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Diana Brandt Olm (l.) und Jutta Schmidt stehen vor der Wand mit den Begriffen, die aufzeigen, wofür ihre Selbsthilfegruppe steht. Die Treffen finden jeweils am zweiten Mittwoch eines Monats um 19 Uhr in der VHS statt. „Betroffene sind herzlich willkommen, alles bleibt anonym“, sagt Jutta Schmidt. Kontakt: (0163) 8335520. Foto: t&w
Diana Brandt Olm (l.) und Jutta Schmidt stehen vor der Wand mit den Begriffen, die aufzeigen, wofür ihre Selbsthilfegruppe steht. Die Treffen finden jeweils am zweiten Mittwoch eines Monats um 19 Uhr in der VHS statt. „Betroffene sind herzlich willkommen, alles bleibt anonym“, sagt Jutta Schmidt. Kontakt: (0163) 8335520. Foto: t&w

Mit Tricks durchs Leben gequält

Lüneburg. Jutta Schmidt und Diana Brandt Olm sind voll in ihrem Element. Gar nicht genug können sie von ihrem Projekt erzählen, für das sie kräftig zu brennen scheinen. Vor fünf Jahren war das noch anders. Sie hatten gerade einen Kursus an der Volkshochschule (VHS) beendet und Lesen und Schreiben gelernt – und dabei nicht nur bei sich selbst erfahren, wie schwer es ist, sich dem Thema zu stellen. Um Auswege zu finden, gründeten sie mit Gleichgesinnten die Selbsthilfegruppe „Wortblind“. Die feiert nun ihren fünften Geburtstag.

„Wir wollen all denen Mut machen, denen es ähnlich geht wie uns damals“, sagt Jutta Schmidt. Vor rund sieben Jahren hatte sie sich entschlossen, bei der Volkshochschule einen Lese- und Schreib-Lern-Kursus zu belegen, „viel zu spät“, wie die heute 60-Jährige bekennt. Doch es habe Jahre und viel Überwindung gebraucht, diesen Schritt auch zu gehen. „Bis dahin habe ich mich mit allen möglichen Tricks durchs Leben gequält, es sollte ja niemand wissen, dass ich nicht schreiben und lesen kann.“

Viele Jahre hatte Jutta Schmidt in ihrem Beruf gearbeitet, zuletzt sogar als Führungskraft. Ihre Berichte, die sie schriftlich vorzulegen hatte, sprach sie in ein Diktiergerät, ihr Ehemann schrieb es dann auf. Erst durch einen Kollegen, dem sie sich anvertraut hatte und der sie daraufhin nicht nur mobbte, wie sie berichtet, sondern auch von ihrem Platz vertrieb, sei sie aufgewacht. „Ich wusste, ich muss etwas tun.“

Druck und Angst sind nicht mehr da

Drei Jahre lang drückte sie die Schulbank der VHS, mit Erfolg. Auch wenn sie gelegentlich immer noch Schwierigkeiten hat, das Gelesene auch aufzunehmen, ist sie glücklich, diesen Weg gegangen zu sein. „Der Druck und die Angst sind nicht mehr da, seit ich offen damit umgehe.“ Klar ist aber auch: „Ohne weitere Schulungen und tägliche Praxis geht vieles schnell wieder verloren.“

Diana Brandt Olm kann dem nur zustimmen. Die Dänin ist ausgebildete Sozialpädagogin und bezeichnet sich selbst als „wortblind“. „Analphabet ist in Dänemark ein Schimpfwort“, berichtet sie, „deshalb wurde dieses Wort gewählt, das es auch viel besser trifft, wie ich finde.“ Ein Studium, ohne Schreiben und Lesen zu können? „In Dänemark ist das möglich“, sagt Diana Brandt Olm, „es gibt Hilfsmittel wie Videos oder gesprochene Vorlesungen.“

Erst in Deutschland fing sie an, sich mit dem Schreiben- und Lesenlernen zu beschäftigen, auch sie besuchte den VHS-Kursus und traf dort auf Jutta Schmidt. Mit sieben weiteren Kursteilnehmern beschlossen sie, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, der Name war schnell gefunden: „Wortblind“.

Oft verstecken sich die Betroffenen

Ziel der Selbsthilfegruppe ist es, „Menschen aus ihrer Situation herauszuholen“, sagt Jutta Schmidt. Wie schwierig das ist, weiß die Gruppe aus eigener Erfahrung nur zu gut: „Die Betroffenen verstecken sich, es ist sehr schwer, an sie heranzukommen.“ Deshalb gehen Jutta, Diana und ihre Mitstreiter häufig auch den Weg, sich an sogenannte Mitwisser zu wenden – das sind Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen, die in ihrem Umfeld Kontakt zu „Wortblinden“ haben. Wie zielführend dieser Weg ist, macht eine Studie deutlich, die im Jahr 2015 in Hamburg durchgeführt wurde. Dabei haben 40 Prozent der Hamburger berichtet, Menschen zu kennen, die nicht lesen und schreiben können.

Die Volkshochschule unterstützt die Selbsthilfegruppe, stellt Räume für die monatlichen Treffen zur Verfügung, sorgt dafür, dass Faltblätter und Internetauftritt über die Arbeit informieren und die Gruppe an Messen oder Veranstaltungen teilnehmen kann.

Von Ulf Stüwe

Lese- und Schreibschwäche

750.000 Betroffene in Niedersachsen

Laut der „Level-One-Studie“ aus dem Jahr 2011 haben 750.000 Menschen in Niedersachsen zwischen 18 und 64 Jahren eine Lese- und Schreibschwäche. Zwar wurden explizit keine Zahlen für Stadt und Landkreis Lüneburg ermittelt, heruntergerechnet würden der Studie zufolge aber 15.000 Personen davon in der Region betroffen sein. Die Studie war Auslöser für die Einrichtung von Regionalen Grundbildungszentren, eines davon ist bei der Volkshochschule Lüneburg angesiedelt. Hier werden jährlich mehrere Grund- und Aufbaukurse fürs Schreiben- und Lesenlernen angeboten. Pro Jahr nehmen daran etwa einhundert Personen teil.