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Polizeipräsident
Mit gewaltigem Aufwand hat die Polizei das ehemalige Haus Kurt-Werner Wichmanns im Frühjahr durchsucht, das Grundstück wurde umgegraben und mit Hunden abgesucht. Gut 400 Asservate wurden sichergestellt. Polizeipräsident Robert Kruse (r.) und Ermittlungsleiter Jürgen Schubbert informierten vor Ort über die Arbeit. (Foto: be)

Ein Abschied mit Fragezeichen

Lüneburg. Was seit dem Wochenende Thema im polizeilichen und politischen Niedersachsen sehr konkret die Runde macht, hat sich gestern bestätigt: Innenminister Boris Pistorius hat Polizeipräsident Robert Kruse in den einstweiligen Ruhestand versetzt. „Der bisherige stellvertretende Präsident des Landeskriminalamtes (LKA), Thomas Ring, (ist) mit sofortiger Wirkung neuer Präsident der Polizeidirektion Lüneburg“, teilte die Staatskanzlei in Hannover mit. Auf der Hude wird Ring Anfang kommenden Jahres erwartet.

Spekulationen über Abgang

Über die Gründe für Kruses Abgang wurde viel gemutmaßt. Die Bild-Zeitung, die Hamburger Morgenpost und Focus stellten einen Zusammenhang mit den sogenannten Göhrde-Morden und der vermissten Birgit Meier her. Alles Taten aus dem Sommer 1989, die sich erst jetzt langsam klären: Kurt-Werner Wichmann gilt als Serienmörder in mindestens fünf Fällen, vermutlich waren es noch mehr Menschen, die er getötet hat.

Kruse sagte gestern gegenüber der LZ: „Dieser Komplex hat keine Rolle gespielt.“ Das habe ihm der Innenminister in einem Vier-Augen-Gespräch versichert und ihn autorisiert, dass auch öffentlich mitzuteilen. „Es hat mit dem Minister keine Gespräche zu den Ermittlungsgruppen Göhrde und Iterum gegeben. Da hatten wir nie einen Dissens.“ Die EG Iterum hatte das Schicksal Birgit Meiers geklärt. Ihre Leiche war unter der Garage von Wichmanns Haus gefunden worden. Wichmann hatte sich 1993 das Leben genommen.

Bei Ermittlungen lief nicht alles glatt

Der neue Präsident der Polizeidirektion Lüneburg, Thomas Ring. (Foto: Polizei)

Kruse war gerade von der Morgenpost und der Bild für schlampige Ermittlungen an den Pranger gestellt worden. Die Ermittlungen in den vergangenen Jahrzehnten waren sicherlich kein Ruhmesblatt für Staatsanwaltschaft und Polizei. Nur lagen sie vor Kruses Zeit an der Lüneburger Spitze. Er hatte dem Wunsch des Bruder Birgit Meiers, Wolfgang Sielaff, Verfahren wieder aufzurollen, stattgegeben. Eigene Ermittlungsgruppen suchen nach neuen Ansätzen. Kruses Vorgänger hatte Sielaff zuvor abgewiesen.

Dabei ist nicht alles glatt gegangen. So fand Sielaff, ehemaliger Chef des LKA Hamburg, die Leiche seiner Schwester. Eine vorherige Suche der Polizei hatte nichts zu Tage gefördert. Allerdings hängte sich die Ermittlungsgruppe Göhrde dann in den Fall rein: Im April durchsuchte sie fast drei Wochen lang das alte Grundstück Wichmanns. Jeder Stein wurde umgedreht. Bislang ohne ein Ergebnis. Die Öffentlichkeitsarbeit, die die Staatsanwaltschaft mitverantwortet, allerdings gleicht seit langem oftmals einem Abbügeln von Journalisten. Das wurde auch polizeiintern massiv kritisiert.

Dürre Zeilen aus der Staatskanzlei

Die Staatsanwaltschaft hatte aus juristischen Gründen keine Durchsuchungsbeschlüsse für Wichmanns Immobilie beantragt. Es ist den Ermittlern um EG-Leiter Jürgen Schubbert zu verdanken, dass man Hausbesitzer und Mieter überzeugen konnte, dass das Haus zum Teil bis auf die Grundmauern durchsucht wurde. Dafür bedurfte es finanzieller Zusagen der Polizei für eine Instandsetzung. Kruse sagt: „Ich bin froh, dass wir das angefasst haben. Ein ausgesprochener Verdienst von Schubbert und seinen Leuten.“

Warum Kruse nun gehen musste, dazu sagt er nichts: „Das müssen Sie den Innenminister fragen.“ Aus der Staatskanzlei kamen dürre Zeilen. In Polizei- und politischen Kreisen werden unter anderem politische Gründe genannt. SPD und CDU, als Regierungskoalition in Hannover, sollen mit dem Umbau an der Spitze von Polizei und Verfassungsschutz mit dem Parteibuchproporz zufrieden sein.

Kruse, der sich gestern um 14 Uhr Auf der Hude von seinen Mitarbeitern verabschiedete, nahm den Abgang zumindest äußerlich gelassen hin. Er sagt, er gehe mit dem für die Polizei normalen Alter von 62 in Pension: „Mit ein paar Monaten mehr.“ Er werde schauen, was er künftig mache. Nach Langeweile klingt es nicht.

Von Carlo Eggeling