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Hilke und Jochen Hartmann setzen auf Biodiversität. Foto: t&w

Mit Vielfalt zum Sieg

Rettmer. Wochenlang steckten sie in jeden ihrer Eierkartons einen kleinen, weißen Zettel. „Liebe Kunden“, hatte Hilke Hartmann darauf geschrieben, „das F.R.A.N.Z-Projekt ist für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Forschung nominiert. Sie können für uns abstimmen!“ Wie viele Wünsche sie mit ihren Eierkartons unter die Leute gebracht hat, hat die Landwirtin nie gezählt. Doch am Ende haben wohl auch sie ihren Anteil daran, dass der 7. Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2018, „Europas größte Auszeichnung für ökologisches und soziales Engagement“, vor wenigen Tagen an das F.R.A.N.Z-Projekt und damit auch an das Bauern-Ehepaar aus Rettmer ging.

Bunter, lebendiger, vielfältiger

Gemeinsam mit neun anderen Landwirten aus ganz Deutschland haben sich Jochen und Hilke Hartmann vor einem Jahr einer gemeinsamen Vision verschrieben: Sie wollen die konventionelle Landwirtschaft bunter machen, lebendiger, vielfältiger. Dafür säen sie in einem ersten Schritt Blühpflanzen und Erbsen, schaffen Lebensorte für Insekten, Vögel, Rehe und Hasen. Wissenschaftlich begleitet und finanziert wird der Probeanbau innerhalb des Dialog- und Demonstrationsprojektes F.R.A.N.Z (Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft), einer auf zehn Jahre angelegten Gemeinschaftsinitiative mit dem Ziel, mehr Artenvielfalt in der Agrarlandschaft zu schaffen.

Auf dem Weg zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis überzeugte das Projekt zunächst ein Experten-Team des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), musste sich danach im Finale mit zwei weiteren Projekten dem Urteil des Publikums stellen. Die 3sat-Wissenschaftssendung „nano“ stellte die Nominierten im Herbst in kurzen Filmen im TV sowie auf ihrer Website vor. Für das F.R.A.N.Z-Projekt drehte das Filmteam mit Hilke und Jochen Hartmann in Rettmer – ein Porträt, das am Ende zum Siegerporträt wurde.

Biodiversität lässt sich erzeugen

In der Laudatio sagte die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek: „Die Landwirtschaft gehört zu den wichtigsten Partnern für den Naturschutz. Mit innovativen Methoden kann sie immer mehr für den Schutz der Arten beitragen – und zugleich ertragreich und leistungsfähig sein.“ Ein Gedanke, den Jochen Hartmann inzwischen lebt – und den er sogar noch ein bisschen weiterspinnt. „Wir Landwirte können nicht nur Kartoffeln oder Weizen erzeugen“, sagt er, „wir können auch Biodiversität erzeugen.“ Warum, fragt Hartmann, soll nicht auch das in Zukunft ein Betriebszweig sein?

Der 38-Jährige und seine Frau haben mit den Veränderungen auf ihrem Betrieb vor einem Jahr angefangen, haben Blühstreifen angelegt und blühende Untersaaten unters Feld gemischt, haben 40 mal 40 Meter große Lerchenfenster gesät und Flächen unbestellt gelassen in der Hoffnung, dass der Kiebitz zurückkommt. „Früher“, sagt Jochen Hartmann, „war ich glücklich, wenn ich einen sauberen Weizenschlag hatte.“ Heute, erzählt er, stünde er da und erfreue sich an der Schönheit der Vielfalt. „Heute bin ich glücklich, wenn es blüht, wenn Insekten und Vögel fliegen, wenn ich einen Hasen oder ein Reh in meinem Feld entdecke.“

Nützlinge zurück auf die Äcker holen

Zehn Prozent Naturschutzflächen auf den Betrieben, das ist das Ziel des F.R.A.N.Z-Projektes. Mehr als zehn Prozent, das ist Hartmanns Ziel. In seiner Vision schafft er eines Tages sogar, durch Vielfalt im Feld Pflanzenschutzmittel zu sparen.

„Wenn es uns gelingt, die Nützlinge zurück auf den Acker zu holen, bekämpfen sie vielleicht eines Tages für uns ganz natürlich die Insekten.“ Landwirtschaft kann und muss vielfältiger werden. Davon ist Hartmann überzeugt. „Doch das funktioniert nicht mit Druck, sondern nur über Motivation.“ Man müsse motiviert sein, um es gut zu machen – womöglich sogar preiswürdig.

Von Anna Sprockhoff

Hintergrund

Projekt und Preis

Das Verbundsprojekt F.R.A.N.Z wird unter Federführung der Michael Otto Stiftung für Umweltschutz gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband durchgeführt. Wissenschaftlich begleitet wird es durch die Thünen-Institute für Ländliche Räume, Betriebswirtschaft und Biodiversität sowie die Universität Göttingen und das Michael-Otto-Institut des Nabu. Zu den zehn Demonstrationsbetrieben gehören Ackerbau- und Grünlandbetriebe, um die Maßnahmen auch auf andere Betriebe bundesweit übertragen zu können. Das große Ziel ist es, die erprobten Naturschutz-Maßnahmen in Förderprogramme zu gießen und damit auf möglichst vielen Feldern Lebensräume für wildlebende Tier- und Pflanzenarten zu schaffen.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist die nationale Auszeichnung für Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Kommunen und Forschung. Mit fünf Wettbewerben, mehr als 800 Bewerbern und 2000 Gästen zu den Veranstaltungen ist der Preis der größte seiner Art in Europa. Die Auszeichnung wird vergeben von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V.

In der Kategorie Forschung setzte sich das F.R.A.N.Z-Projekt im Finale durch gegen das Projekt „IMPAC³“ des Zentrums für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Georg-August-Universität Göttingen und die Langzeitstudie „Standardisiertes Monitoring von Insekten in Schutzgebieten“ des Entomologischen Vereins Krefeld e.V.