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2015 tat sich eine Waschbärenfamilie an den Kirschen an einem Baum in Oedeme gütlich. Foto: Fricke

Der possierliche Schädling

Lüneburg. Der Waschbär breitet sich in Niedersachsen immer weiter aus. Auch im Landkreis Lüneburg warnt die Jägerschaft inzwischen vor einer drohenden Plage. Der aus Nordamerika stammende Waschbär, der zur Familie der Kleinbären gehört, wurde zur Pelzzucht nach Deutschland gebracht und erstmals im Jahr 1934 in Hessen ausgewildert. Seither vermehrt er sich rasend schnell: Allein im Landkreis Lüchow-Dannenberg wurden im vergangenen Jahr 1610 Tiere erlegt.

Appetit auf bedrohte Arten

Laut Landesjägerschaft haben die Allesfresser großen Einfluss auf die Bestände gefährdeter Arten wie Moorfrosch oder Ringelnatter. Sie plündern auch die Nester von Greifvögeln, erbeuten Singvögel und Niederwild. Aufgrund seines Schadpotenzials für Arten- und Naturschutz wird der Waschbär in Deutschland als invasive Art gelistet. „Nehmen die Bestände weiter zu, werden einheimische Tierarten stärker verdrängt“, sagt Tonia Mannstedt vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. „Für seltene Vogelarten kann das gravierend sein.“

Probleme könne es auch für Beutegreifer wie die Wildkatze geben. Das bestätigt der Kreisjägermeister der Jägerschaft des Landkreises Lüneburg e.V., Hans-Christoph Cohrs. „Die Waschbären räubern, fressen alle Bodenbrüter. Dem muss man dringend einen Riegel vorschieben, bevor es völlig überhand nimmt.“ Im Biosphärenreservat in Dannenberg sei durch die Waschbären bereits ein großer Schaden entstanden. „Man hatte sich dort darüber gewundert, dass die Kormorane kaum noch Nachkommen hervorbrachten- und dann beobachtet, wie Waschbären ihre Eier fraßen“, berichtet Cohrs. „Die Tiere gehen auch in Häuser, zerstören Isolierungen. Sie richten schlimmere Schäden an als Marder.“

Jagd soll verstärkt werden

Obwohl im Landkreis Lündeburg im Jagdjahr 2017/2018 nur 427 Waschbären erlegt wurden, hält Cohrs es für unwahrscheinlich, dass hier weniger der Kleinbären leben als in Lüchow-Dannenberg: „Ich glaube kaum, dass Waschbären an der Kreisgrenze halt machen. Dazwischen fließt schließlich dieselbe Elbe. Der Unterschied ist, dass man durch das Biosphärenreservat im Kreis Lüchow-Dannenberg früher auf das Problem aufmerksam geworden ist und dort mehr Fallen aufstellt.“

Seines Erachtens sollte die Jagd der Tiere auch im Landkreis Lüneburg intensiviert werden, da die Zunahme der Waschbärpopulation enorme Auswirkungen auf andere Tierarten haben könne. „Sie vermehren sich wirklich dramatisch schnell.“ Das liege daran, dass die Waschbären hier bei uns keine natürlichen Feinde hätten, dies ermögliche ihnen ein stressfreies Leben und eine rasante Fortpflanzung. „Füchse gehen da nicht dran und größere Tiere gibt es in freier Wildbahn nicht.“ Die Größe eines Waschbären entspreche etwa der einer stattlichen, wohlgenährten Katze.

Christian Voigt, 1. Vorsitzender der Jägerschaft, appelliert an die Bevölkerung, die Tiere nicht zu füttern. „Waschbären sind sehr possierlich und putzig – deshalb fangen viele Menschen an, sie zu füttern und haben dann große Probleme, sie wieder loszuwerden.“ Waschbären ließen insbesondere Kinderherzen höher schlagen. Als Kulturfolger haben die Tiere sehr wenig Scheu vor Menschen, „sie sind in den Lüneburger Gärten angekommen“, erzählt Voigt, so sei es zumindest bei ihm auf dem Bockelsberg. „Die Waschbären klettern in Vogelhäuschen und freuen sich über das Futter, kippen Mülltonnen um, durchwühlen Komposthaufen.“

„Müllpandas“ nicht auch noch füttern

Wegen ihrer Vorliebe für Nahrungsabfälle werden sie auch „Müllpandas“ genannt. Waschbären seien ein ähnlicher Fall wie die Nutrias, aus Südamerika stammende Biberratten, die sich inzwischen an der Elbe sehr heimisch fühlen: Auch diese seien Einwanderer und nett anzusehen, verursachten allerdings erhebliche Schäden an Deichen und Ufern. „Tiere, die sich in unseren Breitengraden so schnell verbreiten können und Gefahren für andere Lebewesen darstellen, gilt es in der Zahl zu begrenzen, sonst werden sie zur Plage“, so Voigt.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland spricht sich dafür aus, den Waschbären zu bejagen.
Anders sieht es der Naturschutzbund. Es gebe zwar Belege für lokal negative Auswirkungen des Waschbären auf die heimische Tierwelt, sagt Sprecher Philip Foth. Die Bejagung oder der Fang mit dem Ziel, die Populationsdichte zu reduzieren, sei aber meist erfolglos. Für die heimische Tierwelt wäre es besser, deren Lebensräume zu schützen. Diese Einschätzung teilt Thomas Mitschke, 1. Vorsitzender des Nabu. „Die Bejagung ist kontraproduktiv. Obwohl die Jagdstrecke jedes Jahr wächst, wehrt sich der Waschbär mit ungeahnten Kräften und steigert seine Reproduktion. Gleiches kennen wir vom Fuchs, dessen Bejagung ökologisch völlig unsinnig ist. Man beseitigt nur einen vermeintlichen Kontrahenten im Revier. Viel sinnvoller wäre ein Kastrationsprojekt“, meint Mitschke. Die gute Nachricht: Für Menschen geht vom Waschbären keine spezifische Gefahr aus.

Von Lea Schulze