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Alleinerziehend
Ulrike Denzer hat ihre zwei Söhne alleine großgezogen. (Foto: phs)

Vollzeitjob Alleinerziehend

Lüneburg. Kochen, Wäsche waschen, sich um die Kinder kümmern, Finanzen regeln, die alten Möbel abbeizen, das Auto reparieren: Es gibt nichts, wozu Ulrike Denzer einen Mann benötigt. „In dieser Wohnung existiert nicht ein Nagel, den ich nicht selber eingeschlagen habe“, sagt die 51-Jährige und lacht, „denn eins habe ich mir in meinem Leben von Anfang an geschworen: Ich muss auch alleine klarkommen.“ Und das gelingt ihr bestens.

Abends oder am Wochenende saß sie vor den Lehrbüchern

Gut zehn Jahre war die Lüneburgerin verheiratet, hat zwei Söhne. Der Jüngere geht noch zur Schule, der Ältere ist vor Kurzem ausgezogen, studiert mittlerweile in Ostdeutschland. Ganz alleine hat sie die beiden durch die Kindheit gebracht, beide auf das Gymnasium, den Älteren durch die Pubertät und das Abitur. Zeit für sich blieb da kaum. „Auch finanziell war es immer schwierig“, sagt die 51-Jährige, „aber das betrifft ja viele.“ Doch Ulrike Denzer wollte unbedingt auf eigenen Beinen stehen – und umschiffte dabei so manche Klippe.

„Was aber noch immer wehtut, ist, dass der Wunsch einer heilen Familie gescheitert ist.“ – Ulrike Denzer

Als gelernte Köchin war sie lange Zeit in einer Restaurantkette in der Lüneburger Innenstadt tätig, hatte diese später auch geleitet. „Als ich immer öfter hin- und hergeschoben wurde, meine Arbeitszeiten sich überhaupt nicht mehr mit der Betreuung meines älteren Sohnes vereinbaren ließen, habe ich 2003 gekündigt“, erzählt sie.

Zahlreiche Jobs haben sie fortan über Wasser gehalten: Aus ihrem Engagement als Kinderbetreuung in einem Sportstudio wurde sie nach vier Jahren unverhofft entlassen, das Arbeitsverhältnis in einem Pflegedienst, für den sie ältere Menschen bei Arztbesuchen oder Einkäufen unterstützte oder bedürftigen Müttern bei der Betreuung des Nachwuchses unter die Arme griff, beendete sie selber: „Ich wollte in den Behindertenbereich wechseln“, so ihr Ziel.

Mit 44 wieder auf der Schulbank

Drei Monate lang war sie als Gruppenleitung in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen bei der Lebenshilfe angestellt – musste den Vertrag aber kurzfristig kündigen: Der jüngerer Sohn wurde operiert und war fortan für einen längeren Zeitraum auf ihre Hilfe angewiesen. „Das ging natürlich vor“, sagt sie, „auch wenn ich meinen Traum noch einmal in weite Ferne schieben musste.“

2010 schließlich begann sie eine Umschulung zur Erzieherin, „denn damit“, so wusste sie, „hatte ich viele Möglichkeiten.“ 44 Jahre war Ulrike Denzer als, als sie sich plötzlich auf der Schulbank wiederfand – mit Jugendlichen, die gerade ihre mittlere Reife bestanden hatten. „Das war schon eine echte Herausforderung“, sagt sie rückblickend schmunzelnd, „auch vom Lernen her.“ Abends oder am Wochenende, wenn Kinder und Haushalt sie nicht mehr beanspruchten, setzte sie sich vor die Bücher und kam schließlich zu einem sehr guten Abschluss.

Mittlerweile arbeitet die 51-Jährige als pädagogische Mitarbeiterin in der Schule am Knieberg, hilft jungen Menschen mit Behinderungen auf ihrem vielfältigen Weg in die Volljährigkeit. „Das ist mein Traumjob“, sagt sie sichtlich zufrieden, „man gibt viel, bekommt aber unendlich mehr zurück. Ich bin endlich angekommen.“

Endlich angekommen – zumindest zum größten Teil

Das ist sie auch privat – zum größten Teil. „Unser älterer Sohn trifft seine Entscheidungen jetzt allein, und für den Jüngeren sind nicht mehr viele Absprachen nötig“, erklärt sie.

Rückblickend bedauert sie weder das Scheitern der Ehe, noch die lange, harte Zeit: „Was aber noch immer wehtut, ist, dass der Wunsch einer heilen Familie gescheitert ist.“ Und ein zweiter Aspekt stößt ihr bitter auf: „Als Alleinerziehende hat man in dieser Gesellschaft noch immer einen Makel.“

Von Ute Lühr

2 Kommentare

  1. Einen “Makel“ hat man in dieser Gesellschaft schnell. Davor schützt eine heile Beziehung nicht unbedingt. Ich weiß wovon ich spreche. Nach Jahren als Alleinerziehende erlebe ich seit Jahrzehnten in einer glücklichen Ehe nur Neid und Hass meiner Umgebung. Man kann eben nicht alles haben im Leben. Das heile Familienleben, das auch in der nächsten Generation jetzt schon existiert, macht mich jedoch sehr glücklich.

  2. „Als Alleinerziehende hat man in dieser Gesellschaft noch immer einen Makel.“
    Das kann man m.E. so pauschal nicht sagen. Es wird natürlich immer Leute geben, die das eigene Lebensmodell schlechtreden oder es einem neiden. Als Hausfrau und Mutter wird man z.B. von genausovielen Seiten angefeindet, wie als Berufstätige, die ihr Kind in die Ganztagsbetreuung gibt. Die Frage ist auch oft, ob sich der Traum von der heilen und erfüllenden Beziehung überhaupt realisieren läßt. So manch(er) schlägt doch hart auf, gerade als er/sie beinahe glaubte fliegen zu können.