Aktuell
Home | Lokales | Brennende Schaufensterpuppen, „Judenbonschen“ und weinende Männer
Else Schickler und ihre Tochter Marga an der Roten Straße. Die Familie hat das Bild zur Verfügung gestellt. Die Schicklers wurden Opfer der Pogromnacht. Foto:

Brennende Schaufensterpuppen, „Judenbonschen“ und weinende Männer

Lüneburg. Trotz beunruhigender antisemitischer Attacken weltweit fällt es heute schwer, sich ein zentral gesteuertes Judenpogrom wie vor 80 Jahren auch nur annähernd vorzustellen. Und auch 1938 war es vielleicht für viele Lüneburger schwer zu begreifen, was am 9./10. November geschah: Da legten Brandstifter im Haus unschuldiger Menschen Feuer, ohne dass die Feuerwehr kam. Da zerstörten Angreifer bei ehrbaren Geschäftsleuten systematisch Schaufensterscheiben, Inventar und Waren, ohne dass die Polizei eingriff. Da wurden Zigtausende unbescholtene Männer einfach so festgenommen und monatelang eingesperrt, ohne dass es nur den Hauch eines korrekten Verfahrens gab. Wie konnte es dazu kommen? Und was genau passierte vor 80 Jahren in Lüneburg?

Aufputschen im Schützenhaus

Der 9. November war schon vor 1938 kein Tag wie jeder andere: Als Gedenktag für die „Märtyrer der Bewegung“, also die Toten des Hitlerputsches vom 9. November 1923, war er einer der am stärksten ideologisch aufgeladenen Feiertage im NS-Jahreslauf. Wie überall in Deutschland begann also auch im Lüneburger Schützenhaus der Abend mit einer Parteiversammlung. In diesem Jahr war die Stimmung besonders aggressiv, angeheizt durch die massive antisemitische Propaganda der ersten Novembertage. Gespannt wartete man auf Nachrichten aus Paris, wo der deutsche Diplomat Ernst vom Rath im Sterben lag. Ein verzweifelter Siebzehnjähriger hatte auf ihn geschossen, Herschel Gryn­szpan, dessen Eltern kurz zuvor mit 17 000 anderen polnischen Juden brutal aus Deutschland nach Polen abgeschoben worden waren. Mitten in der Veranstaltung sorgte ein Redner im Schützenhaus für allgemeine Empörung, als er bekannt gab, dass vom Rath seinen Verletzungen erlegen war. Etwa zur selben Zeit hielt im Münchener Alten Rathaus Propagandaminister Joseph Goebbels die entscheidende Rede dieser Nacht. Kurz zuvor hatte er in einer kurzen Unterhaltung mit Adolf Hitler die gemeinsame Linie festgelegt. Goebbels‘ Botschaft war unmissverständlich: Als Rache für den Mord an vom Rath werde es nun selbstverständlich „spontane“ Ausschreitungen gegen Juden geben. Die Partei, so Goebbels, solle diese Aktionen weder vorbereiten noch organisieren, ihnen aber auch nicht entgegentreten. Goeb­bels notierte in seinem Tagebuch: „Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone. Nun wird das Volk handeln.“

„Bitte! Bitte! Rettet mein Kind!“

Der Lüneburger Gauleiter Otto Telschow war nicht in München anwesend, erfuhr aber per Telefon vom Beginn der „Juden-Aktion“. Schnell breitete sich die Aufforderung zur Gewalt nun auch in Lüneburger SA- und Parteikreisen aus. Schon vor Mitternacht griffen NS-Aktivisten die letzten beiden Geschäfte der Stadt an, die noch in jüdischem Eigentum waren: das von der Familie Jacobson geführte Warenhaus „Gubi“ am Markt und schräg gegenüber das Schuh- und Bekleidungsgeschäft Schickler an der Bardowicker Straße. Die Täter zerschlugen die Fensterscheiben, warfen massenweise Waren auf die Straße und zündeten Schaufensterpuppen und Inventar an. Begleitet wurde dies Zeitzeugen zufolge „von lautem Johlen einer größeren Zahl von Menschen“. Harry und Else Schickler, die oberhalb ihres Ladens wohnten, flohen mit ihrer fünfjährigen Tochter Marga vor den Flammen in den Hof und drängten sich dort aneinander. Die Nachbarn hörten, wie Frau Schickler verzweifelt schrie: „Bitte! Bitte! Rettet mein Kind, rettet mein Kind!“ Nachbarn löschten schließlich das Feuer, das auf weitere Häuser überzugreifen drohte.

Der Oberbürgermeister gibt keinen Schutz – im Gegenteil

Und was war mit der Polizei? Sie tat nichts – sie hatte ihre Order. Denn noch vor Beginn der Ausschreitungen hatte Oberbürgermeister Wilhelm Wetzel sie gemäß der Parteilinie angewiesen, bei Angriffen auf jüdische Geschäfte und Personen nicht einzugreifen. Der junge Parteikarrierist Wetzel, zugleich NSDAP-Gauamtsleiter für Kommunalpolitik, wusste also in Lüneburg als einer der ersten führenden Nationalsozialisten von den geplanten Pogromen und sorgte dafür, dass von staatlicher Seite den Juden keinerlei Schutz und Hilfe gewährt wurde. Neben Wetzel hatten zwei weitere wichtige Lüneburger NS-Funktionäre in dieser Nacht ihre Hand im Spiel: NSDAP-Kreisleiter Adolf Heincke und Wilhelm Marquardt, der im Gau für Kulturelles zuständig war. Die beiden wohnten Tür an Tür an der Wandrahmstraße, gleich neben dem Museum. Als ihnen in Spruchkammerverfahren nach dem Krieg eine Beteiligung am Pogrom angelastet wurde, erzählten beide zunächst die schönsten Märchen: Sie hätten sich nach einem anstrengenden Tag bei einem kleinen Spaziergang „über die Wälle“ die Beine vertreten wollen und dabei nur rein zufällig von den Unruhen am Marktplatz erfahren. Nach Konfrontation mit ganz anders lautenden Zeugenaussagen waren sie allerdings gezwungen, den Abend doch noch etwas wahrheitsnäher zu schildern. Die beiden gaben schließlich wenigstens zu, dass man sie telefonisch aufgefordert hatte, nachts zum Markt zu kommen, wo sie bei Gubi und Schickler die Scherben und das Chaos sahen. Vor allem aber saßen sie nach den Gewalttaten in der Innenstadt noch bis in die frühen Morgenstunden mit den Tätern zusammen im Ratskeller.

Die Parteiclique macht mit

Aus den Spruchkammerakten geht hervor, dass bei dieser NS-Kneipenrunde auf jeden Fall Heincke, Marquardt, SA-Standartenführer Thurm und ­NSDAP-Kreisgeschäftsführer Holste dabei waren. Thurm und Holste gehörten zu den eigentlichen Aktivisten des Pogroms. Wie der wachhabende Polizeimeister Fricke nach dem Krieg berichtete, hatte Holste nach der durchzechten Nacht immer noch nicht genug: Er zog weiter zum Haus der jüdischen Familie Lengel an der Salzbrücker Straße, um auch dort die Fensterscheiben zu zertrümmern, irrte sich jedoch im Fenster und geriet in eine Schlägerei. Seine Verletzungen wiesen ihn am nächsten Tag für jeden erkennbar als einen der Täter aus, und er brüstete sich sogar mit seinen Taten: „Das war unsere Aktion.“ Im Unterschied zu vielen anderen Orten brannte in Lüneburg in dieser Nacht allerdings nicht die Synagoge. Der Bau war am 9. November schon kein jüdisches Gotteshaus mehr. Durch antisemitische Gesetze finanziell ruiniert, hatte die kleine Gemeinde die Synagoge nicht mehr halten können. Im Oktober 1938 war sie gezwungen worden, das erst 44 Jahre alte Gebäude auf eigene Kosten abreißen zu lassen, um das Grundstück überhaupt verkaufen zu können – am Ende weit unter Wert. Die leere Hülle des Gebäudes, das einmal die Synagoge gewesen war, wurde verschont, weil das Gebäude „nicht mehr jüdisch“ sei. Der prächtige Bau wurde später abgebrochen. Doch zurück zum 9./10. November: Die meisten Lüneburger erfuhren erst am Morgen danach, was geschehen war. Der Sozialdemokrat Heino Grabow sah auf seinem Weg zur Arbeit morgens um halb fünf, wie die alte Frau Schickler auf der mit Glassplittern übersäten Straße die Schuhe mühsam wieder in ihr demoliertes Geschäft trug. Alleingelassen von Polizei und Feuerwehr, auch ohne Hilfe von Nachbarn, standen die Familien Schickler und Jacobson am 10. November vor den Trümmern ihrer Existenz.

Bilder, die nicht vergehen

Fünfzig Jahre später erinnerte sich eine Lüneburgerin an das furchtbare Bild in der Bardowicker Straße: „Frau Schickler stand im Schaufenster und sammelte die Scherben von den Schuhen. Dabei flossen ihr die Tränen so schrecklich, dass mich die Situation schon als Kind erschreckte und für immer haften blieb.“ Andere Zeitzeugen erzählten, wie der alte Herr Schickler die Scherben zusammenfegte: „Er war ein feiner alter Herr, der ja auch im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden war. Ich dachte: Der hat die Kristallnacht bestimmt nicht verdient.“ Auch in den Lüneburger Schulen waren die Ereignisse der Nacht am nächsten Morgen Thema: Einige Kinder hatten auf dem Schulweg bei Gubi zwischen den Scherben ein paar Bonbons aufgesammelt. „Da kamen wir zu spät in der Schule an, und dann fragte der Lehrer: ‚Wo kommt Ihr jetzt erst her, was habt Ihr gemacht? Was hast Du da?’ – ‚Bonschen’- ‚Oh, ein deutscher Junge isst keine Judenbonschen!’“ In der 10. Klasse des Lyzeums widersprachen zwei Schülerinnen ihrem Lehrer, der die Gewaltakte als gerechte Strafe für die Juden darstellte. Die beiden Mädchen nahmen die Opfer in Schutz, woraufhin ihr Lehrer sie als „Vaterlandsverräter“ dem Direktor meldete. Der redete ihnen ins Gewissen: „Ihr könnt nicht mehr alles sagen, was Ihr denkt.“

„Nicht ein Schnürsenkel entwendet“

Die „Lüneburgschen Anzeigen“, die in den Tagen und Wochen davor mit zahllosen Hetzartikeln gegen Juden Stimmung gemacht hatten, druckten am 10. November eine kurze Notiz unter dem Titel „Scherbengericht“, die auf zynische Weise die Ereignisse zusammenfasste und die Fakten verdrehte – genauso, wie es die NS-Presseanweisungen vorsahen: „Die Trauerkunde vom Ableben des deutschen Botschaftsrats Pg. vom Rath … hat auch in Lüneburg berechtigte und begreifliche Empörung ausgelöst. Unsere sonst so ruhigen Niedersachsen haben dieser Empörung Ausdruck verliehen durch restlose Zerstörung der Schaufenster der beiden jüdischen Geschäfte Gubi und Schickler. Die Synagoge entging nur dem gleichen Schicksal, weil sie vor acht Tagen auf Abbruch verkauft worden ist, also in kurzer Zeit von der Bildfläche verschwindet. Der Inhaber der Gubi, der Jude Jacobson, wurde von der Polizei in Schutzhaft genommen, um ihn vor der Wut der empörten Menge zu retten. […] Es sei ausdrücklich festgestellt, daß die Bevölkerung bei dieser Demonstration die größte Disziplin gewahrt hat. Es ist ganz selbstverständlich, daß aus beiden Geschäften nicht ein Hosenknopf oder Schnürsenkel entwendet worden ist.“

Die Opfer müssen ins Gefängnis, nicht die Täter

Was die Zeitung nicht erwähnte: Nicht nur „der Jude Jacobson“, sondern insgesamt elf jüdische Männer aus Lüneburg wurden am 10. November festgenommen und ins Landgerichtsgefängnis eingeliefert. Während der 71-jährige Adolf Schickler nach zwei Tagen aus dem Gerichtsgefängnis wieder entlassen wurde, vermutlich unter der Auflage, so schnell wie möglich die „Arisierung“ des Geschäfts umzusetzen, brachte die Gestapo die anderen zehn Männer am 11. November ins KZ Sachsenhausen. Dort erwarteten sie wie alle der rund 30.000 Novemberpo­grom-Häftlinge grausame Schikanen, Misshandlungen und brutale Einschüchterung. Ziel der KZ-Haft war es, möglichst viele jüdische Familien zum sofortigen Auswandern und zum schnellen „Verkauf“ ihres Eigentums zu bewegen. Während die Männer eingesperrt waren, kämpften ihre Frauen und Familien verzweifelt um Visa, Schiffspassagen und die Zahlung der horrenden Zwangsabgaben, die den Juden nach dem Novemberpogrom auferlegt wurden. Erst wenn dieser legalisierte Raub erfolgreich „abgewickelt“ war und die Häftlinge nachweisen konnten, dass sie in allernächster Zeit auswandern würden, entließ die SS sie schließlich – je nach individueller Situation nach einigen Tagen, Wochen oder Monaten. Es waren gebrochene Männer, die nach Hause kamen.

„Ich weine um die, die noch da sind“

Anfang Dezember 1938 kam Harry Schickler nach Hause. Als seine Tochter Edith 1995 in Lüneburg zu Besuch war, erzählte sie Lüneburger Schülern, wie sie diese Rückkehr als 14-Jährige erlebt hatte: „Ich werde nie vergessen, wie das war, als mein Vater aus Sachsenhausen zurückkam. Er war ein kleiner und schmaler Mann, immer sehr sportlich, aber jetzt war er durch den Hunger ganz zusammengeschrumpft. Und er hatte keine Haare mehr – sein Haar war komplett abrasiert. Mein Vater weinte. Er weinte und weinte. Ich hatte ihn noch nie weinen sehen; Männer in Deutschland weinten nicht, aber mein Vater tat es. Ich fragte ihn: Warum weinst Du denn? Du bist doch jetzt zu Hause, das liegt doch alles hinter Dir!’ Und da sagte er: ‚Ich weine um alle die, die noch dort sind.’“ Von Anneke de Rudder

Zur Sache

Funde im Museum

Die Historikerin Anneke de Rudder hat im Museum nach Belegen für sogenannte Raubkunst aus der NS-Zeit gesucht – und einiges gefunden. Sie gehört zu den Fachleuten, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus in Lüneburg geht. Weitere Infos hier