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Polier Alexander Wunder (l.) und SaLü-Geschäftsführer Dirk Günther bei einem gemeinsamen Baustellen-Rundgang. (Foto: t&w)

Zerreißprobe am SaLü

Lüneburg. Die Sommermonate waren die schlimmsten. Von Juli bis Oktober bissen sich die Hy­draulikzangen der Bagger auf der SaLü-Baustelle, wo seit Januar die Badewelt erneuert wird, durch den Stahlbeton des ehemaligen Wellenbeckens. Währenddessen bebten nebenan in Annelie Augustins Wohnung an der Uelzener Straße Tische, Stühle und Schränke. Inzwischen sind die Abrissarbeiten beendet und mit ihnen die Erschütterungen. Der Baulärm aber ist geblieben, außerdem kleine Risse an Wänden und Fugen, die plötzlich überall im Haus auftauchen. Augustin ist sicher, dass sie auf die Bauarbeiten an der Salztherme zurückzuführen sind. Sie ist nicht die einzige Anwohnerin, der es so geht. Viele Nachbarn haben die Nase gestrichen voll von der Großbaustelle vor ihrer Haustür.

Virtuelle Tour über die Baustelle

Ungewöhnlicher Blick

Was kommt anstelle des ehemaligen Solebeckens? Wo entstehen zusätzliche Liegeflächen? Und was findet in der Gebäudeerweiterung an der Uelzener Straße Platz? Die LZ erklärt online die Veränderungen in der Salztherme in einem virtuellen Rundgang über die Baustelle auf www.landeszeitung.de/salue. Mit der Maus können Sie eine Luftaufnahme des SaLü erkunden, über anklickbare Kreise näher an die einzelnen Bauzonen heranspringen und so mehr über ihre Neugestaltung erfahren.

Die Sanierung für rund 17 Millionen Euro gehört zum Masterplan der Kurzentrum Lüneburg Kurmittel GmbH, die das SaLü seit 2009 Schritt für Schritt modernisiert (LZ berichtete). „Wir alle haben seit Juli mit dem Beginn des sogenannten konstruktiven Abbruches der Stahlbetonteile des Hauses sowie der Stahlbetonsanierung die sicherlich deutlich unangenehmsten Arbeiten des Sanierungsprojektes der Salztherme erlebt“, gibt SaLü-Geschäftsführer Dirk Günther zu.

Nicht nur bei ihm, auch bei der Bauaufsicht und im Bereich Umwelt der Stadt sind in den vergangenen Monaten Beschwerden von Anwohnern wegen Lärms, Erschütterungen und Schmutz eingegangen. Nachbarn sind wütend, dass Aussagen zu Bauarbeiten und -zeiten aus Informationsschreiben und früheren Gesprächen nicht eingehalten werden.

Günther kennt die kritischen Stimmen, „die eine verbindlichere Information wünschen“. Das Team habe immer versucht, insbesondere die Anwohner zu informieren. „Aber es ist und bleibt eben eine Großbaustelle, auf der sich Dinge ändern können“, gibt er zu bedenken. Nicht zuletzt habe der besonders laute Abriss auch länger gedauert, weil er die beauftragten Firmen dazu angehalten habe, „lärm- und erschütterungsintensivere Arbeiten auf ein Mindestmaß zu reduzieren und den Anwohnern so viel Ruhezeit zu belassen, wie der Arbeitsablauf zulässt.“ So sei beispielsweise nur an einigen wenigen Samstagen gearbeitet worden.

„Risse an den Wänden waren vorher noch nicht da“ – Annelie Augustin, Anwohnerin

Diese Antwort reicht Augustin nicht, die 60-Jährige hat Angst um ihr Haus. Das Gebäude aus dem Jahr 1900 steht seit etwa 25 Jahren unter Denkmalschutz und zeigt seit Sommer immer mehr Risse an Wänden, Fugen und den erst 2015 renovierten Balkonen. „Ich putze hier regelmäßig, die waren vorher nicht da“, versichert die 60-Jährige. Einige Nachbarn haben ähnliche Schäden entdeckt. Im Fe­bruar setzte ein Bausachverständigenbüro im Auftrag der Kurmittel GmbH ein Beweissicherungsverfahren an den umliegenden Häusern um, so sollte der Zustand der Gebäude vor dem Bau dokumentiert werden. Nach Abschluss der Bauarbeiten sollen Vergleichsdaten erhoben und ausgewertet werden.

Sensoren in den Häusern

Darauf will Augustin nicht warten. Als im Juli die ganze Wohnung vibrierte, forderte sie mit einigen anderen Anwohnern eine Überprüfung der Erschütterungen, die von den Baumaschinen herrührten. Die Kurmittel GmbH ließ in ihren Häusern Sensoren installieren, um die Beeinträchtigungen zu messen. Trotz wiederholter Nachfrage hat ihnen das SaLü bislang keinen Einblick in die Ergebnisse aus ihren Häusern gewährt. „Die Messergebnisse liegen vor, sind jedoch noch nicht gedeutet“, begründet Günther. Gern wolle er sie den Anwohnern zugänglich machen, in welcher Form, sei jedoch noch unklar. Er ist sich aber sicher: „Grenzwerte wurden nicht erreicht.“

Stadt hat zwei Mal den Lärm gemessen

Anders sieht es mit der Lärmbelastung aus. Die dürfe nach Verwaltungsvorschrift werktags einen Tages-Mittelwert von 55 Dezibel nicht überschreiten, informiert Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck. Aufgrund von Beschwerden hätten Mitarbeiter der Stadt zwei Mal den Lärm gemessen, „diese Werte lagen über dem Grenzwert“, sagt Moenck. Die Messungen dienen der Verwaltung in erster Linie als Grundlage für die Vereinbarung weiterer Lärmschutzmaßnahmen mit dem Bauherren, wie die Anbringung von Dämmmatten an den Bauzäunen in dieser Woche.

„Das klingt, als ob tausend Bierflaschen gleichzeitig gegen die Wand knallen, und das stundenlang.“ – Jürgen Meyer , Anwohner

Die machen für Jürgen Meyer im siebten Stock des Hotels Seminaris keinen großen Unterschied. Er bewohnt eine der Wohnungen in den oberen Stockwerken des Gebäudes, die dauerhaft vermietet sind. „Das klingt, als ob tausend Bierflaschen gleichzeitig gegen die Wand knallen, und das stundenlang“, beschreibt er das Geräusch von draußen. Dort entfernen die Bauarbeiter noch bis Mitte Dezember mit einem Höchstdruckwasserstrahl alten Beton vom Eisen. „Ich habe ja noch Glück, ich kann im Geschäft bleiben und gehe nur nach Hause, wenn es sein muss“, sagt der Café-Betreiber.

Und jetzt steht auch noch eine Mieterhöhung an

Andere Bewohner wie Doris Danger können das nicht. „Den ganzen Sommer konnte ich die Fenster nicht öffnen und meinen Balkon nicht benutzen“, beschwert sich die Rentnerin, die ihrem Vermieter deshalb im August eine Mietminderung ankündigte. Das Hotel antwortete mit einem Schreiben vom Anwalt, „dass ein Mieter Veränderungen in seinem Wohnumfeld, die zu einer erhöhten Geräuschentwicklung führen […], selbst dann hinzunehmen hat, wenn diese Veränderung dauerhaften Charakter hat.“ Im Hinblick auf eine gütliche Einigung würde jedoch eine einmalige Mietminderung von 20 Prozent akzeptiert.

Wenige Tage später erhielten die Mieter dann eine schriftliche Mieterhöhung ab Januar 2019 um zwölf Prozent, in der nicht weiter auf die Lärmbelästigung durch die Baustelle eingegangen wurde. Zu all dem will die Hotelführung sich gegenüber der Landeszeitung nicht äußern. „Das mag rechtlich zulässig sein“, sagt Meyer, „ich empfinde es zu diesem Zeitpunkt jedoch als unverschämte Ignoranz.“

Baustelle bis 2020

Denn allen ist klar: Gebaut wird noch bis in das Jahr 2020 hinein. „Dabei werden wir immer wieder mit entsprechenden Emissionen und Einschränkungen, zum Beispiel durch Baustellenverkehr, zu rechnen haben“, erklärt Günther. Je nachdem, wie hart der Winter werde, könne es zusätzlich zu witterungsbedingten Verzögerungen im Bauablauf kommen.

Annelie Augustin hätte nichts gegen eine solche Zwangspause. „Dann wäre wenigstens mal für ein paar Tage Ruhe“, sagt sie. Für die Zukunft hofft sie auf einen fairen Umgang seitens des SaLü: „Ich will, dass von vornherein auf Lärmschutz geachtet wird und die Schäden am Haus vernünftig behoben werden, ohne dass ich einen Anwalt einschalten muss.“ Auch in dieser Sache wird sie vermutlich noch viel Geduld mitbringen müssen.

Von Katja Grundmann

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