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Kay-Sölvie Augustin informiert sich schon mal über ihre neue Heimat auf Zeit. Foto: t&w

Das Waldhorn muss zu Hause bleiben

Lüneburg/Wittorf. Der Wunsch konnte lange reifen. Schon in der Grundschule stand für Kay-Sölvie Augustin fest, dass sie mal ins Ausland gehen wird und sich dort als Freiwillige für andere engagieren will. „Mir war das selbst gar nicht mehr so bewusst, aber meine Mutter hat mir das erzählt“, sagt die angehende Abiturientin. Inzwischen ist sie 18 – und das Vorhaben wird langsam konkret. Die Herderschülerin wird in wenigen Monaten nach Südamerika aufbrechen, in einem Kinderheim in Chile mit Mädchen und Jungen arbeiten, die in ihren Familien misshandelt wurden.

Suche nach Unterstützern

Ihr großes Abenteuer beginnt zwar erst im Sommer, doch die Gymnasiastin muss schon jetzt einen Unterstützerkreis aufbauen. Das ist üblich bei Freiwilligendiensten im Ausland, die vom Bund und von der EU gefördert werden, aber nur zu 75 Prozent. Den Rest zahlen die Organisationen – in diesem Fall der Verein VIA –, die das soziale Engagement vermitteln. Und weil diese gemeinnützigen Organisationen selbst kaum finanzielle Mittel haben, sollen die Freiwilligen sich quasi persönliche Sponsoren suchen, die ein Viertel ihrer Einsatzkosten von 12.000 Euro aufbringen, dafür im Gegenzug auch über ihre Arbeit stets auf dem Laufenden gehalten werden.

Ehrensache für Kay-Sölvie Augustin, denn ihr ist die Arbeit mit den Kindern, „die nicht das Glück hatten wie ich, in einer wundervollen Familie aufzuwachsen“, eine Herzensangelegenheit. Sie wird mit ihnen Hausaufgaben machen, singen, spielen oder auch nur einfach für sie da sein, zuhören, wenn es erforderlich ist.

„Ich bin ja auch ein Kind vom Dorf“

Neben Chile standen auch noch Peru und Costa Rica auf ihrer Wunschliste für das Auslandsengagement. Und das erste Projektangebot hätte sie nach Peru verschlagen, doch dort hätte sie mit ganz jungen Kindern arbeiten sollen, noch dazu in der Millionenmetropole Lima – „das hat einfach nicht so gut gepasst. Ich bin ja auch ein Kind vom Dorf“, sagt die Wittorferin. Beim zweiten Projektangebot, eben jenes Kinderheim in Santa Barbara in Chile, habe sie dagegen ein gutes Gefühl. „Die Stadt ist etwa so groß wie Lüneburg, die Mädchen und Jungen sind zwischen 7 und 18 Jahren alt.“ Und wenn es die Zeit zulässt, möchte sie auch die facettenreiche Natur mit Eisbergen einerseits und Wüsten andererseits ein wenig erkunden.

Die Vorbereitungen haben längst begonnen. Zwar hatte sie fünf Jahre Spanisch an der Schule, doch aktuell eben nicht mehr – deshalb frischt sie ihre Sprachkenntnisse an der Volkshochschule auf. Angst vor dem Jahr ohne ihre Eltern und ihre Schwester, allein in einem fremden Land, habe sie nicht, wohl aber Respekt: „Ich werde schließlich das erste Mal über einen so langen Zeitraum ganz auf mich selbst gestellt sein. Ich glaube aber, dass ist gut für die eigene Entwicklung.“ Augenzwinkernd verrät sie: „Mit der Ordnung habe ich es nicht so, mein Zimmer ist nicht immer so aufgeräumt.“ Möglicherweise werde sie sich da in der Gastfamilie wohl etwas am Riemen reißen müssen.

Wenig Gepäck für ein ganzes Jahr

Und noch etwas bereitet der Herderschülerin, die nach ihrem Südamerikatripp Geophysik, Geologie oder Baunigenieurwesen studieren will, ein wenig Kopfzerbrechen: Einen Koffer und ein Handgepäckstück – mehr darf sie nicht mitnehmen für das ganze Jahr. Ihr Waldhorn, das sie beim Sinfonischen Blas­orchster Flutissima spielt, muss wohl zu Hause bleiben. „Zu sperrig. Aber vielleicht nehme ich die Klarinette meine Mutter mit, die ist handlicher. Dann lerne ich gleich noch ein neues Instrument.“

Wer Kay-Sölvie Augustins Freiwilligendienst unterstützen möchte, erreicht die Gymnasiastin per E-Mail an kay-soelvie.augustin@freenet.de.

Von Alexander Hempelmann