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Der Schwule Heidekönig Finn I. amüsierte sich mit seinen Freunden im Sommer im alten Hafen. Foto: t&w

Schrill, schräg und ganz normal

Lüneburg. Sie lieben Männer. Sie haben gern Spaß. Beides finden sie ganz selbstverständlich. Also kein Thema, das die Gemüter erhitzen müsste. „Es ist normal ge worden, schwul zu sein“, sagt Carsten Meyn. „Wenn es blöde Sprüche gibt, muss ich drüber stehen. Dann gefalle ich demjenigen eben nicht. Na und?“ Weil es so normal erscheint, schaffen sie ihren Verein Luenegay wieder ab. Gegründet hat er sich vor eineinhalb Jahren, aktiv ist die Gruppe seit fünf Jahren. Für die Lüneburger Runde ist es auch ein Signal: Sie müssen nicht auf sich aufmerksam machen, sie sind in der Gesellschaft angekommen. Vielleicht ist es auch deshalb schwieriger, Leute zu finden, die sich im Verein einsetzen wollen.

Ihre Geschichte hängt mit der Wahl des Schwulen Heidekönigs zusammen. Vor 18 Jahren rief eine Gemeinde den inzwischen verstorbenen Leo Baum zur Majestät aus, das war ein Aufreger. Beim Heideblütenfest in Amelinghausen durfte Leo I. nicht dabei sein. Das hat sich gewandelt, jetzt fahren die Jungs im Festumzug mit. Einen Teil hat Dirk Ahrens dazu beigetragen, der 2014 mit 46 Jahren als Royal proklamiert wurde. Der Gärtner brummt beharrlich als Motor der Gruppe, er zeigt, wie bürgerlich, er und seine Freunde leben – auch wenn sie an den schrillen Christopher Street Days kostümiert schillern und mit einem „Sektchen“, das muss sein, gute Laune feiern.

„Wir sind in der Normalität angekommen“

Dirk, inzwischen als Queen Mum bekannt, hat die nachfolgenden Könige betreut und die Wahl-Partys mitorganisiert. Unter seiner Ägide beteiligen sich die Herren an den Sülfmeistertagen, organisieren – und beziehen Stellung für ihre Sache. Eben dafür, „dass wir nicht anders sind als andere. Das war der Weg, wie wir auf eher konservative Feste wie in Amelinghausen gekommen sind“. So sieht das auch Stefan Mensch, der sich als „Adjutant“ des Schwulen Heidekönigs engagiert: „Wir sind in der Normalität angekommen.“ Aber klar, es gebe Gruppen, die mit ihrer Sexualität weiter auch auf eine politische Definition setzten.

Natürlich sehen sie, dass nicht alle gleichgeschlechtliche Liebe akzeptieren, gerade auf dem Land. Doch für sich selber haben sie ihre Linie gefunden. Sie treffen sich im Checkpoint queer, einem Zentrum Beim Holzberg nahe des Bahnhofs. Dort kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen sexuellen Präferenzen und Definitionen des Geschlechts zusammen. Neben gesundheitlicher Aufklärung geht es um den Standpunkt, akzeptiert zu werden.

Dort findet der Schwule Heidekönig nun seine Anbindung. Denn die Figur soll es weiter geben, um für die Ziele der Bewegung zu werben, gern auch ein bisschen schrill. Daniel Masch, Geschäftsführer des Checkpoints, sagt: „Man erreicht Leute mit der Idee, der König ist ein Symbol der Szene.“ Mit Szene meint er die gesamte Bandbreite.

Der Stammtisch bleibt erhalten

Somit verschwindet lunegay nicht ganz. Queen Mum, also Dirk Ahrens, bietet an, die nächste Majestät und die Wahl zu begleiten: „Organisatorisch ist da eine Menge zu machen.“ Auch zum Stammtisch treffen sich die Jungs weiterhin: An jedem zweiten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr im Restaurant Apollo gegenüber der Herderschule – ein ganz bürgerlicher Laden.

Von Carlo Eggeling