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An der psychiatrischen Klinik machen Stolpersteine auf Leiden und Tod von Patienten der ehemaligen Landesheil- und Pflegeanstalt aufmerksam. (Foto: t&w)

War mein Großvater ein Täter?

Lüneburg. Das Buch trägt einen Titel, der ein Schicksal verspricht: Täterenkel. Doch wo die Linie vom Großvater zum Enkel genau liegt, bleibt blass. Der ehemalige Lüneburger Volker Marx beschäftigt sich mit Gustav Marx, Jahrgang 1888. Der Senior war ab 1933 Mitglied der NSDAP und seit 1936 als Arzt in der Landesheil- und Pflegeanstalt tätig. Der Enkel bringt den Großvater mit den Morden in der Psychiatrie in Verbindung. Bekanntlich wurden dort Patienten, da­runter Kinder, vor allem mit Medikamenten und Tabletten ermordet, andere ließ man verhungern. Doch wie groß der Anteil des Mediziners an den Geschehnissen am Wienebütteler Weg war, ist zweifelhaft. Und wie weit das Handeln des Großvaters das Leben des Enkels beeinflusst hat, muss dieser selber beurteilen.

Volker Marx hat sich für sein Buch „Täterenkel“ mit der Rolle seines Opas in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. (Foto: ca)

Carola Rudnick leitet die Gedenkstätte, sie erforscht seit Jahren das Leid der Patienten und das Handeln der Ärzte und Pfleger während der Zeit zwischen 1933 und 1945. Sie kommt zum vorläufigen Schluss: „Marx war nach aktuellem Forschungsstand eher Zuschauer und Mitläufer. Eine Beteiligung an der Euthanasie kann ich zurzeit nicht bestätigen.“ Euthanasie meint in der Ideologie des Nationalsozialismus das Umbringen von angeblich nicht lebenswerten Menschen, weil sie behindert waren.

„Eine würdige Versorgung der Frauen“

Zuständig sei Marx unter anderem in der sogenannten Ausländersammelstelle für die Frauenabteilung gewesen, berichtet die Leiterin: „In der Regel hatten die Frauen eine höhere Überlebenschance als die Männer in der anderen Abteilung, die Rudolf Redepenning geleitet hat.“ Er sei eher bemüht gewesen, eine „würdige Versorgung der Frauen“ zu zu leisten. Es gebe Unterschriften von Marx unter Sterbeurkunden von Kindern, doch wahrscheinlich habe er sie in Vertretung seines Kollegen und Leiters der sogenannten Kinderfachabteilung Willi Baumert unterzeichnet, der bis 1943 in Teilzeit gearbeitet habe.

All das sagt die Wissenschaftlerin mit der Einschränkung: „Das ist der Stand unserer jetzigen Forschung.“ Wie berichtet, plant die Gedenkstätte einen Ausbau mit einem entsprechenden wissenschaftlichen Anteil. Eben dann sollen sich Historiker eingehender mit dem Handeln der Ärzte und Pfleger beschäftigen. Nachzulesen ist vieles in der Publikation der Gedenkstätte „Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig“ von Carola Rudnick.

Marx geht darauf ein, dass sein Großvater nach Kriegsende bei Befragungen durch die Staatsanwaltschaft seine Rolle und die der Klinik verharmlost habe. Er sieht ihn als Teil eines „Netzwerkes“ des Schweigens: Der Großvater sei mit einflussreichen Lüneburgern gut bekannt gewesen, gemeinsam habe man später über die eigenen Verstrickungen geschwiegen. Wenn dem so war, war es nichts Besonderes – das war lange stiller Konsens im Adenauer-Erhard-Deutschland.

Inwieweit der Großvater das Leben von Volker Marx geprägt hat, bleibt im Gespräch mit ihm vage. Der Großvater habe ihm gegenüber bis zu seinem Tod 1973 „nie ein Wort über die NS-Zeit verloren“. Er selber habe erst im Jahr 2000 von der Rolle des Großvaters erfahren. Er setze sich nun in Büchern mit der Familien- und seiner eigenen Geschichte auseinander. Drei Bücher sollen es werden. Eines heißt Täterenkel und ist bei bei epubli erschienen.

Von Carlo Eggeling