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Die Diskussion mit Staatssekretärin Jutta Kremer und Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Jörg-Philipp Terhechte wurde von Hans-Herbert Jenckel (M.) moderiert. Foto: t&w
Die Diskussion mit Staatssekretärin Jutta Kremer und Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Jörg-Philipp Terhechte wurde von Hans-Herbert Jenckel (M.) moderiert. Foto: t&w

Weckruf Brexit

Lüneburg. Der Brexit wird kommen. Da sind sich Staatssekretärin Jutta Kremer und Leuphana-Vizepräsident Prof. Dr. Jörg-Philipp Terhechte einig. Beide führten sie am Donnerstagabend unter der Moderation von Hans-Herbert Jenckel in der Universität Lüneburg ein Gespräch über den Brexit und seine Folgen.

„Ökonomisch und gesellschaftspolitisch gesehen ist der Brexit eine Katastrophe“, stellte Kremer zu Beginn ohne Umschweife dar. Besonders die Lieferketten der Autoindustrie seien dadurch bedroht, ebenso wie der Agrarbereich, schließlich importiere Großbritannien aus Niedersachsen viele Fleischprodukte. Die Hochseefischerei sei „existenziell bedroht“, da man viele Fanggebiete verlieren werde. „Es ist schwer zu sagen, wie viele Arbeitsplätze bedroht sind, aber so viele wie 20.000, wie es schon an manchen Stellen hieß, werden es nicht sein.“

„Allein in Niedersachsen haben wir 40 Studienprojekte“

Dr. Terhechte hat noch Hoffnung, dass der Stichtag für den Brexit, der momentan Ende März liegt, noch aufgeschoben wird, um eine längere Reflexionsphase zu schaffen. Der Zeitraum dafür sei allerdings begrenzt, der Brexit müsse noch vor der EU-Wahl kommen. „Dabei handelt es sich um eine politische Diskussion, die rechtlich nicht ins Detail steuerbar ist. Das liegt daran, dass bei der Gründung der EU niemand über Austritte nachgedacht hat“, führte Dr. Terhechte aus. Auch sieht er Probleme, die auf Studierende zukommen werden: „Momentan sind unter den 120.000 StudentInnen in Großbritannien 14.000 Deutsche, die alle eine Studiengebühr von 10.000 Euro bezahlt haben. Chinesische Studierende zahlen bis zu 17.000 Euro – es ist möglich, dass Gebühren für Deutsche mit dem Brexit auch derart in die Höhe schießen.“
Ebenfalls für Studierende relevant sei eine Veränderung in der Forschungszusammenarbeit, wie Kremer anmerkte: „Allein in Niedersachsen haben wir 40 Studienprojekte, die massive Förderungen von der EU erhalten. Einige davon laufen in Zusammenarbeit mit britischen Universitäten, für die der Brexit Ungewissheit bedeutet.“

Kremer warf außerdem einen Blick auf die Wahl im Mai und prognostizierte eine hohe Wahlbeteiligung der EU-Bürger. „Der Brexit war ein Weckruf, der den Zusammenhalt der restlichen Mitgliedsstaaten gestärkt hat. Wer zur Wahl geht, steht für Europa.“

„Die EU braucht eine soziale Seite“

Diese positiven Auswirkungen sieht auch Dr. Terhechte: „Man macht sich plötzlich substanziell Gedanken über die Gestaltung Europas. Fragen nach gangbaren Zukunftsszenarien tauchen auf.“ Man habe sich mit den Jahren immer mehr auf der „Selbstverständlichkeit des EU-Projektes“ ausgeruht, ohne sich dessen Vorteile vor Augen zu führen. Die „Nie wieder“-Narration nach dem zweiten Weltkrieg habe die EU lange Zeit getragen – mit Erfolg. Seit Gründung der EU hat es zwischen den Mitgliedsstaaten keinen Krieg gegeben „und genau da müssen wir weitermachen.“

Die EU brauche eine soziale Seite, das betont auch Kremer. „Es gibt Probleme, wie Klimaschutz und Migration, die die einzelnen Staaten nicht alleine bewältigen können. Die EU ist mehr als ein Binnenmarkt und es ist an der Zeit, dass wir die nationale Brille absetzen und die EU als Ganzes sehen.“

Als daraufhin aus dem Publikum die Frage nach einem EU-Staat laut wurde, illustrierte Dr. Terhechte, dass bis dahin nicht mehr viel fehle: „Hauptsächlich hakt es an der Außen- Sicherheits- und Verteidigungspolitik.“ Was allerdings ein EU-Staat für Deutschland bedeuten würde, wäre dass man viel einbüßen und deutlich mehr teilen müsste, so der Wissenschaftler. Weitere Abspaltungsprojekte werde es nicht geben, betont Kremer, in der Hinsicht sei der Brexit „sehr heilsam“ gewesen.

Von Josephine Wabnitz

Hans-Herbert Jenckel im Gespräch mit Staatssekretärin Jutta Kremer: [sc_embed_player fileurl=“/wp-content/uploads/2019/02/Leuphana-Universitt-Lneburg.m4a“]

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