Aktuell
Home | Lokales | Amelinghausen | Pieksige Hausgenossen von Pink bis Grün
170 Igel hat der Amelinghausener Ralph Götting bereits durch den Winter gebracht. Foto: t&w

Pieksige Hausgenossen von Pink bis Grün

Amelinghausen. Etwas mehr Dankbarkeit hätte Ralph Götting von seinem Pflegekind schon erwarten können. Doch statt ihn mit freundlichen Sympathiebekundungen zu ü berschütten, demonstrierte die 130 Gramm schwere Ziehtochter ihre zickige Seite, brummte und fauchte, zeigte Zähne und Krallen. Göttings Herz hat die kleine Lotte dennoch erobert – und damit unzähligen Artgenossen das Leben gerettet.

Zaunbau stellte die Weichen

„Die kleine Igelhilfe Amelinghausen“ heißt die private Auffangpflegestelle für unterernährte und kranke Stacheltiere, die Götting vor knapp vier Jahren ins Leben gerufen hat. „Angefangen hat alles damit, dass ich im Oktober 2015 in Lübeck beruflich einen Zaun gebaut habe, der direkt durch einen Komposthaufen führen sollte“, erzählt der 54-Jährige. Darin fand er die kleine Lotte, die viel zu leicht für den bevorstehenden Winterschlaf war. Kurzerhand nahm er das winzige Lebewesen mit nach Hause – und pflegte es durch die kalten Monate. Der Startschuss für ein Lebensprojekt war gegeben.

An die 170 Igel hat der Amelinghausener seitdem schon bei sich aufgenommen: „Ich habe eine Freundin, die im Tierheim tätig ist“, sagt Götting, „nachdem sie von Lotte erfahren hatte, bat sie mich um Hilfe. Und die konnte ich ihr nicht ausschlagen.“ Regelmäßig vermittelt die Einrichtung seitdem ihre Findelkinder an den „Igel-Mann“, wie er mittlerweile liebevoll genannt wird. „Aber auch andere Menschen, die für ein gestrandetes Stacheltier eine Bleibe suchen, melden sich bei mir“, erzählt Götting.

142 Eichhörnchen in der Voliere

Ralph Götting hat vor fast vier Jahren „Die kleine Igelhilfe Amelinghausen“ gegründet. Foto: t&w
Ralph Götting hat vor fast vier Jahren „Die kleine Igelhilfe Amelinghausen“ gegründet. Foto: t&w

Erfahrungen mit Vierbeinern hat er zur Genüge: Drei Katzen und zwei Frettchen leben als Dauergäste im Haushalt, und vor den Igeln hatte er auch schon andere Pflegekinder: „Kurzzeitig war ich mal für 142 Eichhörnchen verantwortlich, die mir das Tierheim auf einen Schlag vermittelt hatte. Ich hatte sie in einer Voliere gehalten und gepflegt, nach drei Wochen dann in die Freiheit entlassen. Gesehen habe ich sie nie wieder.“

Das ist bei den stacheligen Säugern anders: Durch Katzenklappen können die ausgewilderten Kurzzeitpflegepatienten von außen den umzäunten Garten wieder betreten. Um welches Tier es sich bei den Besuchern handelt, kann ihr Ziehvater problemlos feststellen: Mit Nagellack markiert er jedes Pflegekind – und gibt ihnen entsprechende Namen: „Sie heißen dann eben Pink oder Grün, Lila oder Rot“, sagt Götting lachend. Aber auch Brigitte und Micky, von ihren Findern so benannt, lebten schon in Amelinghausen – und natürlich auch Milbe, die ihren Namen von den lästigen Parasiten hat, die ihr alle Stacheln genommen haben.

Zweimal Fläschchen in der Nacht

Vollkommen nackt war Milbe zu Götting gekommen, hat den Winter im warmen Arbeitszimmer verbracht. Gut zehn Ställe hat der 54-Jährige dort derzeit stehen, jedes hat eine kleine Hütte, ist zudem mit einem Tuch ausgestattet. „Hier leben die nachtaktiven Tiere“, berichtet er, „und werden von mir gepflegt.“ Füttern, reinigen, Medizin verabreichen – das ist ein „Fulltimejob“, wie der als Haustechniker mittlerweile tätige Zaunbauer sagt. Allein könnte er die Aufgaben nicht stemmen, hat sich deshalb Hilfe gesucht: Vier Frauen aus der näheren Umgebung kümmern sich um die Tiere, wenn Götting in Neu Wulmstorf bei der Arbeit ist.

Nachts aber ist er allein verantwortlich – und das ist so aufwendig wie bei einem menschlichen Säugling: Zweimal muss Götting das Bett verlassen, um die ganz kleinen unterernährten Tiere mit der Flasche zu füttern. Eine Garantie für das Überleben gibt es dennoch nicht: „Es gibt viele Krankheiten, die die Igel befallen können“, weiß er, „ich haben mir eigens dazu ein Mikroskop angeschafft, um den Kot zu untersuchen und Diagnosen zu stellen.“ Denn Erfahrung damit hat er mittlerweile genug.

„Die Pflege der Igel ist sehr teuer“

Wenn ein Tier stirbt, ist das jedes Mal ein trauriger Moment. „Letztlich kann ich aber auch nicht alle retten“, sagt der Single realistisch. Und auch der Augenblick, wenn er die genesenen Vierbeiner in die Freiheit entlässt, schmerzt: „Am liebsten würde ich sie alle behalten.“

Das geht aber allein aus Naturschutzgründen nicht – und auch finanziell: „Die Pflege der Igel ist sehr teuer“, sagt der Amelinghausener, „Medikamente und Futter, aber auch Strom und Wasser – da kommt einfach einiges zusammen.“ Hilfe bekommt er durch Spenden, besonders von denjenigen, die ein Tier gefunden und bei ihm abgegeben haben. Dennoch reicht das nicht aus: „Wenn jeder, der meine Facebook-Seite besucht, einen Euro geben würde, wäre ich glücklich“, sagt Götting.

Mehr Informationen gibt es unter facebook.com/Igelhilfe.Amelinghausen/

Von Ute Lühr

Laubhaufen für den Winterschlaf

Unordnung hilft Igeln

Igel sind nachtaktive Tiere, die sich mit einem Winterschlaf durch die kalte Jahreszeit retten. Vierbeiner, die jetzt herumlaufen, benötigen in jedem Fall Hilfe, denn sie sind krank, verletzt oder unterernährt – oder haben ihr Nest verloren. Wer gesunden Tieren helfen will, bietet ihnen im Herbst dichtes Gebüsch, Reisig- und Komposthaufen oder trockene Hohlräume unter Holzstapeln in Gartenhäuschen oder unter Treppen als Schlafplätze. Auch Blätter, Gestrüpp, Reisig und Zweige dürfen in einer Gartenecke liegen bleiben. Diese Materialien nutzen Igel, um ihre Nester zu isolieren und sich während des Winterschlafs darin einzuwickeln. Je größer der Haufen, desto besser ist die Wärmedämmung.