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Wohnungslose
Auch in Lüneburg haben Menschen in Not kein Obdach über dem Kopf. (Foto: Archiv)

Wohnungen immer verzweifelter gesucht

Lüneburg. An der Baumstraße prallen zwei Haltungen aufei­nander: Die Herberge möchte dort eine Außenstelle eröffnen, weil sie nicht mehr weiß, wohin mit den Wohnungslosen. Auf der anderen Seite stehen Anwohner, die sagen, dass sie schon heute auf einem rund 200 Meter langen Teil ihrer Meile drei Häuser mit problematischen Mietern haben – noch mehr könnten sie nicht integrieren. Ein Kompromiss scheint schwer zu finden. Selbst wenn die Anwohner, die neue Nachbarschaft verhindern, bleibt das Grundproblem bestehen: Die Zahl der Wohnungslosen steigt – wo sollen sie bleiben?

300 Menschen von Obdachlosigkeit bedroht

Stefan Buchholz ist im Trägerverein Lebensraum Diakonie für die soziale Wohnraumhilfe zuständig, also für Unterkünfte seiner Klientel. Er nennt Zahlen: In der Herberge leben 50 Männer und Frauen im stationären Bereich, in der sogenannten Gefahrenabwehr (Gefa) weitere 50, das sind Menschen, die akut von Obdachlosigkeit bedroht sind. „Hinter diesen 50 stehen aufs Jahr gerechnet rund 300 Leute“, sagt der Wohnungsfachmann. „Wir haben hier eine Fluktuation und vermitteln weiter. Doch der Abfluss stockt. Wir haben zu wenig Wohnungen.“

Die Gründe sind altbekannt. In Lüneburg mangelt es an günstigem Wohnraum: Zuzug, Studenten, Menschen mit geringem Einkommen, zu wenig Sozialwohnungen. Die Chefin der kommunalen Lüneburger Wohnungsbaugesellschaft, Heiderose Schäfke, hatte kürzlich gesagt, dass auf ihrer Warteliste 1300 Namen stehen. Zur Einordnung: Der Lüwobau gehören rund 2200 Wohnungen.

Immer abhängig von der Gunst ihres Gastgebers

Buchholz nennt noch eine Zahl, die die Dramatik unterstreicht. In der ambulanten Einrichtung der Herberge, dem Wendepunkt an der Salzstraße, haben 396 Menschen eine Postadresse erhalten: „Sie haben keinen eigenen Wohnsitz, sie schlafen bei Freunden und Verwandten.“ Immer abhängig von der Gunst ihres Gastgebers – nach einem Streit stehen sie schlimmstenfalls auf der Straße. Buchholz verweist auf eine aktuelle Studie, die besagt, dass in Deutschland rund eine Million Menschen als wohnungslos gilt beziehungsweise davon bedroht ist. Tendenz steigend: „Das ist in Lüneburg nicht anders.“

170 Wohnungen gemietet

Die Herberge hat neben ihren Unterkünften Beim Benedikt 170 Wohnungen für ihre Klienten angemietet. Buchholz redet Klartext: „Mit manchen Leuten gibt es Probleme.“ Doch Sozialarbeiter könnten eingreifen, im Zweifel Leute wieder in die Herberge zurückholen: „Wir können umsteuern.“ Zudem würde die Miete regelmäßig gezahlt, dafür stehe der Verein grade.

So appelliert Buchholz an Hausbesitzer, dem Verein Wohnungen anzubieten, um Menschen in Not zu helfen. Profitieren würde aus seiner Sicht die Stadtgesellschaft: Da immer mehr psychisch auffällige Menschen von Obdachlosigkeit bedroht sind, könnte man mehr von ihnen in der Herberge halten – wenn denn Plätze frei wären.

Wer helfen möchte, erreicht Stefan Buchholz unter der Nummer (0151) 72919714.

Grünen-Politiker beim Hintergrundgespräch

Die Gefahr für Frauen

Wie ist die Situation obdachloser Menschen im Landkreis Lüneburg? Um das herauszufinden, haben sich die Landtagsabgeordneten der Grünen, Miriam Staudte und Detlev Schulz-Hendel, und Kreistagsmitglied Tanja Bauschke mit Michael Elsner getroffen. Elsner sagte dabei: „Ein Anteil von unter zehn Prozent der Wohnungslosen lebt tatsächlich auf der Straße oder ist vorübergehend irgendwo untergekommen.“ Das Ziel müsse die Prävention sein, also eine drohende Wohnungslosigkeit noch abzuwenden oder für den nahtlosen Übergang eine neue Bleibe zu finden.

Bauschke ermutigte Eigentümer von Häusern, dem Verein Wohnraum zur Verfügung zu stellen. „Das kann auch zum Beispiel nur für Frauen mit Kindern geschehen“, sagt sie. Der Lebensraum Diakonie trete in einem solchen Konstrukt dann als Hauptmieter und Ansprechpartner auf. „Ich wohne selbst neben einem Haus des Vereins und bin sehr zufrieden.“
Zur Situation wohnungsloser Frauen sagte er: „Frauen versuchen häufiger als Männer, beim Verlust der Wohnung bei Bekannten unterzukommen. Damit begeben sie sich häufig in Gefährdungen.“ Nicht selten komme es zu sexueller Ausbeutung. Die grüne Landtagsfraktion hat einen Antrag eingebracht, der mehr Angebote für wohnungslose Frauen und junge Menschen verlangt. ap

Von Carlo Eggeling

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