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Weihnachten ist für viele Familien eine stressige Angelegenheit. Immer wieder gibt es Streit, bis die Kugeln fliegen. ©anoli - stock.adobe.com

O du Streitlustige…

Weihnachten bedeutet für viele Familien oft: Stress. Im LZ-Interview spricht die Frankfurter Diplom-Psychologin Christine Backhaus über Machtverhältnisse und Großzügigkeit

Frau Backhaus, wieso ist Weihnachten für Familien oft so kompliziert?

Christine Backhaus: An Weihnachten liegt das ganze Familiengefüge unter dem Vergrößerungsglas. Länger gärende Konflikte müssen spätestens dann angegangen werden. Außerdem werden auch die Machtverhältnisse beleuchtet: Wer gibt die Regeln vor? Wessen Bedürfnisse werden mehr berücksichtigt, wo wird sich getroffen, was wird gegessen? Meistens gibt es Einen, der sich immer durchsetzt und einen, der immer zurückstecken muss. Den Spannungen, die eh da sind, kann man nicht mehr ausweichen.

Zu allem Überfluss ist die Zeit ziemlich dicht: Jahresabschlüsse, Weihnachtsfeiern, Plätzchen backen mit den Kindern. Tausend Anforderungen, denen man gerecht werden muss – bzw. man denkt, dass man ihnen gerecht werden muss.

Zur Person

Christine Backhaus ist Diplom-Psychologin und Coach aus Frankfurt a. M. Mit ihrem Unternehmen „Psyconomy“ berät sie Privatpersonen und Firmen.

Und dann muss es natürlich auch unbedingt schön werden an Weihnachten…

Gerade junge Familien stehen unter dem enormen Druck des sozialen Vergleichs. Die älteren hingegen können sich manchmal kaum vorstellen, was ihre Kinder und Enkel alles um die Ohren haben – denn besonders in Westdeutschland blieben früher deutlich mehr Frauen zuhause und kümmerten sich um den Haushalt. Die konnten die Weihnachtszeit richtig zelebrieren. Wenn sich dann die Jüngeren mit Mehrfachbelastungen wie Jobs und Kindern eine ruhige Zeit zum Ausspannen an Weihnachten wünschen, ernten sie teilweise Unverständnis von ihren Eltern.
Wie können Konflikte vermieden werden?

Es ist wichtig, dass man alle Beteiligten teilhaben lässt an den Entscheidungen: Komme ich, komme ich nicht? Wie viel Zeit will man mit seiner Familie verbringen? Soll es wie immer das gleiche zu essen geben? Man sollte mit einer gewissen Verhandlungsbereitschaft in die Planungen gehen, andererseits sich über eigene Wünsche im Klaren sein. Beispielsweise haben viele Berufstätige Urlaub über die Weihnachtstage, brauchen die Zeit zum Ausspannen. Da kann es nicht sein, dass der komplette Tagesablauf auf das Neugeborene der Cousine abgestimmt wird.

Wann ist ein guter Zeitpunkt, Weihnachten zu planen?

Ich glaube, den perfekten Zeitpunkt um Weihnachten zu planen gibt es nicht. Jeder Mensch ist unterschiedlich. Am besten ist es, wenn man das aktuelle Weihnachtsfest nimmt, um innezuhalten und zu reflektieren: Was war schön? Was wollen wir nächstes Jahr anders machen? Welche Traditionen behalten wir bei? Denn dann sind ja auch alle Beteiligten dabei, so vermeidet man ein „Stille-Post“-Spiel.

Es gibt immer mehr verzweigte „Patchwork“-Familien. Wie kann ich es dort allen Recht machen?

Das kann man meistens nicht. Oft werden dort Familienmitgliedern Verletzungen und Trennungen ein Leben lang nachgetragen. Hierfür braucht es nicht selten dann einen neutralen Dritten, der zwischen den Bedürfnissen vermittelt.

Bei solchen Familien sollte man sich mehrere Dinge anschauen: Zum einen das Machtgefüge, gab es Gewinner oder Verlierer in der Vergangenheit? Wie viele Parteien müssen unter einen Hut gebracht werden? Was ist verhandelbar, was nicht?

Denn im Endeffekt sind das Verhandlungen. Und dann ist es schlau, einige generelle Absprachen zu treffen, die nicht jedes Jahr neu verhandelt werden müssen. So kann eine Verlässlichkeit hergestellt werden, die besonders für Kinder wichtig ist, denn die brauchen die Struktur.
Dabei hilft es, sich in die beteiligten Parteien einzufühlen: Wie geht es der betrogenen Ehefrau, dem betrogenen Ehemann? Wie dringend will ich meinen Willen durchsetzen? Seien Sie großzügig, das zahlt sich im Nachgang häufig aus.

Wie kommuniziere ich am geschicktesten eine Absage?

Das kommt auf das Gegenüber an. Entweder man macht es ehrlich, mit einer Selbstoffenbarung: Beispiel: „Seit zehn Jahren komme ich zu euch, ich würde auch gerne mal mit meiner Freundin feiern.“ Und wie gesagt: Die anderen einladen, am Entscheidungsprozess teilhaben zu lassen. Man muss aber trotzdem vorher abschätzen, ob das auf diesem Weg möglich ist – oder ob das Gegenüber es nicht akzeptieren kann.

Man darf nicht vergessen, wenn die Absage erteilt ist, fängt der Stress oft erst an. Dann muss ich bei mir anfangen, indem ich nicht anfange zu hoffen, dass die anderen meine Absage gut finden. Das ist ein Irrglaube.

Und bei denen, die grundsätzlich kein ‚Nein‘ zu lassen und sich furchtbar gekränkt fühlen – bei solchen Leuten würde ich eine solche Absage in einem Nebensatz erwähnen, natürlich rechtzeitig, vielleicht mit einem Lächeln auf dem Gesicht, dass man es dieses Jahr anders macht, und gar nicht weiter begründen. Solche Leute sollten sich aber auch fragen, weshalb sie so gekränkt reagieren, ob das nicht mit irgendwelchen schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit zusammenhängt, die nie aufgearbeitet wurden.

Von Robin Williamson