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Reformationstag
Landessuperintendent Dieter Rathing. (Foto: privat)

Glaube spricht sich anders aus

Verlernen die Menschen in einer sich immer mehr beschleunigenden Welt die Fähigkeit zur Besinnung?

Landessuperintendent Dieter Rathing: Ja, wachsende Anforderungen im Beruf sowie im Privatleben, gepaart mit wirtschaftlichem Druck sorgen für eine allgegenwärtige Beschleunigung des Lebens. Der Einzelne erlebt diese als Problem, bisweilen sogar als Gefahr, sich zu verlieren.

Und an diesem Punkt machen Sie ein Angebot?

Genau – zum einen innerkirchlich: Hier entstand der Impuls, weil wir als Bischofsrat und Kirchenleitung immer öfter gehört haben, dass wir immer seltener zu dem kommen, wofür wir als Kirche eigentlich einst angetreten sind. Wir sind in eingespielten Routinen gefangen und erleben ein gehöriges Maß an Fremdbestimmtheit durch Vorschriften und Bürokratie. An diesem Punkt versuchen wir, die Muster zu durchbrechen.

Aber dieses Angebot gilt auch außerhalb der Kirche, oder?

Selbstverständlich. Diese Wahrnehmung ist alles andere als kirchenspezifisch. Wir Menschen kommen kaum noch zu uns selbst. Von daher gilt das Angebot, Zeit für Freiräume zu suchen, auch für die Gemeinden und darüber hinaus für die Gesellschaft als Ganzes. Wir fragen also in Schulen, Kindertagesstätten oder Pflegeheimen, was den Menschen dort zum Thema Freiräume einfällt und zudem, in welchen Abläufen die Menschen gefangen sind und was das ändern könnte.

Seit der Jahrtausendwende stellen sich die Menschen vermehrt Sinnfragen. Gibt es eine Renaissance des Glaubens oder nur eine modische Spiritualität?

Ich benutze den Begriff Renaissance mit Vorsicht, weil wir es nicht mit einer bloßen Wiedergeburt zu tun haben. Der Glaube spricht sich heute anders aus, als in den überlieferten Formeln, die wir als Kirche verinnerlicht haben. Zum Beispiel billigen viele Menschen Jesus eine Ausstrahlungskraft und eine Wirkung zu, ohne ebenfalls davon auszugehen, dass er Gottes Sohn ist. Zudem gibt es eine Sehnsucht nach Begleitung und Geborgenheit über menschliche Möglichkeiten hinaus. Aber das geht nicht zwangsläufig einher mit dem Glauben an ein klar definiertes Himmelspersonal unter der Bezeichnung Engel. Auch ist das Gebet heute keine religiöse Pflichtaufgabe mehr. Das, was Menschen Gott zu sagen haben, spricht sich heute freier aus. Aber nach meiner Erfahrung suchen Menschen immer noch nach einer Adresse für Dank und Klage, Freude und Zweifel. Sie sagen vielleicht nicht mehr: „Ich komme damit zu Gott“, sondern sie sagen: „Ich komme damit zu mir selbst.“

Weil sich Glaube heute anders ausspricht, kann man nicht einfach von einer Renaissance sprechen.

Dass unsere kirchlichen Angebote angenommen werden, erleben wir vor allem in den Schwellensituationen – wenn Paare heiraten, wenn sie Kinder bekommen, wenn es auf das Ende des Lebens zugeht.

Nicht nur der Glaube spricht sich heute anders aus, auch die Kirche hat andere Möglichkeiten. In welchem Ausmaß nutzen die Kirchen die neuen Medien, um Predigten nicht nur direkt vor der Kanzel, sondern grenzenlos zu verbreiten?

Wir sind als Landeskirche in den sozialen Medien unterwegs. In den letzten Jahren wurde ein Kommunikationskonzept erarbeitet, das ständig weiterentwickelt wird.

Es gibt in der Digitalen Agentur eine stetig wachsende Zahl von Mitarbeitenden, einige von ihnen widmen sich ausschließlich der Arbeit mit Facebook, Instagram und Co.

Dass die Kirchenkreise und auch die einzelne Kirchengemeinde eigene Homepages betreiben, ist heute fast selbstverständlich. Auch das Angebot im Bereich der internen Kommunikation, dazu gehören auch die Ehrenamtlichen, wird fortlaufend ausgebaut. Allerdings dürfen wir die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation nicht überschätzen. Eine Stärke der Kirche liegt in der persönlichen Kommunikation von Mensch zu Mensch. Gut, wenn die neuen Medien ihren Beitrag hierzu leisten. Zum Beispiel auch durch die Chat-Seelsorge.

Wo müssen Kirchen ihren Schwerpunkt legen – bei der Bibelarbeit oder beim sozialen Engagement?

Den Schwerpunkt sehe ich ganz klar in der persönlichen Begegnung, in der Wahrnehmung des Menschen. Und dies angesichts der Wahrnehmung, dass sich Lebenswelten auseinanderdividieren, dass die Menschen anonymer leben. Trotz oder gerade wegen der Digitalisierung vieler Kontakte hat die persönliche Kommunikation eine besondere Bedeutung.

Und für die Kirche als Institution wünsche ich mir, dass wir in unserem Ansinnen wahrgenommen werden, das gesellschaftliche Leben mitgestalten zu wollen. Bei der Flüchtlingsarbeit oder auch dem Reformationstag ist dies gelungen.

Ist der Reformationstag als gesetzlicher Feiertag in Niedersachsen ein Nebenprodukt des 500-jährigen Reformationsjubiläums im vergangenen Jahr?

Sicherlich. Die politisch Verantwortlichen haben wahrgenommen, dass wir als Kirchen diesen Tag auch flächendeckend füllen und gestalten können. Ein Feiertag, der sich etwa an der Verabschiedung des Grundgesetzes orientieren würde, wäre dementgegen wohl eher durch Festreden in Berlin geprägt.

Aber der Reformationstag kann nicht mehr als heiliger Luther-Gedenktag begangen werden, sondern als ökumenischer, weltoffener Feiertag.

Trotz aller Weltoffenheit. Wie sehr stört sie die werbemäßige Überlagerung des christlichen Feiertages durch Halloween?

Daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt (lacht). Wir können aus dem Kampfmodus gegen Halloween heraustreten.

Sieht die Kirche Bedarf zu reformieren auch in der Gesellschaft?

Durchaus, die Frage lautet: Wie können wir das gesellschaftliche Miteinander befördern? Teile der Gesellschaft fühlen sich nicht mehr gehört und nicht mehr repräsentiert. Im Rahmen des Reformationstages kann es gelingen, dass diese Menschen wahrgenommen werden.

Religion wird im politischen Diskurs verstärkt benutzt, um sich abgrenzend zu anderen definieren. Wie muss sich die evangelische Kirche da positionieren?

Da haben wir nach dem Sommer 2015 als Kirche ein anderes Gesicht gezeigt. Wir sind gemeinsam mit ganz vielen Ehrenamtlichen in die Flüchtlingsarbeit eingestiegen und haben dadurch deutlich gemacht, dass wir die Menschen wertschätzen, die nach Deutschland gekommen sind.

Zwingt die Herausforderung durch Islamisten auf der einen und selbsternannten Verteidigern des christlichen Abendlandes auf der anderen Seite die verweltlichten westlichen Gesellschaften, sich zu fragen, was sie eigentlich zusammenhält?

Sicherlich, wir kommen weder weiter, wenn wir von Muslimen verlangen, dass sie ihre religiösen Überzeugungen verstecken, noch wenn wir unsere religiösen Überzeugungen verleugnen. Es gilt vielmehr, in einer toleranten Grundhaltung, die Gewalt und antidemokratische Tendenzen ausschließt, ins Gespräch zu kommen.

„Du sollst Dir kein Gottesbildnis machen“ heißt es in den zehn Geboten. Haben gläubige Christen Verständnis für die Wut von Muslimen über herabsetzende Karikaturen?

Ja, ich habe Verständnis dafür. Weil Glaube immer etwas sehr Persönliches ist, auf das Rücksicht genommen werden sollte. Es kann Menschen sehr stark verletzen, wenn religiöse Symbole oder Aussagen karikiert werden.

Haben sich christliche Kirchen eine dicke Haut angeeignet, weil der Westen eine lange Tradition der Religionskritik kennt?

Das kann man so sagen. Allerdings muss man bei allem Schmerz auch die Frage hinter der Kariktatur erkennen. Etwa die, ob wir in unserem Anspruch überzogen haben und deshalb zu Recht in die Schranken verwiesen werden.

Kann man auch mit umgekehrtem Vorzeichen sagen, dass Christen keinen Konsens mehr darüber haben, was ihnen eigentlich heilig ist?

In einer ausdifferenzierten Gesellschaft mit einer ebenso ausdifferenzierten religiösen Landschaft ist dies sicherlich nicht mehr ganz so eindeutig zu beschreiben. Und dennoch können wir uns immer noch gesellschaftlich darüber verständen, dass der Mensch Raum zur Besinnung braucht, etwa am arbeitsfreien Sonntag. Oder dass wir uns etwa in der Rechtsprechung an einem christlichen Menschenbild orientieren.

Zur Person

Dieter Rathing wurde am 20. Dezember 1956 in Aerzen (Landkreis Hameln) geboren. Er studierte evangelische Theologie in Tübingen und Göttingen und absolvierte sein Vikariat in Stade. Nach seiner Ordination wurde er 1986 Pastor, wechselte 1994 nach Osnabrück und wurde 2001 Superintendent des Kirchenkreises Verden. Rathing hat eine Ausbildung als Bibliodrama-Leiter, zudem absolvierte er den Studiengang Öffentlichkeitsarbeit des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik. Seit dem 1. September 2011 ist er Landessuperintendent für den Sprengel Lüneburg.

Von Joachim Zießler