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Das Symbolbild zeigt das Auge einer älteren Frau mit grauem Star. Foto: Fotolia

Ärzte-Odyssee an Silvester

Lüneburg. Ausgerechnet an Silvester wacht die Frau von Johann Mürmann mit einem dicken, zugeschwollenen Auge auf. „Ich hatte große Angst, dass sie blind wird“, erzählt er, „schließlich hat sie nur noch ein Auge, mit dem sie sehen kann“. Der Lüneburger wählt die Notfallnummer der Bereitschaftsdienstpraxis in der Jägerstraße, erfährt, dass es am 31. Dezember keinen augenärztlichen Notdienst in Lüneburg gibt. Dafür aber in Uelzen. Keine Option für das Ehepaar, dort hätten sie vor 13 Uhr sein müssen. Mürmann steuert also die Jägerstraße an.

Notfallpraxis in der Jägerstraße überfüllt

Trotz der Info, dass dort nur Allgemeinmediziner, aber keine Augenärzte arbeiten, meldet er seine Frau an und vereinbart angesichts eines „total überfüllten Wartezimmers“, später mit ihr wiederzukommen. „Nachdem wir um 14, 16 und 18 Uhr da waren, hatte ich die Nase voll“, sagt der Senior, der daraufhin keine andere Möglichkeit sieht, als ins Lüneburger Klinikum zu fahren. „Das Auge meiner Frau wurde immer schlimmer.“ Doch die Odyssee geht weiter. Wieder teilt man ihm mit, dass es im Krankenhaus keinen Augenarzt gebe, er nach Eppendorf fahren könne. Dass niemand im Klinikum wenigstens einen Blick auf das lädierte Auge seiner Frau geworfen hat, hält Mürmann für ein Unding. Ebenso versteht er nicht, warum an einem Tag wie Silvester kein Augenarzt in Lüneburg Bereitschaft hat. „Da werden unzählige Raketen und Böller verschossen, das kann mal ins Auge gehen.“

Den Bereitschaftsdienst sicherzustellen, dafür ist die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen, kurz KVN, zuständig. Der stellvertretende Vorsitzende, Dr. Jörg Berling, ist als Hausarzt in Adendorf tätig. Zu der Beschwerde sagt er: „Dr. Susanne Schümann in Uelzen hatte Dienst an Silvester. Sicherlich ist das ärgerlich und für Lüneburger ein längerer Weg, aber es ist nicht unzumutbar.“ Die Notdienste seien in einem rotierenden System organisiert, mal Mediziner in Lüneburg, mal in Buchholz oder aber in Uelzen im Einsatz.

Bindehautentzündung diagnostiziert

Am Mittwoch nach Silvester konnten Johann Mürmann und seine Frau einen Augenarzt in Lüneburg aufsuchen, der stellte eine Bindehautentzündung fest und verschrieb ihr Tropfen. Dass Eltern berichten, dass Ärzte in der Kinderklinik in Lüneburg durchaus schon eine solche Diagnose bei ihren Kindern stellen konnten, verwundert. „Das soll nicht sein“, sagt auch Berling. Seine Erklärung: „Kinderärzte trauen sich offensichtlich mehr zu.“ Er selbst habe in seiner Hausarztpraxis allein am Montag dreimal die Diagnose Bindehautentzündung gestellt. „Das erkenne ich auch, dafür muss ich meine Patienten nicht zu einem Facharzt schicken.“

Warum den Mürmanns in der Notaufnahme nicht geholfen werden konnte, erklärt Angela Wilhelm, Pressesprecherin der Gesundheitsholding: So dürften wie in jedem anderen Krankenhaus auch am Lüneburger Klinikum nur solche Erkrankungen untersucht und behandelt werden, für die der sogenannte Facharztstandard einzelner medizinischer Fachgebiete vorliegt. Dabei spiele auch die Haftungsfrage eine Rolle. „Da es am Klinikum keine Augenklinik, also auch keine Augenärzte gibt, können die in der Notaufnahme arbeitenden Chirurgen und Internisten bei Augenverletzungen, zum Beispiel infolge eines Unfalls oder eines Sturzes, zwar erste Hilfe leisten und beispielsweise bei Verätzungen eine Spülung durchführen.“ Danach aber müsse schnellstmöglich die Verlegung in eine Augenklinik erfolgen, für alle anderen Augenerkrankungen bei Erwachsenen könne das Klinikum nur an die zuständigen augenärztlichen Notdienste verweisen, sagt Angela Wilhelm.

In der Kinder- und Jugendmedizin sei das anders: Weil Bindehautentzündungen im Kindesalter sehr häufig auftreten würden, etwa im Rahmen eines grippalen Infekts, gehöre die Diagnose und Behandlung der Erkrankung bei Kinder- und Jugendärzten zum Facharztstandard. Dieser gelte auch in der Notaufnahme der hiesigen Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.

Von Anna Paarmann

Augenärzte vor Ort

Überversorgung in Lüneburg

Dass die Wartezeiten bei Augenärzten mitunter sehr lang sind, bestreitet Dr. Jörg Berling nicht. Das spürt er in seiner eigenen Praxis. „Es ist in der Tat für die Hausärzte nicht so leicht, für Patienten einen fachärztlichen Termin zu finden“, sagt er, nennt in dem Zusammenhang aber auch die steigende Erwartungshaltung der Bevölkerung. Termine bei Ärzten sollen möglichst vor der Haustür geboten werden.

Berling verweist auf die bundesweit einheitliche Bedarfsplanung, die festlegt, wie viele Ärzte in einem Gebiet für eine bestimmte Bevölkerungszahl zur Verfügung stehen sollen. Stadt und Landkreis Lüneburg seien mit fünf Praxen, die zum Teil mit drei oder vier Augenärzten besetzt sind, tendenziell überversorgt. Zurzeit dürften sich hier in der Region demnach keine neuen Mediziner mit diesem Fachgebiet niederlassen.