Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Professor Christoph Rass aus Osnabrück ist Fachmann für die Geschichte der Wehrmacht und die Verbrechen in Ozarichi von der 110. Infanterie-Division. Foto: ca

Das Erinnern beginnt erst

Lüneburg. Die Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus sind das eine, der spätere Umgang mit den Jahren zwischen 1933 und 1945 das andere. „Da geht es ans Eingemachte der Stadt“, sagt Christoph Rass. Der Osnabrücker Forscher ist unter anderem Fachmann für die Geschichte der Wehrmacht. „Die Vorgänge der Nachkriegszeit wurden nicht systematisch aufgearbeitet. Es geht darum, wie ein lokales Geschichtsbild entstanden ist.“ Und das sei in Garnisonsstädten von Veteranen- und Traditionsverbänden ehemaliger Wehrmachtseinheiten geprägt worden. Nach einem Bürgerforum zum Umgang mit der lokalen Geschichte, hatten am Freitag Historiker bei einem Symposium im Museum das Wort.

Entzündet hat sich die Debatte zur sogenannten Erinnerungskultur an einem Ehrenmal für die 110. Infanterie-Division, die auch in Lüneburg aufgestellt wurde. Auf dem Russland-Feldzug haben Verbände, die unter dem Kommando der 9. Armee standen, Kriegsverbrechen begangen, unter anderem in Ozarichi. Mehr als 9000 Menschen starben dort. Rass zählt zu den Wissenschaftlern, die das Vorgehen der Wehrmacht beschrieben haben.

„Unsagbare Gewalt ausgeübt und erlebt“

Er umriss, wie systematisch Einheiten vorgingen, wie sie eroberte Gebiete gemeinsam mit der SS verwalteten, von Juden „säuberten“, also sie umbrachten oder deportierten, wie gefangene Soldaten und Zivilbevölkerung als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Diese Formen „entgrenzter Gewalt“ seien Alltag gewesen, Landser hätten „unsagbare Gewalt ausgeübt und erlebt“. Diese Erfahrung hätten sie mitgenommen in ihr Leben in der jungen Bundesrepublik.

Zwölf Millionen Männer aus Wehrmacht und Waffen-SS hätten den Krieg überlebt und das Leben in Deutschland mitgestaltet. Das habe sich in Soldatenverbänden gezeigt. Es wurden Ehrenmale errichtet und Erinnerungen weitergegeben, die eben auch das Bild der Gesellschaft über die Wehrmacht bis weit in die 1980er Jahren mitbestimmten. Diese Vereinigungen fungierten als „Selbsthilfegruppen und Echokammer“. Lüneburg mit seiner Geschichte sei da kein Einzelfall.

Die Kernfrage lautet: Wie will die Bürgerschaft mit diesem Teil der Geschichte umgehen? Rass empfahl, die tatsächliche Geschichte und eben den Umgang damit zu erforschen. Gerade für die Zweit nach 1945 fehle eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. So könne man beispielsweise ein Denkmaltopographie erstellen: Welche Denkmale gibt es? Wann wurden sie von wem und warum aufgestellt? Welche verschwanden, welche wurden überarbeitet? Da sich Erinnerung ändert, könnten Schülergenerationen jeweils ihren Blick auf eine Epoche richten und zusammenfassen. Andere Jugendliche folgen, wie Schubladen könnten so die verschiedenen Sichtweisen dokumentiert und wieder hervorgezogen werden.

„Offene Gesellschaften müssen sich an ihrer Vergangenheit abarbeiten“

Rolf Wernstedt, selber Historiker, war Kultusminister und Landtagspräsident in Hannover und engagiert sich für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Er und Detlef Schmiechen-Ackermann, er ist Sprecher des Arbeitskreises für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, betonten, dass Erinnerung etwas Individuelles bedeute. Jeder blicke anders auf Ereignisse, zudem verändere sich das Erinnern daran über die Jahre. Kurz: Die eine Sichtist eine Illusion.

Schmiechen-Ackermann erinnerte an Hamburg. Dort tobte in den 80er Jahren ein Streit um ein Denkmal für Soldaten, die im 1. Weltkrieg gefallen waren, es wurde in der NS-Zeit aufgestellt. Statt es abzuräumen, setzten die Hamburger schließlich eine Arbeit des Wiener Bildhauers Alfred Hrdlicka dagegen, der die Opfer vom Bombenangriffen und des KZ Neuengamme thematisiert. Schmiechen-Ackermann sagte: „Offene Gesellschaften müssen sich an ihrer Vergangenheit abarbeiten.“ Dies sei ein schmerzhafter Prozess.

„Soldaten waren Opfer, Täter oder eben auch beides“

Wernstedt sagte: „Soldaten waren Opfer, Täter oder eben auch beides.“ Einem heldenhaften Bild setzte er seine eigene Geschichte entgegen: Sein Vater sei im Zweiten Weltkrieg gefallen. Aber dessen Einsatz im Osten habe es eben auch möglich gemacht, dass die Gaskammern und Öfen in Auschwitz weiterlaufen konnten.

Es nahmen weitere Experten in der von Museumschefin Heike Düselder geleiteten Runde Stellung, zu der rund 60 Gäste gekommen waren. Oberbürgermeister Ulrich Mädge wiederholte, was er schon beim Bürgerforum gesagt hatte: Die Ergebnisse werden im Kulturausschuss des Rates weiter diskutiert, zudem soll es jährlich weitere Gesprächsrunden geben, Bürger würden eingebunden.

Dass es ein langer Weg ist, machte Historiker Rass deutlich: „Sie sind am Beginn eines mühsamen Prozesses, es ist der Startschuss für die zu leistende Arbeit.“

Von Carlo Eggeling