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Sabine Oppen-Schröder greift in der Kühlabteilung nach einem Babybel-Netz. Statt sechs Käsestücken sind jetzt nur noch fünf enthalten. Kunden zahlen aber dennoch weiterhin knapp zwei Euro. Foto: t&w

Die Schummler

Lüneburg. Wenn Sabine Oppen-Schröder die Regale im Supermarkt durchforstet und zu einer Packung Käse greift, wirft sie stets auch einen Blick auf die Rückseite. Wie viel Gramm sind drin? Wie teuer ist das Produkt? Und welche Inhaltsstoffe sind auf dem Etikett aufgeführt? „Jeder Verbraucher sollte beim Einkaufen wachsam sein und sich Zeit nehmen“, sagt die Leiterin des Lüneburger Büros der Verbraucherzentrale. Denn Mogelpackungen lauern überall.

Der Inhalt einer Verpackung schrumpft, während der Preis gleich bleibt – das ist ein beliebtes Muster vieler Hersteller. Entsprechende Hinweise darüber, dass sich etwas verändert hat, fehlen aber oft. Um darauf aufmerksam zu machen, sucht die Verbraucherzentrale Hamburg wieder die „Mogelpackung des Jahres“. Bis zum 20. Januar können Kunden abstimmen, fünf Produkte stehen zur Auswahl.

Binnen eines Jahres rund 2000 Beschwerden

2000 Beschwerden sind im vergangenen Jahr in dem Hamburger Büro eingegangen. Aus diesen Meldungen heraus haben die Mitarbeiter die fünf Kandidaten ermittelt (siehe Kasten). Es handelt sich dabei um Produkte, bei denen die Hersteller dreist vorgegangen sind. So fehlt im Babybel-Netz zum Beispiel jetzt ein Käsestück, waren vorher sechs enthalten, sind es jetzt nur noch fünf. Das dürfte nur einem Liebhaber auffallen, der das Produkt jede Woche kauft und bislang sechs Tage lang versorgt war.

Ähnlich ist es bei Marmeladengläsern. Nur wer seit Jahren dieselbe Marke und Geschmacksrichtung kauft, merkt vielleicht, dass sich etwas verändert hat. Sabine Oppen-Schröder weist aber auch auf die Schwierigkeit hin, aktuelle mit vorherigen Aufmachungen zu vergleichen. „Wer hebt schon die Verpackungen der letzten fünf Jahre auf?“

Dass sich immer mehr Mogelpackungen in die Regale einschleichen, beobachtet die Expertin schon seit Jahren. „Vor allem 2009, 2010 und 2011 ist mir das besonders aufgefallen“, sagt sie. „Plötzlich gab es Käse in einer 80-Gramm-Verpackung.“ Das hat einen einfachen Grund: 2009 ist eine neue EU-Richtlinie in Kraft getreten. Feste Verpackungsgrößen wurden aufgeweicht, Hersteller hatten plötzlich mehr Spielraum. Die Folge: Gab es Speiseeis vorher stets in Ein-Liter-Behältern zu kaufen, wurden diese teilweise auf 750 oder 850 Gramm reduziert – bei gleichbleibendem Preis.

Warum der Einkauf vor 2009 viel einfacher war

Die Lüneburger Verbraucherschützerin begrüßt es, dass ihre Hamburger Kollegen seit Jahren Aufklärungsarbeit leisten und sich unter anderem dafür einsetzen, dass der Zustand von vor 2009 wiederhergestellt wird. „Es geht darum, Kunden wieder eine Orientierung zu bieten.“ Zurzeit gebe es lediglich die Möglichkeit, sich in den Regalen am Grundpreis zu orientieren. Dieser ist auf den Preisschildern zu finden, er gibt zum Beispiel an, was 100 Gramm Käse oder ein Kilo Kartoffeln kosten.

Um eine Veränderung herbeiführen zu können, sei jeder einzelne Kunde gefragt, sagt sie. „Jede Mogelpackung sollte gemeldet werden.“ Neben der eigenen und der Hamburger Beratungsstelle empfiehlt sie die Seite www.lebensmittelklarheit.de. Das Verbraucherportal bietet Informationen rund um die Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln, klärt über Inhaltsstoffe auf, die nicht in ein Produkt gehören, und listet Aussagen von Herstellern auf.

Die fünf Kandidaten

Mogelpackung des Jahres

Chipsletten von Lorenz: Weil der Inhalt bei gleichbleibendem Preis von 170 auf 100 Gramm geschrumpft ist, sind die Chips 70 Prozent teurer geworden. Die Verpackung ist aber fast gleich groß geblieben.

Smarties von Nestlé: In der großen Rolle fehlen 20 Gramm Smarties – schon zum zweiten Mal in vier Jahren. Damit sind die Schokolinsen insgesamt um 30 Prozent teurer geworden.

Mini-Babybel von Bel: Im Netz befindet sich ein Babybel weniger, die Preiserhöhung liegt deshalb bei bis zu 20 Prozent.
Truthahnsalami Light von Dulano: Die Light-Variante enthält nicht weniger Fett als die „normale“ Truthahnsalami desselben Herstellers. Dafür ist die Wurst um 33 Prozent teurer, weil die Verpackung weniger Scheiben enthält.

Rheinisches Apfelkraut von Grafschafter: Weil der Hersteller die Optik verändert hat, ist das Glas kleiner geworden, der Preis gleichgeblieben – eine Erhöhung von 41 Prozent.

Abgestimmt werden kann bis zum 20. Januar unter umfrage.vzhh.de im Internet.
Quelle: Verbraucherzentrale Hamburg

von Anna Paarmann