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Für Helmke Hinrichs beginnt ein neues Kapitel: Er übernimmt das Schulpfarramt am Scharnebecker Gymnasium. (Foto: t&w)

Ein Vermittler in schwierigen Zeiten

Lüneburg. Lässt Helmke Hinrichs dem „Hallo“ die Information folgen, dass er Hochschulpastor ist, erlebt er oft Abwehrreaktionen. Erfährt sein Gegenüber aber erst nach einem Gespräch von seinem Beruf, kommt es vor, dass dieser überrascht Sätze wie „Du bist ja ganz nett“ äußert. Der Leiter der Evangelischen Hochschulgemeinde kann damit gut leben, er weiß, dass es Religion heute schwer hat. In Zeiten, in denen der Glaube als Grund für brutale Gewalttaten und kriegerisches Handeln missbraucht wird, sieht er sich als Vermittler. Nur durch eine Kultur des Dialogs und der Toleranz gegenüber unterschiedlichen religiösen und gesellschaftlichen Gruppen könne es gelingen, Isolation, Nationalismen und Polaritäten vorzubeugen, sagt der 57-Jährige. „Nur so bewegen wir uns in Richtung Frieden.“

Ostfriese kümmert sich nun um Gymnasiasten

Er wird sich künftig an anderer Stelle dafür einsetzen, dass Menschen ihrem Glauben treu bleiben und ihre Sprachfähigkeit nicht verlieren. Nach elf Jahren als Seelsorger und Pastor an der Leuphana beginnt für ihn ein neues Kapitel. Hinrichs tauscht Uni gegen Schule ein, wird ab Februar neben seinen Tätigkeiten in der Martin-Luther-Gemeinde das Schulpfarramt am Bernhard-Riemann-Gymnasium in Scharnebeck übernehmen.

Dass der gebürtige Ostfriese, der in Kiel und Heidelberg Theologie studiert und nach seinem Vikariat eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert hat, mehr als ein Jahrzehnt an einer Hochschule verbringen durfte, ist eine Besonderheit. So können diese übergemeindlichen Stellen, die die Landeskirche ausschreibt, eigentlich nach sechs Jahren nur einmalig um weitere drei verlängert werden.

Nachfolge noch nicht geklärt

Weil die erste Ausschreibung der Landeskirche nichts ergeben hat, wird Silke Ideker von der Kirchengemeinde St. Michaelis nun für die Übergangszeit die Arbeit von Helmke Hinrichs übernehmen. Die halbe Stelle soll nun erneut ausgeschrieben werden, damit die Evangelische Hochschulgemeinde möglichst bald einen neuen Leiter hat.

Als der Lüneburger an diesem Punkt angekommen war, stand der Evangelischen und Katholischen Hochschulgemeinde, wie sie an der Leuphana aufgestellt ist, gerade der Umzug von der Heinrich-Böll-Straße in den 3. Stock des Libeskind-Baus bevor. „In der Situation war es gut, jemanden zu haben, der auf dem Campus gut vernetzt ist.“ Eine Universität sei ein völlig eigenständiger Kosmos und nicht auf Kirche angewiesen, betont er. „Es braucht darum seine Zeit, wahrgenommen zu werden und Kontakte zu knüpfen.“ Kurzum: Ein neuer Hochschulpastor hätte es vermutlich schwer gehabt.

„Kirche geht raus zu den Menschen“ – es ist ein Credo, das Hinrichs gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Michael Hasenauer etabliert hat. Das Duo hat auch nach dem Umzug nicht darauf gewartet, dass Studenten und Mitarbeiter sie in dem verwinkelten Gebäude finden, sie sind rausgegangen, haben Veranstaltungsreihen geplant, Formate entwickelt.

Das Privileg an der Leuphana

Dass Kirche an einer Universität an so zentraler Stelle vertreten ist, sieht Hinrichs als Privileg. „Das ist bundesweit eine besondere Situation. Von anderen Kollegen hören wir, dass sie nicht mal Flyer auf dem Campus verteilen, geschweige denn dort Gottesdienste abhalten dürfen.“ Diese ablehnende Haltung begründet der Pastor mit den Terroranschlägen am 11. September. Danach sei eine generelle Angst vor Religion aufgekommen, an vielen Hochschulstandorten habe es Konflikte gegeben, sogar in Hamburg. „Muslime wurden beispielsweise von der Nutzung von Räumen ausgeschlossen.“

In Lüneburg ist das anders, ein Beispiel: Hinrichs gestaltete gemeinsam mit seinem Kollegen zum Wintersemester für 600 bis 800 Erstsemester eine interreligiöse Andacht im Audimax, da­ran waren auch muslimische und jüdische Vertreter beteiligt.

Eines ist ihm ganz wichtig, das will er jetzt auch mitnehmen: „Es geht mir nicht darum, ob jemand Christ, Moslem oder Atheist ist. In erster Linie sind wir alle Menschen und suchen als solche nach Sinnhaftigkeit und einem friedvollen Miteinander.“

Von Anna Paarmann