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Margot Bielefeld ist 86. Ihrer Brieffreundin schreibt die Lüneburgerin, seit sie ein 16-jähriges Mädchen war. Foto: t&w

Sie schreiben sich die Finger wund

Lüneburg. Zeitung lesen bildet – und kann im Idealfall auch ein ganzes Leben bereichern. Wie im Fall von Margot Bielefeld, die über eine Zeitungsanzeige eine Brieffreundin fand. Die freundschaftliche Verbindung von Lüneburg nach Oregon in den USA ist nicht nur aufgrund der Entfernung beider Protagonistinnen eine ganz besondere, sondern auch aufgrund deren Ausdauer: Der Kontakt hält inzwischen seit mehr als 70 Jahren.

Margot Bielefeld ist ein junges Mädchen, als der Zweite Weltkrieg endete. Es war keine leichte Zeit, viele Menschen in Deutschland waren deshalb dankbar für die Unterstützung der Amerikaner, die Care-Pakete mit Lebensmitteln schickten. Die Lüneburgerin hatte einen Onkel in den Vereinigten Staaten, der dafür sorgte, dass sich auch ihre Familie über Mehl, Zucker, Speck und Trockenmilch freuen konnte. „Die Pakete waren etwas Wunderbares“, erinnert sie sich. Ihr Onkel war es auch, der schließlich dafür sorgte, dass sie neben den Nahrungsmitteln persönliche Post bekommen sollte.

Mehr als hundert Zuschriften auf eine kleine Annonce

„Ende 1947 schrieb ich ihm, ob er nicht ein gleichaltriges Mädchen in seinem Bekanntenkreis habe, mit dem ich korrespondieren könne“, blickt die LZ-Leserin zurück. Zwar konnte ihr Onkel damit nicht dienen, doch er wusste sich zu helfen: Anfang 1948 schaltete er eine Anzeige in einer Zeitung in Portland. „German girl wants pen pals“ hieß es darin – „deutsches Mädchen möchte Brieffreunde“. Die Anzeige mit ihrer Adresse sollte Erfolg haben – zu viel Erfolg sogar: „Ich bekam über viele Monate hinweg Zuschriften, mehr als hundert – alle in Englisch“, erzählt die Seniorin. „Die ersten zwanzig habe ich mit voller Begeisterung noch selbst beantwortet, dann gab ich Briefe weiter an meine Freundinnen. Schließlich wollten fast alle aus meiner Klasse eine Brieffreundin haben.“ Für die Vermittlung habe sie als Belohnung sogar hin und wieder ein Wurstbrot bekommen – meist von den Kindern, die auf dem Lande wohnten.

Die Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1948 und ein Foto von Ailene, die damals als eine der ersten darauf reagierte. Foto: t&w
Die Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1948 und ein Foto von Ailene, die damals als eine der ersten darauf reagierte. Foto: t&w

Der Briefwechsel blühte. Anfangs lag noch stets das Dictionary, also das Englisch-Wörterbuch, auf dem Schreibtisch der Lüneburgerin, das aber brauche sie seit einem halben Jahrhundert schon nicht mehr. Bald wurden die Briefwechsel der deutschen und amerikanischen Schülerinnen auch Thema in der Schule. „Unsere Lehrerin Elfriede Brammer bezog die Briefe gern in den Englisch-Unterricht mit ein – zumal wir 1948 noch keine Schulbücher hatten. Das hat den Unterricht ungemein bereichert“, verrät Margot Bielefeld.

Der Kontakt riss in all den Jahren nie ab

Einer der ersten Briefe, die sie damals aus Amerika bekam, war der von Ailene aus Mount Angel, einer kleinen Stadt nahe Portland mit etwas mehr als 3000 Einwohnern. „Sie war ebenfalls 16, wir hatten einen guten Draht zueinander“, sagt die heute 86-Jährige. „Sie hatte deutsche Vorfahren.“ Es habe sich ein „lebhafter Briefwechsel“ entwickelt, später habe Ailene auch Pakete geschickt, „liebevoll und aufmerksam zusammengestellt“.

Fortan teilten sie Erlebnisse und Erinnerungen miteinander, nahmen teil am Lebensweg der jeweils anderen. „Als sie 1952 heiratete, wollte sie mir gleich ihr Brautkleid schicken.“ Während alle anderen Briefwechsel, auch die der damaligen Klassenkameradinnen, längst wieder eingeschlafen waren, hielt der Kontakt mit Ailene Bernt. Ihre amerikanische Freundin sollte elf Kinder bekommen, längst zählen auch viele Enkelkinder und Urenkel zur großen Familie. Doch auch als treusorgende Mutter und Großmutter fand sie stets genug Zeit für ihre Freundin in Deutschland, Mutter eines Sohnes. In all den Jahren riss der Kontakt nie ab, zum Geburtstag und zu Weihnachten gab es immer Post. „Dafür habe ich sie stets bewundert.“

Im Jahr 1988 trafen sich die beiden Frauen auch persönlich: Ailene Bernt weilte während einer Pilgerreise in Dänemark – Margot Bielefeld nutzte die Gelegenheit, um sie in Kopenhagen zu treffen. „Ich habe mich in den Zug gesetzt und bin losgefahren. Ich weiß noch, wie wahnsinnig aufgeregt ich war. Was, wenn wir uns beim persönlichen Treffen nicht so sympathisch sein würden?“ Eine unbegründete Sorge, wie sich herausstellen sollte. „Dieser Moment der Begegnung war unbeschreiblich. Wir sind beide in Tränen ausgebrochen“, erinnert sie sich.

Seit acht Jahren ersetzt die E-Mail den klassischen Brief

Es sollte das einzige Treffen bleiben, zu groß ist die Distanz, „obwohl ihre Kinder mich auch zur goldenen Hochzeit eingeladen hatten. Aber bei Google Maps habe ich sie schon mal zu Hause besucht“, erzählt Margot Bielefeld, die bis zu ihrem Ruhestand bei der damaligen Bezirksregierung Lüneburg gearbeitet hatte, mit einem Augenzwinkern.

Inzwischen muss keine der beiden mehr auf den Briefträger warten, seit nunmehr acht Jahren läuft der Kontakt über E-Mails. „Dadurch ist man noch näher am Alltag der jeweils anderen dran“, hat die Lüneburgerin festgestellt. Und den Alltag der Freundin bestimmt derzeit wieder ein ganz entscheidender Schritt: „Sie will ins Seniorenheim.“

Von Alexander Hempelmann