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Der Lüneburger Thomas Rieckmann fühlt sich vom Scheinwerfer-Licht anderer Autos geblendet. (Foto: t&w)

Genug geblendet

Lüneburg. „Hiermit fordere ich Sie auf, alle Autos mit zu grellen Scheinwerfern aus dem Verkehr zu ziehen bis spätestens 31. Dezember 2018 und dann für immer. Sollten Sie das nicht tun, werde ich Sie anklagen.“ Thomas Rieckmann bezieht sich in seinem Schreiben auf Artikel 2 des Grundgesetzes, das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Der Brief, der am 17. November Lüneburg verlassen hat, ist inzwischen in Berlin angekommen. Er liegt auf dem Schreibtisch von An­dreas Scheuer. Der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur ist der Adressat.

Brief ist keine Provokation

Vor ein paar Wochen hat der Lüneburger einen Anwalt für Gesundheitsfragen aufgesucht. „Er hat mir dazu geraten, die Klage erstmal anzukündigen und dem Minister Zeit zum Antworten zu geben.“ Dass er das auch persönlich tun wird, teilt die Pressestelle des Ministeriums auf LZ-Nachfrage mit. „Der Brief ist in Bearbeitung.“ Zum Inhalt könne man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äußern.

Die Frage, wie weit er bereit sei, zu gehen, beantwortet Rieckmann so: „Ich will‘s wissen.“ Der Brief sei nicht als Provokation aus Jux und Dollerei zu verstehen, sagt er. „Ich leide.“

„Mir tut das richtig weh in den Augen.“ – Thomas Rieckmann

Seit zwei Jahren sieht Rieckmann auf den Straßen zunehmend Autos mit grellen Scheinwerfern und weißem Licht. Das dürfte damit zusammenhängen, dass heute überwiegend Xenon- und LED-Technologie eingesetzt wird. Autohäuser sprechen vom „besseren Licht“, die Scheinwerfer müssten seltener gewartet werden, sollen doppelt so hell sein wie Halogenlampen.

Dementsprechend geblendet fühlt sich Rieckmann, wenn er in der Dunkelheit auf Straßen mit Gegenverkehr unterwegs ist. „Mir tut das richtig weh in den Augen.“ Dass er sich bis vor ein paar Monaten mehrmals täglich so gefühlt hat, liegt daran, dass er als Lehrer in Dahlenburg gearbeitet und die 30 Kilometer stets mit dem Auto zurückgelegt hat. Inzwischen ist Rieckmann im Vorruhestand, legt aber noch immer viele Wege mit dem Auto zurück. Und darauf möchte er auch nicht verzichten.

Regelmäßig zum Augenarzt

Um sich nicht vorwerfen lassen zu müssen, an einer Augenkrankheit oder einer Überempfindlichkeit zu leiden, hat sich Rieckmann sowohl 2017 als auch in diesem Jahr von einem Augenarzt untersuchen lassen. Ergebnis: „Meine Augen sind gesund.“

Als besonders unangenehm bezeichnet er Situationen, in denen entgegenkommende Fahrzeuge Unebenheiten wie Schlaglöcher überwinden müssen. Dann leuchten die Scheinwerfer einige Zentimeter weiter nach oben. Rieckmann ist überzeugt, dass viele Lichter auch blenden, weil sie falsch eingestellt sind. Den Rückspiegel klappt er beim Autofahren runter, weil er sich sonst von dem Licht der Fahrzeuge hinter ihm gestört fühlt.

Bislang habe er es in kritischen Situationen stets geschafft, abzubremsen und den Kurs zu halten. „Man kann ja auch nicht plötzlich rechts ranfahren.“ Dass sei für ihn aber kein Grund, nicht vom Schlimmsten auszugehen. „Einen dunkel gekleideten Menschen, der über die Straße läuft, würde ich wahrscheinlich einfach übersehen, wenn ich zuvor geblendet wurde“, sagt Rieckmann. Denn dann könne er stets mehrere Sekunden lang kaum etwas sehen.

Blendung keine Hauptunfallursache

Eine aktuelle Erhebung, an der die Deutsche Verkehrswacht mitgewirkt hat, gibt dem Mann recht: Danach blendet jeder zehnte Fahrer andere Verkehrsteilnehmer, jedes dritte Auto verfügt über mangelhafte Beleuchtung. Mehr als 4700 Licht-Tests sind in die Statistik eingeflossen.

Auch die Lüneburger Polizei achtet bei Kontrollen auf die Beleuchtung. Pressesprecher Kai Richter sagt, dass das Blenden zwar keine Hauptunfallursache, aber immer wieder mal ein Thema sei. „Es hat in den letzten Jahren diverse Neuerungen gegeben, heute werden ganz verschiedene Leuchten in die Fahrzeuge eingebaut.“ Das Blenden habe auch mit unsachgemäßer Nutzung der Beleuchtungsanlage zu tun, mancher schaltet ohne Not die Nebelscheinwerfer oder das Fernlicht ein.

Von Anna Paarmann

14 Kommentare

  1. Ja, es ist schon so, dass die modernen Scheinwerfer, sogar an Fahrrädern, deutlich heller und farblich unangenehmer leuchten als die bekannten H4- und H7-Lampen. In dieser Jahreszeit besonders zu beobachten. Aber was ist jetzt schädlicher? Mehr Geblendete, die dann viele Meter im Blindflug zurück legen, oder schlechtere Sicht, weil die alten Halogenscheinwerfer weniger Fahrbahn ausleuchten?

  2. Die moderne Beleuchtungstechnik in Fahrzeugen führt m.E. zu einem falschen Sicherheitsgefühl und verleitet immer mehr Autofahrer dazu in der Dunkelheit zu schnell zu fahren. Und das tun sie schon dank Fernlicht sowieso schon.

  3. Gerade in der jetzigen Jahreszeit sind immer wieder Fahrzeuge mit schlecht eingestellter oder defekter Beleuchtungsanlage zu beobachten. Fahrzeuge mit Xenon oder LED-Scheinwerfern können das aber i.d.R. nicht sein, weil diese eine automatische Leuchtweitenregulierung haben. Die sorgt u.a. dafür dass die Scheinwerfer z.B. bei Betrieb mit einem beladenen Anhänger nicht nach oben leuchten indem sich die Neigung der Scheinwerfer automatisch nach unten reguliert. Zunehmend haben diese Fahrzeuge zudem auch eine Fernlichtautomatik. Und die funktioniert, soweit ich es beurteilen kann, ausgesprochen gut. Ausserdem haben alle in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge eine Zulassungsgenehmigung vom Kraftfahrtbundesamt. Sie sind also alle auf Verkehrstauglichkeit und -sicherheit getestet und von einer Prüforganisation abgenommen worden. Die Abgasproblematik bei einigen Fahrzeugen mal beiseite gelassen.

    Unabhängig davon finde ich es aber schon sehr dreist aufgrund einer individuellen Lichtüberempfindlichkeit ein Verbot sämtlicher Fahrzeuge mit hellen Scheinwerfern zu fordern. Leider ist das aber gar nicht mal untypisch für die heutige Gesellschaft. Nicht selten wird versucht individuelle Eigeninteressen über die Interessen der Allgemeinheit zu stellen. Nachvollziehen kann ich das nicht.

    • Ich sehe das ähnlich, geblendet werde ich auf dem Fahrrad meistens von Autos mit Halogenleuchten aus den Baujahren mit manueller Einstellung der Leuchten. Bei neueren Leuchten passiert mir das sehr selten. Kann aber auch anders sein wenn man bspw. im Auto sitzt.

      Insgesamt finde ich es gut das die Leuchttechnik einfach besser geworden ist. Mit den LED Leuchten die ich mittlerweile am Fahrrad habe sind Ausleuchtung und Sichtbarkeit deutlich besser geworden.

    • „aufgrund einer individuellen Lichtüberempfindlichkeit“
      Haben Sie den Artikel gelesen und verstanden?

      Natürlich blenden die neuen Scheinwerfer erheblich stärker als die älteren Modelle. Zudem sitzen sie aufgrund der SUV Seuche deutlich höher als bei anderen Fahrzeugen. Wer da nicht ein Blenden im Rückspiegel empfindet ist entweder schon blind oder trägt auch nachts eine Sonnenbrille.

      • „Zudem sitzen sie aufgrund der SUV Seuche deutlich höher als bei anderen Fahrzeugen.“

        Sie haben auf meinen Beitrag geantwortet. Also muss ich davon ausgehen dass Sie mir unterstellen einen SUV zu fahren. Doch war das ein emotionaler Schuss daneben. Ich fahre einen ganz normalen PKW und freue mich über alle anderen Fahrzeuge die ich auch bei schlechten Sichtverhältnissen durch ihr helleres Xenon oder LED-Licht rechtzeitig und deutlich erkennen kann. Im Gegensatz zu manchen Schummerscheinwerfern mit älterer Lichttechnik. Ebenso freue ich mich auch dass ich durch meine LED-Scheinwerfer jetzt bei einsetzender und völliger Dunkelheit (Neumond oder stark bewölkt) eine deutlich bessere Ausleuchtung des Fahrweges habe. Und nicht zu vergessen! Auch Fußgänger und Radfahrer früher und besser sehen kann. Somit auch mehr Sicherheit für diese Verkehrsteilnehmer.
        Und dann noch zu ihrer Frage: „Haben Sie den Artikel gelesen und verstanden?“ Klare Antwort: Ja. Nur wenn ich ihnen auch noch erkläre wie ich wirklich darüber denke wird meine Antwort an Sie nicht mehr veröffentlicht. Also verzichte ich darauf.

  4. Dörthe Krausse Poulsen

    Wer hat das noch nie erlebt? Besonders bei feuchtem Wetter kann die verstärkte Blendung sehr stark belasten. Doch egal wie, sollte jeder immer nach den Verhältnissen fahren. (Wir schaffen doch auch nicht den Winter ab, weil einige „unterfrankierten“ zu Schaden kommen)

  5. Ich muss Herrn Rieckmann recht geben, seid dem die Fahrzeuge mit Xenon oder LED-Technologie ausgerüstet sind, hat meiner Meinung nach die Blendwirkung bei Nacht sehr stark zugenommen, besonders bei nassen Straßen mit Gegenverkehr.
    Man könnte sagen, was früher das Fernlicht bei älteren Fahrzeugen war ist heute das normale Abblendlicht, nur doppelt so grell. Für die Fahrer die solche Lampen haben mag das Sicher sein weil die Straße schön hell ausgeleuchtet ist aber für den Gegenverkehr ist das manchmal kein Spaß, besonders wenn rechts am Fahrbahnrand Radfahrer unterwegs sind. Noch besser sind aber auch manche Radfahrer, einige dieser Pedal Ritter haben so grelle Lampen montiert und zu hoch eingestellt das es bereits bei gefühlten 300 Meter Abstand zum Fahrrad schon sehr unangenehm für das Auge ist.

    • „Noch besser sind aber auch manche Radfahrer, einige dieser Pedal Ritter haben so grelle Lampen montiert und zu hoch eingestellt das es bereits bei gefühlten 300 Meter Abstand zum Fahrrad schon sehr unangenehm für das Auge ist.“
      Die 300m sind aber auch wirklich nur stark subjektiv gefühlt. Oder Sie haben kein besonders gutes Einschätzungsvermögen für Entfernungen. So weit reicht nicht mal ein LED-Abblendlicht. Versuchen Sie mal sich einen normalen Standard-Sportplatz vorzustellen. Eine vollständige Runde um diesen Platz sind 400m. Erkennen Sie jetzt was Sie den Radfahrern hier andichten.

      „Man könnte sagen, was früher das Fernlicht bei älteren Fahrzeugen war ist heute das normale Abblendlicht, nur doppelt so grell.“ Statt „grell“ hätten sie besser „hell“ schreiben sollen. Denn ein wesentlicher Unterschied zwischen Halogen einerseits und Xenon, bzw. gesteigert LED-Licht bei Fahrzeugen, ist auch die Farbtemperatur. Halogenglühbirnen sind eher im gelblichen Bereich während Xenon- und LED-Scheinwerfer immer mehr ins weiße Licht gehen.
      Die Farbtemperatur einer Halogenlampe liegt bei ~2.800 Kelvin (230V und bei 12V etwas höher), Xenon liegt zwischen ca. 4.500 – 5.000 Kelvin und LED-Scheinwerfer entsprechen in etwa dem normalen Tageslicht. Bei Leuchtkörpern für Lampen im Haushalt gibt es bei LED-Leuchtkörpern bewußt verschiedene Ausführungen bezüglich der Farbtemperatur. Denn im Haushalt sollen sie zuerst zur Stromersparnis beitragen. Im Straßenverkehr steht aber bessere Sicht und dadurch auch mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer im Vordergrund.
      Was dann bei „Dunkelheit“ als grell oder zu hell empfunden wird liegt m.E. schlicht daran, dass unsere Augen bei „Dunkelheit“ nicht auf Tageslicht eingestellt sind. Das ist normal aber auch nicht verwerflich weil es im Strassenverkehr einem sinnvollen Zweck dient.

    • So empfinde ich es auch, seit einigen Jahren.

      Bei den Radfahrern werde ich als Radfahrer so geblendet, speziell auf Wegen ohne nennenswerte Straßenbeleuchtung, dass ich einfach nichts mehr hinter dem Licht erkennen kann. Ich fahre dann blind ins Dunkle für einige Sekunden. Also über etliche Meter.

      Achtsamkeit wäre hier angeraten…

      Doch was beim Radfahren noch gehen mag, weil es mein persönliches Problem bleibt, das ist beim Autofahren weniger Gefahr für mich selbst, sondern doch mehr noch für alle Anderen: wie man Scheinwerfer als Kraftfahrtbundesamt zulassen kann, die dafür sorgen, dass sämtlicher Gegenverkehr für 5 bis 10 Sekunden, also über etliche Dutzende Meter wie blind ins dunkle Nichts fahren, das kann ich nicht verstehen!

      Wenn grell ausgeleuchtete Straßen von Autos, die überdies so leise und bequem gleiten, dass immer zu schnell gefahren wird von überdies oft abgelenkten Fahrern, sicherer sein sollen, wenn sie jegliche Sicht für Andere ausschalten – das erkläre mir jemand mal logisch.

      Die Initiative von Herrn Rieckmann wäre ein geeignetes Thema für eine – allerdings vorzubereitende – Petition für den Bundestag. Es gilt, die Prüfmaßstäbe der Zulassungsbehörden zu überdenken.

  6. hier sind einige unterwegs, die einen kfz-mechatroniker fragen sollten. aber jeder darf sich hier blamieren, wie er kann.

  7. Mich nerven eher die Wackelscheinwerfer in LKWs, die scheinbar manchmal nur lose in der Schürze hängen. Und übelst schlecht eingestellte Scheinwerfer ebenso…

  8. Ein weiteres Problem besteht darin, das die Lichtquellen am Auto immer kleiner, nahezu punktförmig werden.
    Dies allein erhöht schon die Blendwirkung. Dazu kommt das moderne Autobleuchtungen immer mehr sensorabhängig gesteuert werden. Dies mag bei einem scheckheftgepflegten Wagen keine Probleme verursachen, aber wie steht es bei Fahrzeugen mit Wartungsstau? Moderne Technik verursacht auch höhere Kosten und einen höheren Wartungsaufwand – den sich erfahrungsgemäß nicht jeder leisten kann bzw. will.

    https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/scheinwerfer-102.html

    Hinter dem Link verbirgt sich ein kritischer Artikel zu diesem Thema aus der ARD-Reihe „W wie Wissen“ vom Mai 2018.

    • Danke Lüneburger, mit dem Link zu dem Thema „Genug geblendet“ hast Du einen guten Beitrag geleistet. In dem Beitrag wird gezeigt das Herr Rieckmann vollkommen recht hat.

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