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Sky-Betrug
Die vier Angeklagten, hier mit einigen der Verteidiger, verbargen ihre Gesichter zum Prozessauftakt vor den Kameras. (Foto: be)

„Er wollte kostenlos Fußball sehen“

Lüneburg. Die vier jungen Männner machen auf den Anklagestühlen einen ruhigen, harmlosen Eindruck, hatten eine relativ normale Kindheit. Die Jugendgerichtshilfe geht davon aus, dass das Quartett das Ausmaß seines Handelns nicht erkannte und bei dem ihm vorgeworfenen Computerbetrug nicht aufs Geld aus war. Eine hohe kriminelle Energie sieht dagegen der Oberstaatsanwalt: Die vier Angeklagten hätten Betrug in besonders schwerem Fall begangen, insgesamt Daten in 20 854 Fällen ausgespäht, einen Gewinn von rund  250 000 Euro gemacht – und mit ihrem Wirken dem Pay-TV-Sender Sky einen Schaden von rund 3,125 Millionen Euro zugefügt.

„Das Geld hatte für ihn keine Rolle gespielt“ – Ein Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe

Laut Anklage hatten die mutmaßlichen Täter unter anderem das Signal von Sky entschlüsselt und zum Beispiel Fußballspiele und Spielfilme auf ihrem eigenen Internetportal iStreams.to illegal angeboten – deutlich unter dem Sky-Preis, der Firma sei so durch entgangene Abonnements ein Millionen-Schaden entstanden. Die Taten hätten sich zwischen 2011 und 2016 abgespielt, als die heute 22 bis 26 Jahre alten Angeklagten noch im jugendlichen beziehungsweise heranwachsenden Alter waren. Daher wird vor der 4. großen Jugendkammer am Landgericht Lüneburg verhandelt, wo es gestern um die Lebensläufe des Quartetts ging. Gehört wurden Freunde von ihnen und die Jugendgerichtshilfe.

Kontakt entstand über das Internet

Alle verstehen sich bestens auf Computer. So wie der heute 23-jährige Bochumer, der an der Uni Ratingen IT-Systemelektronik studiert und laut Gerichtshilfe in der Grundschule „gemobbt und ausgegrenzt“ wurde, seinen Quäler in der Jugend wiedertraf und sich so „in die Welt des Internets zurückzog“. Übers Internet habe er Kontakt zu den Mitangeklagten gefunden: „Durch sie hat er Anerkennung erfahren. Das Geld hatte für ihn keine Rolle gespielt, sondern das Gemeinschaftsgefühl.“ Heute lebt der Student recht bescheiden, ein Job bringt ihm monatlich 450 Euro, sein Vater unterstützt ihn mit 550 Euro, legt manchmal auch was drauf. Sein bester Freund bestätigte: „Er hat kein Auto, aber auch keine Schulden, lebt in einer Zweier-WG.“ Und: „Fußball liebt er über alles.“

Und der Fußball soll aus Sicht der Gerichtshilfe für einen heute als IT-Systemelektroniker arbeitenden 22-Jährigen aus dem bayerischen Zwiesel das Tatmotiv gewesen sein: „Er ist Fußballfan. Viele Spiele werden aber nur über Sky übertragen, das war ihm zu teuer. Er stieß auf die Seite iStreams.to.“ Dort habe er erfahren, dass für die Pflege des Portals noch Teammitglieder gesucht würden. Er machte mit: „So konnte er kostenlos Sky sehen.“ Auch er lebe nicht auf großem Fuße, wohne noch bei seiner Mutter, bekomme 1600 Euro Nettolohn.

Angeklagte sehen sich erstmals vor Gericht persönlich

Ein weiterer Angeklagter kommt wie der Bochumer ebenfalls aus dem Ruhrgebiet. Und der Vierte im Bunde lebt bei seiner Familie in Eyendorf im Kreis Harburg. Seine Ausbildung hatte Umwege: Er verließ das Gymnasium 2010 mit dem Realschulabschluss, das Wirtschaftsgymnasium brach er ein Jahr später ab und besuchte die Höhere Handelsschule. Schließlich absolvierte er 2016 bei einem Betrieb eine Lehre zum IT-Informatiker. Dort arbeitet er noch heute für 1550 Euro Lohn.

Die Angeklagten kannten sich nur über ihre Computerfreundschaft, erstmals live gesehen hatten sie sich am Landgericht. Wie oft sie sich hier noch treffen, ist unklar. Der Vorsitzende Richter Axel Knaack sagte gestern: „Es ist alles drin von einer Verständigung über höhere Strafen bis zur Aussetzung des Verfahrens wegen fehlender Daten.“ Nun soll dem Quartett erstmal ein Vorschlag unterbreitet werden, was es zu erwarten hat, wenn es umfassende Geständnisse gibt.

Von Rainer Schubert