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Der Mindestlohn beträgt jetzt 9,19 Euro pro Stunde. Foto: PhotoSG

Mal ein bisschen Geld zum Ausgeben

Lüneburg. Der Mindestlohn ist um 35 Cent auf 9,19 Euro pro Stunde gestiegen – und damit der Verdienst von 2520 Menschen im Landkreis Lüneburg. So viele Beschäft igte arbeiten hier derzeit zum gesetzlichen Lohn-Minimum. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit und beruft sich auf eine aktuelle Analyse des Pestel-Instituts aus Hannover, das die Auswirkungen der Mindestlohn-Erhöhung regional untersucht hat.

Auch die lokale Wirtschaft profitiere von der Entwicklung: Die Kaufkraft wächst durch das Mindestlohn-Plus in diesem Jahr um rund 631.000 Euro. „Mal ins Kino oder Essen gehen. Mal etwas Neues für den Haushalt anschaffen – fast jeder Euro, den Mindestlohn-Beschäftigte am Monatsende extra haben, fließt in den Konsum. Und einen Großteil davon geben sie vor Ort aus“, sagt Steffen Lübbert von der NGG-Region Lüneburg. Denn wer für einen derart schmalen Lohn arbeite, könne nichts auf die hohe Kante legen.

Die NGG fordert ein deutlich stärkeres Mindestlohn-Plus

Doch Applaus für das Lohnplus gibt es nicht von allen Seiten: „Der gesetzliche Mindestlohn ist in erster Linie ein Eingriff in die Tarifautonomie der Sozialpartner“, sagt Heiko Westermann, Präsident des Arbeitgeberverbandes Lüneburg-Nordostniedersachsen. „Der Mindestlohn schafft zudem unnötige Einstellungshindernisse für die Schwächsten am Arbeitsmarkt, das sind Berufseinsteiger und Geringqualifizierte, er bürdet den Unternehmen erhebliche bürokratische Pflichten auf. Wenn sich, wie befürchtet, die Wirtschaftsentwicklung demnächst wieder verschlechtert, wird sich zeigen, welche Effekte der Mindestlohn auf dem Arbeitsmarkt und auch auf die Kaufkraft hat.“

Für Gewerkschafter Lübbert ist der gesetzliche Mindestlohn aber auch nach der aktuellen Erhöhung zu niedrig: „Selbst für eine Vollzeitkraft ist es extrem schwer, mit dem Mindestlohn klarzukommen. Gerade dann, wenn Kinder im Haushalt leben. Und bei steigenden Mieten sowieso.“ Die NGG fordert deshalb ein deutlich stärkeres Mindestlohn-Plus. Erst in einer Größenordnung von mehr als 12 Euro pro Stunde werde die Lohnuntergrenze „langsam armutsfest“.

Gewerkschaft fordert Mindestlohn von 12 Euro

Lübbert sieht bei den Löhnen „Luft nach oben“ und die Arbeitgeber in der Pflicht: „In Branchen wie dem Gastgewerbe und dem Bäckerhandwerk gehen trotz guter Wirtschaftslage selbst Fachkräfte oft nur mit dem gesetzlichen Minimum nach Hause.“

Westermann hält die Forderung nach einer Erhöhung des Mindestlohns „um sage und schreibe 30 Prozent“ auf 12 Euro für „unverantwortlich“. Denn das Geld fehle den Arbeitgebern jetzt schon für Investitionen in die Unternehmensentwicklung und damit auch für die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Der Arbeitgeber-Chef warnt: „Unternehmen greifen in der Regel erst als letztes Mittel zum Stellenabbau. Viele versuchen, die gestiegenen Lohnkosten zunächst beispielsweise durch Preiserhöhungen zu kompensieren. Zum Beispiel im Taxigewerbe, in der Gastronomie oder bei Wachdiensten hat man schnell auf die Einführung des Mindestlohns mit Preiserhöhungen reagiert. Steigender Lohn, der durch Preiserhöhungen kompensiert wird, führt nicht zwangsläufig zu mehr Konsum. Einige Dienstleistungen oder Produkte könnten so teuer werden, dass sie nicht mehr nachgefragt werden. Inwiefern also ein höherer Mindestlohn tatsächlich zur erhöhten Kaufkraft führt, kann zumindest angezweifelt werden.“

Lübbert jedoch betont, dass von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns seit 2015 rund vier Millionen Menschen profitiert haben. lz

Folgen einer weiteren Lohnerhöhhung

Ein Euro mehr

Nach Berechnungen des Pestel-Instituts hätte ein höherer Mindestlohn starke Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft: Würde der gesetzliche Mindestlohn um einen weiteren Euro – auf dann 10,19 Euro – steigen, wäre damit allein im Landkreis Lüneburg ein Anstieg der Kaufkraft um 5,1 Millionen Euro im Jahr verbunden. Denn davon würden dann sogar rund 6200 Menschen profitieren – nämlich neben den bisherigen Mindestlohnempfängern auch die Beschäftigten, die derzeit für einen Stundenlohn arbeiten, der nur knapp oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns liegt.