Donnerstag , 19. September 2019
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Neetze gehen die Baugebiete aus. Deshalb soll hier am Barskamper Weg ein neues entstehen – diesmal mithilfe einer Erschließungsgesellschaft. (Foto: ada)

Eine Gemeinde auf dem Prüfstand

Neetze. Wer das morgen schreiben will, muss das heute lesen können. Nein, das sind nicht die klugen Worte eines weisen Mannes. Aber es könnte die Überschrift dessen sein, was gerade den Bau- und Dorfentwicklungsausschuss in Neetze bewegt. Das Gremium arbeitet an der Aufstellung eines Dorfentwicklungsplans und hatte dafür eine Bestandsanalyse des Dorfes in Auftrag gegeben. Die Erkenntnisse wurden nun bei der Ausschusssitzung präsentiert.

Der Wohnungsbedarf wird weiter steigen

Ein bisschen mürrisch klingt Neetzes Bürgermeister Karsten Johansson schon, wenn er sagt, „der Landkreis fordert ein Entwicklungskonzept von uns. Wir waren gewissermaßen genötigt, das zu tun.“ Denn ein paar Zukunftsprojekte, wie etwa das Neubaugebiet „Barskamper Weg“ und die Errichtung eines neuen Lebensmittelmarktes, jucken den Neetzern schon länger in den Fingerspitzen. Doch bevor die Bagger kreuz und quer rollen, ist die Gemeinde angehalten, ihre zukünftigen Bauprojekte anhand einer Prioritätenliste zu ordnen. Das Konzept ist eine Grundvoraussetzung, um Förderungen durch Landesmittel beantragen zu können. Um zu erkennen, was Neetze künftig braucht, lohnt ein Blick in die Gegenwart des Ortes.

Damit beauftragt war Silke Wübbenhorst, Stadt- und Landschaftsplanerin. Im Bauausschuss der Gemeinde stellte sie nun ihre Erkenntnisse aus den Themenbereichen Siedlungs- und Wohnbauentwicklung, Entwicklung des zentralen Versorgungsbereichs, Daseinsvorsorge, Entwicklung gewerblicher Bauflächen und Tourismus vor.

Lebensmittelmarkt zu klein für die Zukunft

Vor allem in Bezug auf den Wohnungsbedarf tut sich künftig einiges im Ort. Bis 2035 lassen die Daten einen Bevölkerungszuwachs von durchschnittlich 4,8 Prozent, auf dann circa 2.788 Anwohner, erwarten. Daraus errechnet Wübbenhorst einen Bedarf an etwa 50 zusätzlichen Wohneinheiten. Das Potential der Gemeinde ist noch viel größer: bis zu 155 neue Wohneinheiten könnten geschaffen werden. Das entspräche dem maximal angenommenen Bevölkerungszuwachs von rund 14 Prozent. Im geplanten Neubaugebiet „Barskamper Weg“ sind derzeit 85 Wohneinheiten geplant.

Eine medizinische Unterversorgung droht

Nicht unbekannt, aber nun auch wissenschaftlich fundiert, ist die schwierige Nahversorgungssituation in der Gemeinde. „Der bestehende Edeka-Markt im Ort ist recht klein und entspricht nicht mehr den aktuellen Anforderungen“, erklärt Silke Wübbenhorst. Neetze gilt als ein sogenanntes Grundzentrum und muss die Lebensmittelversorgung über die Grenzen des Ortes hinaus stemmen können. Das ist schon jetzt nicht mehr der Fall, Wübbenhorst spricht von „massiver Unterversorgung“. Der Bau eines größeren Marktes ist bereits geplant, die Analysen legen einen Lebensmittelmarkt von mindestens 1.300 Quadratmetern Größe nahe. Nachteilige Auswirkungen auf andere Marktstandorte seien dadurch nicht zu erwarten.

Handlungsbedarf sieht die Stadt- und Landschaftsplanerin auch in Sachen Daseinsvorsorge. Ein demografisches Gutachten ergab, dass die Anzahl der über 85-Jährigen im Dorf bis 2035 im Mittel um 75 Prozent steigt. Daraus ergibt sich ein erhöhter Pflegebedarf. Doch eine stationäre Pflegeeinrichtung gibt es im Gemeindegebiet nicht.

Auch die Gesundheitsversorgung in der Gemeinde könnte in der Zukunft zum Problem werden. Das Problem: Ortsansässige Allgemeinmediziner gehen in Rente, Nachfolgeregelungen sind nicht getroffen und verfügbare Praxisräume werden den Platzansprüchen moderner Gemeinschaftspraxen nicht mehr gerecht. „Wir haben den voraussichtlichen Bedarf und das Angebot gegenübergestellt. Es besteht die Gefahr, dass die ärztliche Grundversorgung nicht mehr geleistet werden kann“, erklärt Wübbenhorst.

Für Bürgermeister Karsten Johansson sind die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Untersuchung keine Überraschung. „Man muss sie sortiert aufbereiten lassen, um daran dann Ziele zu entwickeln“, sagt er. Nun werden sich die Gremien des Rates zusammensetzen und beraten, wie das Neetze der Zukunft aussehen sollte.

Von Anke Dankers