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Arm-Prothese
Maurice musste früh lernen, sich selbst zu halten. Der Zweijährige kennt seine Mutter nicht mit zwei Armen, zu Hause sieht er sie selbst mit der Prothese so gut wie nie. (Foto: t&w)

Ein Leben mit eineinhalb Armen

Kirchgellersen. Manuela Liekefeld war in der 37. Schwangerschaftswoche, als sie Blutungen und Bauchschmerzen bekam. Im Krankenhaus zögerten die Ärzte nicht lange, Maurice wurde per Kaiserschnitt geholt. Was stets als der glücklichste Tag im Leben einer Mutter beschrieben wird, war für sie zugleich auch der schlimmste. Ihr Baby musste wegen Anpassungsschwierigkeiten auf die Kinderintensivstation verlegt werden. Und sie konnte nicht für den Jungen da sein, weil sie ins künstliche Koma versetzt wurde. Die 39-Jährige hat die ersten fünf Wochen im Leben ihres Sohns verschlafen. Als sie aufwachte, gab es ihr altes Leben nicht mehr.

Es war der 25. Februar 2016, als Manuela Liekefeld von Spezialisten in Harburg in den Operationssaal geschoben wurde. Tage zuvor hatte sie die wohl schwerste Entscheidung ihres Lebens getroffen: Sie hat die Ärzte gebeten, ihr ihre linke Hand zu amputieren. Wie viele Eingriffe, wie viele Rettungsversuche sie zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich hatte, weiß sie nicht. Sie hat auch nie gefragt.

Was schief gelaufen ist, weiß sie bis heute nicht

Die Frau, die mit ihrer Familie in Kirchgellersen lebt, spricht nüchtern über die Ereignisse vor zweieinhalb Jahren. Sie sitzt in einem schwarzen Pullover mit Sternenmuster am Esstisch im Wohnzimmer. Immer wieder blickt sie hinüber zum Sofa, jedes Mal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Dort kuschelt Maurice – inzwischen zwei Jahre alt – mit Oma Margret. Im Fernsehen läuft eine Kinderserie.

Dass es schon Abendbrot gab, verrät der Holztisch. Manuela Liekefeld geht in die Knie, schiebt die Krumen mit ihrem Armstumpf zusammen und fängt sie mit der rechten Hand auf. Der Prothese, die am Ende des Tischs zwischen Pappe, Buntstiften, Kleber und einem Adventskalender liegt, schenkt sie keine Beachtung.

„In dem Stumpf habe ich wenigstens Gefühle, das ist kein totes Körperteil.“ – Manuela Liekefeld

Eine schwere Lungenentzündung soll dazu geführt haben, dass sie nachts plötzlich nicht mehr atmen konnte. Um ihren Körper zu entlasten, entschieden die Mediziner, sie zu narkotisieren. Daraus wurden fünf Wochen. Was damals genau schief gelaufen ist, weiß die zweifache Mutter bis heute nicht.

Sicher ist nur, dass ein Thrombus im Oberarm verhinderte, dass ihre Hand mit Blut versorgt werden konnte. Mehrere Operationen mit dem Ziel, das Gerinnsel aufzulösen und den Blutfluss wiederherzustellen, hatten keinen Erfolg. Das Bild ihrer linken Hand hat sich in ihrem Kopf eingebrannt. Sie beschreibt es als „schwarze Hexenhand“, als „Kralle“. „Das gehörte nicht zu mir. Mir war sofort klar, dass das weg muss.“

Mit der Amputation der Hand war es nicht vorbei

Die Angst vor dem Tod brachte die 39-Jährige dazu, eine Entscheidung, die andere tagelang vor sich herschieben oder gar nicht selbst fällen, binnen Sekunden zu treffen. In ihrem Körper waren schon längst sämtliche Abwehrmechanismen in Gang: Sie hatte hohes Fieber, die Nieren waren an die Dialyse angeschlossen. Sie wollte leben, vor allem aus einem Grund: „Ich hatte gerade ein Kind bekommen, in meiner Erinnerung war Maurice gerade mal ein paar Tage alt.“

Mit der Amputation der Hand war es nicht überstanden, die Odyssee ging weiter. Die Adern mussten erneut verödet werden. Weil die Haut, die aus dem Oberschenkel transplantiert wurde, nicht reichte, wurde der Arm „nochmal gekürzt“, wie sie es umschreibt. Teile des Unterarms mussten dran glauben. „Ich war einfach nur froh, dass sie mir den Arm nicht in die Leiste einnähen mussten.“

Dankbar ist Manuela Liekefeld auch dafür, dass es nicht ihre andere Hand getroffen hat. Sie ist Rechtshänderin, musste also nicht umschulen. „Es dauert trotzdem alles länger.“ Zu Hause schaffe sie nicht mehr viel, selbst das Aufhängen gewaschener Wäsche sei zu einer tagesfüllenden Aufgabe geworden. In der Küche trickst sie: Weil sie eine Kartoffel jetzt nicht mehr in der einen Hand festhalten und mit der anderen schälen kann, greift sie auf einen Apfelschäler aus Metall zurück. „Das geht auch einhändig“, sagt sie. Für einfallsreiche Ideen sei ihr Vater zuständig. „Er hat mir eine Gemüsebürste mit einem Stöpsel gebaut.“

Weil sie inzwischen gelernt hat, ohne ihre linke Hand auszukommen, empfindet Liekefeld ihre Prothese eher als hinderlich. Auch, weil es viel Zeit kostet, die Roboterhand und den türkisfarbenen, mit Meeresmotiven beklebten Schaft anzulegen. Das geht nur mit einem langen Schlauch aus Stoff, einer Anziehhilfe.

Technik für rund 80 000 Euro

80 000 Euro trägt sie dann bei sich – und neueste Technik. „Sie basiert auf Myoelektrik“, erklärt sie. „Das bedeutet, dass sie Impulse aus den vorhandenen Muskeln aufnimmt und die in Bewegungen umsetzt.“ Aufgrund zweier Elektroden seien 24 verschiedene Griffe möglich. Eine App, die sich mit der Prothese über Bluetooth verbindet, dient als Unterstützung, bietet sogar Trainingsprogramme.

Jeden Tag, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, freut sich die Mutter darauf, ihren linken Arm zu befreien. Maurice und sein älterer Bruder Maximilian (15) kennen ihre Mutter eigentlich nur so. Dort, wo der linke Unterarm sein sollte, hängt der Pulli stets schlaff nach unten. Ihre Kinder sind auch der Grund dafür, dass sie sich mit ihrer Prothese nicht anfreunden möchte. Die Hand könne problemlos nach zehn Kilo schweren Gegenständen greifen, sagt sie. Die Angst, ihrem Jüngsten versehentlich wehzutun, sei viel zu groß. „In dem Stumpf habe ich wenigstens Gefühle, das ist kein totes Körperteil.“

Der Traum, endlich wieder Auto fahren zu dürfen

Es gibt aber auch einige wenige Situationen, in denen Liekefeld dankbar ist, zwei Arme zu haben. Beim Radfahren zum Beispiel. Um ihren linken Griff am Lenker hat sie etwas Schaumstoff gewickelt, dadurch kann sie mit der Prothese besser zugreifen. „Fahrrad fahren mit einem Arm ist mir zu unsicher.“

Bei der Arbeit legt sie sie an, „um die Kunden nicht zu erschrecken“. Drei Jahre hat Liekefeld, die in einer Einzelhandelskette in Lüneburg angestellt ist, ausgesetzt. Im September ist sie in die achtwöchige Wiedereingliederung gestartet. Ein Zeitraum, in dem sie gemeinsam mit ihrem Chef getestet hat, was körperlich noch möglich ist. Mittlerweile arbeitet sie wieder sechs Stunden am Tag, überprüft die Mindesthaltbarkeiten, Preise – und ist dankbar, dass das überhaupt wieder möglich ist.

Am Ziel ist sie noch nicht, einen großen Stein muss Manuela Liekefeld noch aus dem Weg räumen: Sie darf aufgrund ihrer Behinderung nicht mehr Auto fahren. Für die knapp 14 Kilometer zur Arbeit ist sie mit dem Bus eineinhalb Stunden unterwegs, abends muss sie sich von ihrem Mann abholen lassen. Ein Gutachten zur Verkehrseignung und eine Fahrprüfung sind nur die halbe Miete, ihr Auto muss auf Automatik umgerüstet, das Lenkrad mit einem Knauf ausgestattet werden. Hinter all dem steht ein Wunsch: Sie möchte endlich wieder selbstständig sein.

Betroffene unter sich

Austausch mit Gleichgesinnten

Die zehn Personen, die sich alle sechs Wochen an einem Mittwoch um 19.30 Uhr im Awo-Bürgertreff am Lerchenweg austauschen, verstehen sich nicht als Selbsthilfegruppe. Sie haben sich den Namen „Lüneburger Gruppe für Menschen mit Arm- oder Beinamputation“, kurz LGMAB, gegeben. Die Runde existiert seit November 2014. Das nächste Treffen ist für den 16. Januar geplant. Die Gruppe ist telefonisch unter (04131) 2198000 oder per E-Mail an lueneburg@shg.bmab.de zu erreichen.

Von Anna Paarmann

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