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Das Lüneburger Klärwerk kann nicht alle gesundheitsgefährdenden Stoffe herausfiltern. (Foto: Behns)

Vom Klo ins Grundwasser

Lüneburg. „Beim zweiten Mal gibt‘s Ärger“, ließ Jürgen Westphal aus dem Bereich Umwelt der Stadt die Mitglieder des Umweltausschusses kürzlich wi ssen. Doch nicht sie, sondern mögliche Übeltäter waren gemeint, die verbotenerweise Schadstoffe in die Abwasserkanalisation der Stadt einleiten. Über die Folgen und Vorsorgemaßnahmen auch fürs Lüneburger Grundwasser wurde im Ausschuss intensiv diskutiert.

„Es geht um die Gesundheit des Volkes.“
Thomas Mitschke, Nabu

Wenn die Grenzwerte um einhundert Prozent überschritten werden, greife die Stadt ein, aber eben erst beim zweiten Mal, erklärte Jürgen Westphal nach seinem Vortrag über die Möglichkeiten zur Herausfilterung problematischer Stoffe aus dem Lüneburger Abwasser. „Dann werden wir aber auch schon bei einer geringeren Überschreitung aktiv.“ Allerdings schaue die Stadt bei „prob­lematischen Unternehmen“ auch vorher schon genauer hin. Westphal reagierte damit auf eine Anfrage von BUND-Mitglied Karl Wurm. Der wollte wissen, wieviel Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen Verunreinigungen des Grundwassers eingeleitet worden seien. Westphal: „Relativ wenig.“

Immer mehr Mikrorückstände in den Abwässern

Westphal hatte im Ausschuss über die Aufarbeitung von Abwässern in der Lüneburger Kläranlage vorgetragen und dabei auch auf die begrenzten Möglichkeiten zur Herausfilterung umwelt- und gesundheitsgefährdender Stoffe berichtet. Das brachte Thomas Mitschke vom Lüneburger Nabu auf den Plan, ihm reichte das Vorgestellte nicht: „Wir brauchen eine vierte Ausbaustufe.“ Die Situation sei vor allem mit Blick auf die zunehmenden Mikrorückstände in den Abwässern „weitaus problematischer“, sagte Mitschke und verwies auf entsprechende Studien des Leuphana-Professors Klaus Kümmerer.

Lunge statt Tropfen

Für das Lüneburger Wasserschutzgebiet wird es ein neues Verordnungsgebungsverfahren geben. Das kündigte Volker Schulz vom Bereich Umwelt der Stadt an. Das Verfahren sei erforderlich geworden, weil das in den 1970er-Jahren entwickelte Modell nicht mehr aktuell sei.

Danach erstrecke es sich nicht mehr wie bislang vermutet in Tropfenform vom nördlichen Bereich der Stadt bis in den Raum Bienenbüttel, sondern eher in Form zweier Lungenflügel aus Richtung Betzendorf im Westen und Vastorf im Osten. Das Verfahren soll vermutlich im Jahr 2020 durchgeführt werden.

Nicht neue Filtermaßnahmen seien die Lösung, befand Westphal, vielmehr müsse man verhindern, dass die Stoffe gar nicht erst ins Abwasser gelangen. „Aber da sind uns leider die Hände gebunden.“ Zudem gebe es für diese Stoffe noch keine Grenzwerte. Das wiederum reichte Mitschke nicht, die Politik müsse endlich aktiv werden: „Es geht um die Gesundheit des Volkes.“
Lars Strehse, Chef des Lüneburger Abwasserunternehmens GfA, erläuterte, dass letztlich wohl nur der Weg der Klärschlammentsorgung bleibe. Ziel sei es, die Schlämme ab 2029 in Kooperation mit den Hamburger Wasserwerken zu verbrennen.

Ob die Bürger der Stadt sich Sorgen machen müssen, wollte Stefan Minks (SPD) wissen. Das könne er nicht sagen, „wir messen aber auch nicht alles“, erklärte Strehse. Stadtrat Markus Moßmann wollte das so anscheinend nicht stehen lassen, er versicherte: „Das Thema ist virulent und wir arbeiten daran.“

Von einer „Riesenmenge von Abbauprodukten, die wir noch gar nicht kennen“, sprach auch Thomas Meyer, Chef des örtlichen Trinkwasserversorgers Purena. Da sei auch die Reinigung der Abwasser durch Kohlefilter kein Allheilmittel, „auch da rauscht noch viel durch“.

Künftig mehr Messstellen und bessere Analyseverfahren

Meyer bemühte sich aber auch, die Sorgenfalten der Ausschussmitglieder mit Verweis auf die Spitzenqualität des Lüneburger Grundwassers wieder etwas zu glätten. Die hervorragende Qulität sei den massiven Salz- und Lehmdeckschichten über den in rund 200 Meter Tiefe lagernden Wasservorkommen zu verdanken, „das ist ein gigantischer Filterkörper“, erklärte Meyer. Die Folge: Pflanzenschutzmittel, Metabolite oder Arzneimittel seien nicht nachweisbar, Nitrate nur in Mengen von bis zu 0,3 Milligramm pro Liter – der Grenzwert beträgt 50 Milligramm.
Gleichwohl blicke man sehr genau auf mögliche Veränderungen, erklärte Meyer. 120 Grundwassermessstellen seien dazu im Bereich des Grundwassereinzugsgebietes eingerichtet. Und während es bislang nur alle drei Jahre eine chemisch-physikalische Untersuchung gegeben habe, soll diese künftig jährlich durchgeführt werden. Auch sollen das Messstellennetz im Lüneburger Stadtgebiet erweitert sowie die Analyseverfahren und die Datenbereitstellung verbessert werden.

Einen Einfluss der Grundwasserentnahme durch Coca-Cola auf die Trinkwassergewinnung, nach der Lisa Apking (Linke) gefragt hatte, schloss Meyer aus: „Das liegt hinter unserem Bereich.“ Anders beim geplanten Nassabbau für die Sandgewinnung in Häcklingen. Sollten sich dadurch Nachteile fürs Grundwasser ergeben, „würden wir die Reißleine ziehen“.

Ein Hochsetzen der Grenzwerte, wie von Mitsch­ke in den Raum gestellt, werde es „nicht geben und machen wir auch nicht mit“, erklärte Meyer. Mitsch­ke hatte damit auf Probleme hinweisen wollen, wonach immer mehr Biozide aus den Verkleidungen von Hausfassaden ins Grundwasser gelangen. Auch hier zeigte sich Meyer optimistisch und wiederholte: „Unterschätzen Sie nicht den gigantischen Filterkörper.“

Von Ulf Stüwe