Aktuell
Home | Lokales | Mitarbeiter am Limit
Melanie Urban, hier mit Tochter Bella-Maria, arbeitet als Tagesmutter in Lüneburg. Aufgrund der Probleme mit der Bezahlung hat sie entschieden, keine Kinder aus den Kommunen des Landkreises mehr zu betreuen. Foto: t&w

Mitarbeiter am Limit

Lüneburg. Etwas mehr als zwei Monate ist es her, dass Tagesmütter an die LZ herangetreten sind, weil sie sich nicht mehr zu helfen wussten: Aufgrund eines perso nellen Engpasses im Jugendamt des Landkreises sind Anträge monatelang liegen geblieben, entsprechend haben die Tageseltern ihr Geld nicht erhalten. Weil sich die Situation nicht verbessert hat, sind manche so weit, dass sie keine Kinder aus dem Landkreis mehr bei sich aufnehmen möchten.

Der Tageselternverein, dem 150 Mitglieder angehören, hat sich Ende vergangenen Jahres mit dem Landkreis zusammengesetzt. Das Gespräch, bei dem auch der Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis Martin Wiese dabei war, hat Stephanie Marzi als sehr positiv wahrgenommen. „Man war sehr interessiert an unserer Sichtweise“, sagt das Vorstandsmitglied. Ebenso sei es durch den Austausch einfacher geworden, den bürokratischen Aufwand für die Mitarbeiter einzuschätzen. „Sie haben dargestellt, dass es mit den Nachzahlungen so lange dauert, weil sie jeden Vorgang dafür in die Hand nehmen müssen.“ Hinzu kämen die Sprechzeiten an zwei Tagen. „Da schaffen sie nichts, die Mitarbeiter sind am Limit.“

Für zwei Monate gar kein Geld bekommen

Der Landkreis habe ihnen versichert, sich zu bemühen, „sehr schnell“ jemanden einzustellen. „Herr Wiese hat gesagt, dass es nicht viele Kräfte gibt und man möglicherweise jemanden einstellen muss, der noch in einem Arbeitsverhältnis steht.“ Bis zum Sommer soll sich die Lage entspannen. „Bis dahin will man wieder auf Stand sein“, sagt Marzi.

Inzwischen sind etliche Wochen vergangen, zufrieden ist der Verein mit dem Ergebnis nicht. Denn noch immer würden Tageseltern auf ihr Geld warten. Marzi, sie betreut Kinder in Deutsch Evern, war selbst betroffen. „Ich habe für zwei Monate gar kein Geld bekommen“, erzählt die alleinerziehende Mutter. „Ich habe die Sachbearbeiterin angeschrieben und dann innerhalb von einer Woche mein Geld erhalten.“ Marzi weiß, dass andere Tageseltern weniger Glück haben. Genaue Zahlen hat sie nicht, „aber es geht hier nicht nur um zehn Fälle“.

Die Stapel beim Jugendamt sind auch deshalb nicht kleiner geworden, weil viele weitere Vorgänge hinzugekommen sind: Im Dezember ist eine Satzungsänderung in Kraft getreten, die eine Erhöhung des Tagepflegegelds um 20 Cent pro Stunde zur Folge hat. Sie greift bis in den August zurück. Sprich: Jede Tagesmutter, die ein im Landkreis wohnendes Kind betreut, erhält für die bereits geleisteten Stunden und die künftige Betreuung mehr Geld. „Bei manchen geht es um 38 Euro“, sagt Marzi, die sich deshalb bei eben jenen Tageseltern etwas mehr Gelassenheit wünscht, denn „es gibt andere, die auf viel größere Summen warten.“

Vakante Stelle soll im Februar besetzt werden

Auf Nachfrage kündigt Landkreis-Pressesprecherin Isabel Wesselink an, dass die Stelle, die frei geworden ist, weil eine Kraft über ein halbes Jahr krank war, im Februar besetzt werden soll. Dann ist das Team mit regulär drei Mitarbeitern wieder vollständig. Aufgrund der Unterbesetzung seien Anfang Dezember bereits zwei Anwärter dem Bereich zugeordnet worden – vor allem, um Neuanträge zu bearbeiten. Im März oder April sollen sie wieder abgezogen werden, sagt Wesselink und betont, dass es zumindest bei den neuen Anträgen keine Zahlungsrückstände gäbe. „Änderungen in laufenden Fällen werden jetzt angegangen.“

Zur Erhöhung des Stundensatzes sagt sie: „Der Umstand, dass es ein rückwirkendes Inkrafttreten gab, führte dazu, dass alle Fälle neu angefasst werden mussten. Das war in der knappen personellen Situation vom Dezember nicht möglich.“ Das soll sich aber jetzt ändern.

Von Anna Paarmann

Befragung

Enge Personaldecke

Die Personalausstattung scheint bundesweit ein Problem zu sein. „Im schlimmsten Fall ist eine Person für rund 300 Kindertagespflegepersonen zuständig“, heißt es in einer Studie, in der 1721 Tagesmütter und -väter und 631 Eltern befragt wurden. Dabei sei die Beratung durch das Jugendamt eine wichtige Voraussetzung für Qualität in der Kindertagespflege.

Kritik gilt auch der Regelung und Absicherung in Krankheitsfällen, so bekämen 27 Prozent der Befragten kein Geld. Ebenso sei oft keine Ersatzbetreuung geregelt: Teilweise hätten Tageseltern sie selbst bezahlen müssen. In die Studie sind 13 Gruppendiskussionen aus sechs Bundesländern und sechs Experten-Interviews eingeflossen.

Quelle: Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen

Mehr dazu:

Tagesmutter als Hauptberuf

Weg zur Tagesmutter wird teurer

Ergänzend oder ersetzend?