Dienstag , 17. September 2019
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Olaf Ebersbach arbeitet hauptberuflich als Kfz-Mechaniker, seine Berufung ist aber die Arbeit als Baumkletterer. Foto: Heidelberg-Stein

Herr der Bäume

Lüneburg. „Was für ein grottenhässliches Küken“, denkt Olaf Ebersbach. Er balanciert auf der Leiter an einer Blautanne, die Säge in der Hand. Die Krone muss ab. Da sitzt Fäulnis drinnen – und ein Nest samt Taubenbaby. Das Kleine glotzt den Baumkletterer an. Was nun? Auftrag erfüllen oder Küken schützen? Ebersbach seufzt unentschlossen.

Der 49 Jahre alte Wittorfer arbeitet hauptberuflich als Kfz-Mechaniker in Hamburg. Sein Herz aber schlägt für das Baumklettern: An fast jedem Wochenende turnt er in Lüneburg und Umgebung durch Linden, Eichen, Pappeln. Mit seinem blutroten Ganzkörperanzug, dem Helm samt Visier und zahlreichen Gurten um den Körper wirkt er wie die Bergrettung. Er aber rettet nur Bäume: entfernt Totholz, beseitigt Sturmschäden, fällt kranke Gewächse. Die Pflege sei am schönsten, sagt Ebersbach: „Weil man dem Baum was Gutes tut, wie beim Friseur!“

Lust am Nervenkitzel

Der gebürtige Harburger streicht sich über den Kopf. Abgesehen von einem kurzen, weißen Streifen in der Mitte hat er die Haare abrasiert. Mit seinen breiten Schultern erinnert Ebersbach an eine helle Version des Mr. T vom A-Team. Davon abgesehen wirkt er sanft; grauer Dreitagebart, die Brillengläser tönen sich im Sonnenlicht automatisch dunkel. Er hat eine erwachsene Tochter, verbringt seinen Urlaub jedes Jahr mit Freundin auf der Aida, steht auf Schlagermusik. Klingt gemütlich. Was reizt ihn am Baumklettern?

„Die Gefahr“, antwortet Ebersbach. Oben in den Wipfeln hat er den Abgrund vor der Nase, das Adrenalin pulsiert. Der Job schafft eine Flucht vor alltäglichem Trott. Die Lust auf diesen Nervenkitzel befiel ihn erstmals 2005: In Amelinghausen schaute Ebersbach bei einer Meisterschaft von Baumkletterern zu. „Als hätte man eine Rolltreppe an die Bäume gestellt“, staunt er noch heute, so seien Männer und Frauen 20 Meter große Eichen hochgerast. In den Wipfeln bewegten sie sich wie Eichhörnchen. „Da war sofort klar: Das will ich auch!“

Auch für die Stadt Lüneburg ist er oft unterwegs

Ebersbach hatte bis zu diesem Zeitpunkt zwar schon mal Bäume gefällt, sie mit dem Stiefvater für den heimischen Kamin zu Feuerholz zerhackt. Aber immer nur vom Boden aus. Das sollte sich jetzt ändern: Direkt nach dem Wettkampf meldete er sich zum Grundkurs in Schleswig-Holstein, machte zusätzlich den Kletterschein in Hamburg. Ein guter Teil seines Jahresurlaubs ging dafür drauf. 2011 setzte er noch ein Zertifikat als Baumkontrolleur drauf, darf seither andere Baumkletterer beraten, zum Beispiel in Sachen Artenschutz.

Auch für die Stadt Lüneburg ist er oft unterwegs, vor allem nach Sturmschäden und zur jährlichen Baumpflege. Bei einer Linde an der Johanniskirche etwa: Ebersbach sollte prüfen, ob der alte Baum noch in Ordnung war. Er tastete ihn zunächst mit den Augen ab. Stamm, Äste, Blätter – gab es Verfärbungen, Pilze? Die Linde sah gesund aus. Das musste nichts heißen; der Baumkletterer klopfte mit einem Gummihammer am Stamm. Er klang hohl. Ebersbach holte einen Bohrer aus seinem Kleinbus, setzte am Baum an. Nach wenigen Zentimetern stieß er ins Leere. Passanten blieben stehen, beobachteten jeden Handgriff des Kontrolleurs. Was machte der da? Der sollte den schönen Baum in Ruhe lassen! Als Ebersbach die Motorsäge ansetzte, hielt eine Streife. Naturfreunde hatten die Polizei alarmiert.

Im Baum muss das Team funktionieren

„Dabei bin ich der Letzte, der ohne Not einen gesunden Baum fällt!“, entrüstet sich der Wittorfer. Erst, als er der aufgebrachten Menge nach dem Fällen das Innenleben des Baums zeigte, wurde die ganz still: Die Linde war von innen nach außen verfault. „Komplett hohl. Da konnte sich ein erwachsener Mann reinstellen“, erinnert sich der Baumkletterer.

Solche Extreme begegnen ihm und seinem Kollegen Jörg Stark selten. Die zwei kennen sich vom Baseball, warfen schon 1997 gemeinsam bei den Lüneburger „Woodlarks“ Bälle. Die Zeit, die ehemals dafür draufging, stecken sie jetzt ins Baumklettern – auch, weil es einen lukrativen Nebenverdienst bringt.

Im Baum müssen sie als Team funktionieren

Bei größeren Aufträgen arbeiten sie immer zusammen. Im Baum müssen sie als Team funktionieren: Im schlimmsten Fall bleiben maximal zehn Minuten, um einander zu retten. Hängt einer der Kollegen nach einem Sturz bewusstlos in den Seilen, schnüren sie die Blutbahnen ab. Der Partner muss den Verunglückten über ein Sicherungsseil bergen. Dauert das mehr als zehn Minuten, könnte der Freund tot sein. „Olaf passt auf mich auf!“, betont Stark. Beide Männer nicken.

Die Freunde haben trotzdem eine Arbeitsunfähigkeits-, Lebens- und Betriebshaftpflichtversicherung abgeschlossen. Gegen manch Unglück aber helfen auch die nicht; etwa den Eichenprozessionsspinner. Oft bemerken die Baumkletterer die Raupen mit den giftigen Haaren erst, wenn sie schon im Baum sind. Dann brechen sie den Einsatz sofort ab. Trotzdem ist abends beim Duschen der ganze Körper rot. Stark und Ebersbach hingen auch schon mal in einer Buche, als es plötzlich zu schütten begann. Die Baumrinde verwandelte sich in „Schmierseife“, erinnert sich Stark.

Launen der Natur gehören einfach dazu

Immer wieder müssen die Kollegen spontan auf solche Launen der Natur reagieren. Das Küken in der Tanne etwa glotzt Ebersbach immer noch an. Am Fuß der Leiter tritt die Gartenbesitzerin von einem Bein aufs andere. Was ist denn jetzt mit der faulen Krone? Der Kontrolleur seufzt erneut, klettert die Leiter runter. Das Kleine hat gewonnen: „Ich komm’ wieder, wenn der Vogel flügge ist!“

Von Anna Heidelberg-Stein

Der Weg in den Job

Viele Wege führen zum Ziel

Die Ausbildung zum Baumkletterer bieten sowohl private als auch staatliche Stellen an, zum Beispiel der „Bundesverband der Deutschen Lehranstalten für Agrartechnik“ (Deula) in Westerstede. Dort gibt es unter anderem Kletter- und Motorsägenkurse.

Weitere Informationen: www.deula.de

Tipps fürs Fällen

Auf Nistplätze untersuchen

Bäume bieten Lebensräume. Singdrossel, Buchfink und viele weitere Vogelarten bauen ihr Nest im Geäst. Das Bundesnaturschutzgesetz schützt nicht nur diese Tiere, sondern auch ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Wer einen Baum fällen will, muss also prüfen, ob sich dort Nist- oder Ruhequartiere befinden. Dazu zählen unter anderem auch Greifvogelhorste und Fledermaushöhlen.

Wer einen Baum fällen möchte, sollte zunächst die Lüneburger Baumschutzsatzung durchsehen. Je nach Sorte und Umfang kann durchaus eine Genehmigung vorgeschrieben sein.

Grundsätzlich betrifft das etwa Buche, Eiche, Linde, Erle und Ahorn. In Ausnahmefällen darf der Antragsteller die geschützten Bäume fällen, muss dafür allerdings einen entsprechenden Ersatz als Ausgleichsmaßnahme pflanzen.

Ohne Genehmigung dürfen Lüneburger hingegen die meisten Obstbäume abholzen. Das gilt darüber hinaus auch für Birke, Weide, Pappel und Nadelgehölze.