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Die täglichen Nachrichten erwecken einen anderen Eindruck, doch auf dem Globus geht es immer friedlicher zu. Freiheit, Toleranz und Liberalismus nehmen zu. Foto: kbuntu

Die Welt wird besser

Lüneburg. Auf den ersten Blick scheint die Welt zum Verzweifeln: ein mörderischer Kampf gegen angebliche Verbrecher auf den Philippinen durch den Staatschef; ein immer stärker werdendes China, das Oppositionelle und Minderheiten verfolgt; ein Präsident in Brasilien, der gegen Homosexuelle und andere hetzt. Und in den USA trifft Donald Trump im Weißen Haus Entscheidungen, die sprunghaft und nicht unbedingt befriedend wirken. Trotzdem, die Welt wird besser. Immer besser. Freiheit, Toleranz, Liberalismus nehmen zu. Dem pessimistischen Gefühl setzt Christian Welzel Fakten entgegen. Der Politologe der Lüneburger Universität gehört zu einem globalen Team, das sozusagen das Weltgewissen erforscht.

Mehr Entscheidungsfreiheit in allen Bereichen

„Bis auf zwei Hände voller Länder wurde es besser“, sagt der hochgewachsene Wissenschaftler bei einem Kaffee in einem Lokal am Sand. „Es gibt einen fast überall auf der Welt zu beobachtenden Wandel hin zu liberalen Werten. Nur folgen die verschiedenen Kulturzonen dem liberalen Trend in unterschiedlichem Tempo – besonders langsam nach wie vor in islamischen Ländern. Und auch innerhalb der fortschrittlichsten Gesellschaften, wie etwa in Skandinavien, nimmt der liberale Wertewandel nicht alle Bevölkerungsschichten in gleichem Maß mit. Generell also geht die Entwicklung zwar in Richtung von mehr Entscheidungsfreiheit in praktisch allen Lebensbereichen. Doch es gibt auch gesellschaftliche Schichten, verdichtet in bildungsfernen Milieus, die sich vom liberalen Wertewandel zurückgelassen und entfremdet fühlen. Diese Gruppen spricht der Rechtspopulismus mit seinen Identitätsangeboten an.“

Die Botschaft hat auch etwas mit der Wirtschaft zu tun: „Je besser es Menschen geht, desto liberaler werden sie.“ Dabei spielt Religion eine Rolle. In skandinavischen Ländern, in denen der Wohlstand verbreitet ist, spielt der Glauben eine eher geringe Rolle. Sie finden sich auf einer sogenannten Kulturweltkarte bei Selbstverwirklichung und Vernunft im Spitzenbereich. Der superreiche muslimische Öl-Staat Katar ist wohlhabend, da aber die Religion dort noch eine dominante Rolle spielt, bleibt es um die Freiheit eher bescheiden bestellt.

Mitarbeiter befragen Einwohner in 100 Ländern

Seit 1981 untersuchen Forscher die Einschätzungen der Bevölkerung. Welzel ist seit 1998 dabei und inzwischen einer der Köpfe der Langzeituntersuchung, die unter dem Namen „Weltwertestudie“ in Forscherkreisen bekannt ist, englisch; World Values Survey. Die Forscher haben einen Katalog mit etwa 250 Fragen entwickelt, den sie in rund 100 Ländern von Mitarbeitern abfragen lassen. Da diese 100 Länder die größten Bevölkerungen in ihren jeweiligen Regionen umfassen und die jeweils 1000 oder mehr Befragten pro Land stets repräsentativ ausgewählt werden, kann man sagen, dass die Ergebnisse der Studie für 90 Prozent der Weltbevölkerung stehen.

Sie fragen danach, ob gleichgeschlechtliche Paare genauso gute Eltern sein können wie andere Paare. Was die Menschen von der Todesstrafe, von Schlägen gegen Kinder, Sex vor der Ehe, Abtreibung, Religion und Demokratie halten. Welzel sagt: „Bei den Einschätzungen zum Zustand im eigenen Land kamen Menschen zum Großteil bei Themen wie Lebenserwartung, Bildung und Einkommen zum schlechtesten Ergebnis. Tatsächlich war es anders, es kam fast immer das beste Ergebnis zum Tragen.“

Entscheidender Faktor sei die Bildung

Eine Erkenntnis der Wissenschaftler: Selbst Länder, die man als äußerst autoritär wahrnimmt wie China, Russland und die Türkei, haben Fortschritte gemacht. Liberale Werte haben zugenommen: „Unsere Daten geben nicht her, dass sie abnehmen.“ In einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat Welzel den Stand dort mit dem Niveau Westeuropas in den 1960er-Jahren verglichen.

Entscheidender Faktor sei die Bildung: Wer gut informiert sei und gelernt habe, selbstständig zu denken, will nicht mehr bevormundet werden in dem was er zu glauben und zu tun hat. Dann gewinnen die Ideen der Selbstbestimmung und Chancengleichheit automatisch an Anziehungskraft, die Werte werden auf natürliche Weise liberaler. „Man schätzt Freiheiten für sich und andere mehr. Soziale Marktwirtschaft und ein funktionierender Wohlfahrtsstaat begünstigen die Entwicklung.“

Potenzial für rechte Ideologien

Es liegt nahe, gegenzuhalten: Offensichtlich gewinnen rechte und reaktionäre Bewegungen und Politiker an Bedeutung. In Polen, Ungarn, Italien und Frankreich beispielsweise hat die Rechte Zulauf. In Deutschland ist es nicht anders. Welzel spricht von „illiberalen Demokraten“. Er sieht ihren Schwerpunkt vor allem bei älteren Männer mit geringerer Bildung aus ländlichen Regionen. Generell, so ergeben es seine Zahlen, nimmt die Gruppe allerdings ab – auch wenn Aufmärsche der Gelbwesten in Frankreich oder von Anhängern von Pegida und ihren Spielarten ein anderes Bild zeichnen.

Politologe Welzel sieht das durchaus und spricht von Rückschlägen, die es auch gebe. Bei einer Erklärung verweist er allerdings da­rauf, was Studien seit Jahrzehnten belegen: Es gibt in Deutschland ein relativ festes Potenzial für rechte Ideologien. So belegte schon im Jahr 1981 eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie, dass mehr als 13 Prozent der westdeutschen Bevölkerung ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild besaßen. Umgerechnet auf die Wahlbevölkerung waren das 5,5 Millionen Bürger. Sechs Prozent billigten Gewalt von rechts.

„Ideologen füllen eine Lücke“

Auf diese Gruppe weist Welzel hin: „Das Wählersegment der AfD hat es immer gegeben. Es war lange abstinent. Diese Leute sehen ihre Felle davonschwimmen.“ Zuwanderung bedeute Konkurrenz. So seien Ängste bei Menschen zu finden, die in „prekären Arbeitsverhältnissen“ leben, aber auch bei Bessersituierten, die Sorge um ihren Status umtreibe und die sich durch den liberalen Wertewandel in der Mehrheitsgesellschaft in einer Identitätskrise wiederfinden.

„Ideologen füllen eine Lücke“, sagt Welzel. Den großen Parteien fehle es an Bindungskraft. Manche der Sorgen, die benannt werden, seien „nicht unberechtigt, da müsste die Politik Angebote machen“. Linksintellektuelle Moralität sei keine wirkliche Antwort. „Man muss einen Sachstandpunkt widerlegen. Und man muss ihn respektieren, solange er sich im Rahmen von Recht und Gesetz bewegt und nicht unmenschlich wird. Es gibt keine andere Möglichkeit als den offenen Umgang.“

Welzel ist Optimist, eben weil die Untersuchungen zeigten, dass liberale Werte zunähmen. Gerade bei Jüngeren zeige sich das überwiegend. Das bedeutet Hoffnung: Jede neue Generation macht es ein bisschen besser.

Von Carlo Eggeling

Hintergrund

Das Kollektiv der Wissenschaftler

Das World Values Survey besteht seit 1981, dahinter steht ein schwedischer Verein. In 100 Ländern befragen jeweils eigene Forscherteams Einwohner nach ihren Einstellungen. Das Projekt wird über Zuschüsse und Spenden finanziert. In der Bundesrepublik beispielsweise über die Deutsche Forschungsgemeinschaft. 2000 Personen zu befragen, koste rund 450.000 Euro. „In Afrika kann ich damit eine Untersuchung in zehn Ländern bezahlen“, sagt Welzel. Für ärmere Staaten müssten andere quasi mitbezahlen. Bewohner werden „face to face“ befragt, die Ergebnisse überprüft. Im Vorstand des Vereins sitzen acht Forscher, Welzel ist einer der Sprecher.

Welzel ist an der Leuphana seit 2010 Professor für Politische Kulturforschung. Neben seinem Lehrstuhl an der Ilmenau begleitet er ebenfalls seit 2010 den Aufbau eines Instituts im russischen Petersburg. Welzel hat an mehreren Universitäten in Deutschland und im Ausland studiert beziehungsweise gelehrt. Seine Frau hat eine Professur im schwedischen Göteborg inne. Aus Lüneburg reist der Wissenschaftler regelmäßig in die Welt.

Weitere Infos unter www.worldvaluessurvey.org