotzdem lässt die Stadt die Räume gründlich saubermachen. Für Döpper ist das Prozedere Alltag, er geht auch in Kitas und Großküchen als Kammerjäger auf die Pirsch.

Noch unklar ist, was die Aktion kostet. Pia Steinrücke geht davon aus, dass der Landkreis für die Unterbringung der Betroffenen keine Rechnung schickt. Voraussichtlich in spätestens zwei Wochen ist alles durch, dann können die Menschen in ihre Unterkünfte zurückkehren.

Von Carlo Eggeling

Ungebetene Gäste

Schaben können krank machen

Die Deutsche Schabe kommt in Mittel- und Nordeuropa vor. Sie findet sich, wo es warm und feucht ist. Gaststätten, Hotels, Großküchen und Krankenhäuser haben immer wieder mit den Tieren zu kämpfen. Die Insekten legen ihre Eier in kleinste Ritzen, tagsüber sieht man sie selten, sie sind nachtaktiv.

Die Kakerlaken gelten als Überträger von Krankheiten. Erreger bleiben an ihren Körpern haften, zudem übertragen sie Keime über ihren Verdauungstrakt. Sie sollen Schimmelpilzsporen verschleppen. Auch wenn die Tiere mit Erfolg bekämpft wurden, können sie wiederkehren. Es sollte also Nachkontrollen geben.