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Ursula Schwanitz-Roth ist eine ausgewiesene Kennerin der Bardowicker Geschichte. (Foto: t&w)

Als Bardowick polnisch war

Bardowick. Die Bardowicker Geschichte ist ohne Zweifel eine wechselvolle. Ein verhängnisvolles Ereignis spielte sich vor fast 74 Jahren ab. Die Bewohner des Altdorfes mussten auf Befehl der britischen Militärregierung bis Pfingstsonntag 1945 den Domflecken von heute auf morgen verlassen. In der Zeit vom 20. Mai 1945 bis zum 29. März 1946 war der Ort geräumt. Die einheimische Bevölkerung, in Bardowick lebende Flüchtlinge, ausgebombte Hamburger und Zwangsarbeiter mussten sich für zehn Monate eine Bleibe außerhalb in anderen Dörfern suchen. Stattdessen quartierten die Briten so genannte „Displaced Persons“, ehemalige polnische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, ein.

„Das Jahr, in dem Bardowick polnisch war“, heißt eine Broschüre, in der sich die Archivarin der Samtgemeinde Bardowick, Ursula Schwanitz-Roth, mit dem spannenden wie auch schicksalhaften Kapitel in der Geschichte des Domfleckens beschäftigt. „Das war schon ein einschneidendes Ereignis für die Bardowicker“, sagt sie. Denn wo sie bei der Räumung hin sollten – das blieb ihnen selbst überlassen. „Sie verteilten sich auf die umliegenden Dörfer. Es sollte ja nur für ein paar Wochen sein. Doch dann dauerte es zehn lange Monate, bis sie wieder in ihre Häuser zurückkehren konnten“, schreibt sie in ihrem Vorwort.

Gutes Verhältnis zu Polen

Dennoch habe sie von niemandem bei ihrer Recherche auch nur ein böses Wort über die damaligen Ereignisse gehört. „Das Geschehene ist im Nachhinein bei vielen Älteren zwar unvergessen, doch nicht mehr von Bedeutung, sondern eine abgeschlossene historische Episode“, so Schwanitz-Roth. Vielmehr sei das Verhältnis zu Polen mehr als 70 Jahre danach ein völlig normales und entspanntes. „Seit 1995 gibt es die kommunale Partnerschaft der Samtgemeinde mit der polnischen Gemeinde Skoki. Und auch heute arbeiten Polen in der Landwirtschaft im Ort. Das war auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg so.“

1000 Stück

In einer Auflage von 1000 Stück haben der Windmühlenverein Bardowick sowie der Kulturraum Bardowick die Broschüre „Das Jahr, in dem Bardowick polnisch war“ aufgelegt. Bernd Wald vom Windmühlenverein sagt: „Beide Vereine haben sich die Kosten für die Erstellung geteilt.“ Die mehr als 50 Seiten starke Broschüre ist für zwölf Euro in der „Bücherstube“ in Bardowick (Pieperstraße 16) erhältlich.

Bardowick war nicht der einzige Ort in der Umgebung, der nach Kriegsende geräumt werden musste, aber er war der größte, und die Räumung dauerte wesentlich länger als in den anderen. „Es gibt aus dieser Zeit eine ganze Anzahl von Akten im Samtgemeinde-Archiv Bardowick und im Lüneburger Kreis-Archiv. Die fast gleichzeitig befohlene Räumung des Nachbarortes St. Dionys ist dagegen kaum dokumentiert.“ Warum nun ausgerechnet Bardowick ausgewählt wurde, werde nirgendwo beschrieben, so die Archivarin. „Aber einige Gegebenheiten sprachen sicher für den Ort.

Er war größer als die umliegenden Dörfer, sodass man hier mehr Personen konzentriert unterbringen konnte. Er ließ sich gut abgrenzen, und der Bahnhof mit Anbindung nach Osten, über Hamburg oder Uelzen, war nicht weit.“ Gleichzeitig lag der Bahnhof außerhalb des geräumten Gebietes.

Wie funktionierte das Miteinander?

Ursula Schwanitz-Roth geht Fragen nach wie etwa „Wie ging es den Menschen dabei, und zwar sowohl den Deutschen als auch den in Bardowick einquartierten Polen?“ „Wie kamen die Bardowicker zurecht in dieser Zeit und wie war die Situation der polnischen ,Displaced Persons‘?“ „Wie funktionierte das Miteinander – oder auch nicht?“ „Viele Konflikte, aber auch positive Erlebnisse sind aktenkundig geworden“, sagt sie.

Mit ihrer Arbeit will sie über die Gesamtsituation berichten und damit ein Stück Ortsgeschichte festhalten, das für die Betroffenen vor mehr als 70 Jahren einen großen Einschnitt bedeutete, heute jedoch vielen Jüngeren kaum noch bekannt ist.

„Ich habe mit Bardowickern gesprochen, die noch Schriftstücke aus der Polenzeit besitzen. Diese sind in der Broschüre abgebildet.“ Sie setzt das lokale Geschehen auch in den Gesamtkontext der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. „Die Besetzung Bardowicks war außergewöhnlich, doch nicht einzigartig.“

Von Stefan Bohlmann