Aktuell
Home | Lokales | Wenn Frauenrechte plötzlich verhandelbar sind
Die politische Journalistin Rebecca Beerheide studierte in Leipzig und Ljubljana Diplom-Journalistik und Politikwissenschaften, ihr Buch über Frauenwahlrechte veröffentlichte sie im Juli 2017. Foto: t&w

Wenn Frauenrechte plötzlich verhandelbar sind

Lüneburg. „Meine Herren und Damen“, begann Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919 ihre Rede vor der Weimarer Nationalversammlung. Gerade erst war das Frauenwahlrecht durchgesetzt worden. Als erster Parlamentarierin, der vor dem Reichstag das Wort erteilt wurde, forderte und gelobte sie bessere Sozialpolitik besonders in Bezug auf Mutterschutz, die Wohnungsfrage und die Volksgesundheit.

„Es ist ein Jahrhundert her, dass diese Rede gehalten wurde. Dennoch lassen sich ihre Inhalte fast eins zu eins auf heute übertragen“, stellte Rebecca Beerheide fest, die im Museum Lüneburg zum Jubiläum „100 Jahre Frauenwahlrecht“ einen Vortrag hielt. Beerheide ist politische Journalistin in Berlin, seit 2015 Vorsitzende des Journalistinnenbundes und Co-Autorin des Buches „100 Jahre Frauenwahlrecht – Ziel erreicht… und weiter?“.

Heute so wenige Frauen im Bundestag wie vor 20 Jahren

Zunächst spannte sie einen Bogen bis ins 19. Jahrhundert und schilderte vom siebzigjährigen Kampf, der dem Tag vorausging, an dem Frauen zum ersten Mal in die Wahlkabinen strömten. Sie führte aus, wie seit 1919 die Politik mit Frauen stattgefunden hat – mit Höhen und Tiefen. Nun steuere man nach einem stetigen Bergauf wieder in die falsche Richtung, dabei sei erschreckend, dass „Frauenrechte, also Menschenrechte, heute wieder als verhandelbar gelten“. Die Journalistin spricht von „großen Rückschritten“, im Bundestag seien so wenig Frauen wie zuletzt vor zwanzig Jahren, aber auch der Sieg Donald Trumps über Hillary Clinton bei der US-Wahl 2016 habe in ihr Fassungslosigkeit ausgelöst. „Zwei Tage nach der Wahl setzte ich mich mit meiner Freundin und Mitautorin Isabel Rohner zusammen, uns war und ist ein Rätsel, wie eine so gut vorbereitete Frau wie Clinton auf diese Weise hat verlieren können.“

In der Bundesrepublik würden sich Frauen seltener für radikale Parteien entscheiden, ist sie überzeugt, dennoch fehle es – für sie überraschend – an Frauensolidarität. Das sorge in allen Bereichen für ungleiche Verteilungen, zum Beispiel seien momentan nur zwei Ministerpräsidentinnen im Amt. Um im Bundestag die Bevölkerung korrekt widerzuspiegeln, fehlten 140 weibliche Abgeordnete. Besonders Niedersachsens Landtag, der lediglich zu 26,3 Prozent von Frauen besetzt sei, schneide unter den Ländern schlecht ab. Im Rat der Stadt Lüneburg liege die Quote knapp über 30 Prozent.

Ratssitzungen beim Bier – das schreckt viele Frauen ab

„Zum einen werden Frauen oft von Frauen rausgewählt und zum anderen gibt es für junge Frauen viele Gründe, sich nicht politisch zu engagieren“, analysierte sie. Dazu zählten die in manchen Kommunen späten Ratssitzungen, die oft „abends beim Bierchen“ abgehalten werden. Auch erkenne sie sexistisches Verhalten gegenüber Politikerinnen. „Der einzige Weg, Sexismus aus der Politik herauszuholen, besteht darin, mehr Frauen in die Politik zu bringen“, zitiert sie Hillary Clinton. Einen Lösungsansatz könnte die Einführung des umstrittenen Paritätsgesetz bieten: „Man könnte beispielsweise Landeslisten per Reißverschlussverfahren besetzen.“ Vorbild sei Frankreich, wo es eine ähnliche Regelung gebe. Da dort allerdings die Möglichkeit bestehe, sich aus diesem Gesetz „rauszukaufen“, sei dies kein Paradebeispiel. Zudem sorge die deutsche Rechtslage bezüglich eines solchen Gesetzes für viel Diskussionsstoff.

Zum Abschluss wandte sich die Referentin direkt an ihr ­Publikum und forderte jeden Einzelnen dazu auf, sich zu engagieren und mit der Wählerstimme klug umzugehen. Verbesserte Regelungen für die Elternzeit, Frauenquoten und gleiche Gehälter würden ausbleiben, wenn Frauen in der deutschen Politik nicht ausreichend vertreten seien. „Es gibt nichts geschenkt, das haben wir aus der Geschichte gelernt“, lautete ihre nüchterne Zusammenfassung.

Von Josephine Wabnitz