Mittwoch , 18. September 2019
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Gemütliche Stimmung beim Kaffeetrinken für Jubiläums-Hochzeiter: Oberbürgermeister Ulrich Mädge (Mitte) gratuliert Renate und Wolfgang Körner. Die Tradition geht auf OB Horst Nickel zurück, der von 1981 bis 1987 Stadtoberhaupt war. Foto: t&w

Die Liebe trägt ein ganzes Leben

Lüneburg. Es fing 1949 auf einem Maskenball der CDU an. Wolfgang Körner hatte keine Karte. Doch sein Bruder war Musiker und so schlich Wolfgang sich in den Saal . Er traf Renate – mit ein bisschen Aufregung begann die Liebe der 15-Jährigen. Sie hat bis heute gehalten. Seit 65 Jahren sind die beiden verheiratet. Am Montag saßen sie mit hundert anderen Paaren im Palais am Werder des Hotels Bergström, alle sind seit mindestens einem halben Jahrhundert Eheleute.

Traditionell lädt die Stadt Jubiläums-Hochzeiter im Advent zum Kaffeetrinken ein. Oberbürgermeister Ulrich Mädge, die Bürgermeister Christel John und Eduard Kolle sowie Sozialdezernentin Pia Steinrücke schenkten Kaffee aus. Irma Pazer und ihre Kollegen vom Ratsbüro hatten die gemütliche Runde organisiert, die musikalisch vom Amea-Quartett umrahmt wurde. Pastor Jürgen Bohle von der freikirchlichen Gemeinde begleitete den Nachmittag.

„An der Grenze standen Truppen mit Gewehren“

Renate und Wolfgang Körner heiraten am 22. Januar 1953, aus ganz praktischen Gründen. „Wir wollten eigentlich im Mai, aber so bekamen wir eine Wohnung zugewiesen“, erzählt Renate Körner. Das Leben in der DDR schmeckt dem Paar nicht, kurz vor dem Mauerbau im August 1961 gehen sie in den Westen: „An der Grenze standen Truppen mit Gewehren.“ Es ist kein einfacher Start für das Paar mit der vierjährigen Tochter Ute: „Wir haben zunächst keine Wohnung in Lüneburg gefunden.“

So sprach Oberbürgermeister Ulrich Mädge in seiner chronistischen Rede an, was die Körners und andere erlebten: „Damals wie heute war Wohnungsnot ein Thema.“ Das Leben, das zur Geschichte wird, besteht aus Herausforderungen: 1953, als sich die Körners das Ja-Wort geben, kommt es zum Arbeiteraufstand in der DDR, das Regime schlägt ihn nieder. 1958, in dem Diamantene Hochzeiter zum Standesamt gingen, beschäftigt die Bundesrepublik das Thema: „Dürfen Frauen abnehmen?“ Was sie nicht dürfen ist, eigenständig Verträge unterzeichnen – sie sind von ihrem Mann abhängig.

Seit 54 Jahren sind sie in Neu Hagen zu Hause

1968, vor 50 Jahren, dem Jahr der Goldenen Hochzeiter, wälzt die Studentenbewegung vieles um. Der Schlachtruf an den Universitäten: „Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren.“ Dort weht schließlich ein anderer Wind – wie im ganzen Land.

Die Körners leben mittendrin im ewigen Wandel. Sie finden ihre Wohnung, weil Lüneburg wächst und baut – so wie heute. Seit 54 Jahren sind sie auf 70 Quadratmetern in Neu Hagen zu Hause. Er arbeitete in der längst verschwundenen Loewe-Pumpenfabrik, sie bei Lucia, der einst renommierte Strickwarenproduzent ist ebenfalls Geschichte.

„Mal zankt man, mal nicht“

Die beiden alten Leute erzählen, dass sie im Streit mit ihrem Vermieter liegen, wegen der Heizkosten. Das Haus sei verkauft worden, Wohnungen stünden leer – was auf sie zukomme? Die Körners leben wieder mittendrin. Wieder ein Wandel.

Da tut Sicherheit gut. Sie sind einander sicher. Selbst wenn die Gesundheit nicht mehr so will, wie sich die beiden das wünschen. „Mal zankt man, mal nicht, man muss sich vertragen und gleiche Interessen haben“, beschreibt Renate Körner ihre Route für eine lange, lange Ehereise. Ihr Mann nickt und lächelt: „Bei uns ist das so, dass wir manchmal dasselbe sagen.“ Beide lächeln.

Insgesamt gibt es in Lüneburg im Jahr 2018 19 Paare, die 65 Jahre verheiratet sind, 71 sind es seit 60 Jahren und 152 seit 50 Jahren.

Von Carlo Eggeling