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Das komplette Deichvorland an der Elbe von Artlenburg (Bild) bis Hohnstorf soll unter Naturschutz gestellt werden. Foto: skyimage21

Natur contra Deichschutz?

Artlenburg. Knapp drei Stunden tagte der Umweltausschuss des Landkreises Lüneburg. Am Ende war die Konfusion groß, fühlte sich so mancher Politiker und Zuhörer eher ratlos als informiert. Scharnebecks Samtgemeindebürgermeister Laars Gerstenkorn (CDU) formulierte es in der Fragerunde so: „Erst war ich irritiert, jetzt bin ich erschrocken.“ Ursache für die diffuse Gefühlslage bei Bürgern und Entscheidungsträgern ist die geplante Ausweisung eines 207 Hektar großen Areals zwischen Hohnstorf und Artlenburg als Naturschutzgebiet noch in diesem Jahr.

Dass der Landkreis jetzt so auf das Tempo drückt, hat seinen Grund: Wie berichtet, hätte das Gebiet als Teil eines größeren Fauna-Flora-Schutzhabitats der Europäischen Union schon 2013 rechtlich gesichert werden müssen. Weil dieser Termin gerissen wurde, wurde als neue Zielmarke Ende 2018 ausgegeben. Doch auch diesen Temin hat man verstreichen lassen.

Niedersachsen ist Schlusslicht bei der Sicherung der FFH-Gebiete

Aber nicht nur der Landkreis Lüneburg hängt dieser EU-Vorgabe mächtig hinterher: Niedersachsen ist bundesweit Schlusslicht bei der Sicherung der FFH-Gebiete, mit der Folge, dass Bund und Land nun im Rahmen eines EU-Vertragsverletzungsverfahrens Zwangsgeld von bis zu 861.000 Euro drohen. Pro Tag!

Dass das Verfahren nun mit Nachdruck durchgezogen werden muss, findet auch Ausschuss-Vorsitzender Michael Gaus (Grüne) nicht gut: „Ich hätte mir gewünscht, dass der Umwelt-Ausschuss vor der bereits stattgefundenen Bürgerinformation getagt hätte“, bemängelte der Reppenstedter. Den Sitzungstermin am vergangenen Dienstag in Artlenburg bezeichnete Gaus nur als die „zweitbeste Lösung.“

Entsprechend präsentierte Maja Züghart vom Fachdienst Umwelt beim Landkreis Lüneburg noch einmal den gleichen Vortrag mit dem gleichen Kartenmaterial, den sie auch schon bei der Bürgerversammlung am 16. Januar in Artlenburg im Gasthaus Nienau vor rund 180 Zuhörern gehalten hatte.

„Die Zahl der Braunkehlchen ist rückläufig“

Sie betonte, dass sich in der Elbeniederung zwischen Hohns­torf und Artlenburg Lebensräume wiederfinden, die in Deutschland nur selten vorkommen. Als Beispiel nannte sie Brenndolden-Auenwiesen. Das ist feuchtes Grünland, welches aufgrund seiner Pflanzenvielfalt unter anderem Insekten Nahrung und Schutz bietet. „Wir wissen alle um den dramatischen Rückgang von Bienen und anderen Insekten“, sagte die Diplom-Forstwirtin während der Sitzung des Umweltausschusses in Artlenburg, „für diese Tiere ist artenreiches Grünland überlebenswichtig.“ Gleiches gelte für seltene Amphibien oder Vögel. „Die Zahl der Braunkehlchen ist rückläufig – hier an der Elbe ist der Vogel noch heimisch“, nannte sie als ein Beispiel.

Um Tieren und Pflanzen im geplanten Naturschutzgebiet wertvollen Lebensraum bieten zu können, bedarf es Rücksicht. „Naturschutz erfordert immer Kompromisse“, machte Maja Züghart deutlich, sagte aber auch: „Die Einschränkungen für die Menschen halten sich in Grenzen.“

Doch da hatten Ausschussmitglieder Zweifel: „Warum muss der Landkreis das Areal gleich als Naturschutzgebiet ausweisen?“, kritisierte etwa Norbert Thiemann (CDU), die Sicherstellung als Landschaftschutzgebiet hätte es aus seiner Sicht auch getan. Vor allem, dass auch Teile des Deiches im Schutzgebiet liegen werden, schmeckt Thiemann gar nicht: „Das ist ein technisches Bauwerk.“

„Wir sind im Zugzwang“

Die Sorge, dass die Menschen mit Vollzug der Verordnung dem Elbe-Hochwasser ausgeliefert sein könnten, konnte auch Laars Gerstenkorn nicht genommen werden: „Wie sich das jetzt anhört, können wir keine Veränderungen mehr am Deichschutz vornehmen, wenn das Areal erst einmal Naturschutzgebiet ist?“, fragte er skeptisch. Stefan Bartscht (Landkreis) beruhigte: „Hochwasserschutz hat Vorrang!“ Er verwies auf Deichbau-Projekte in anderen FFH-Gebieten – „mit entsprechenden Ausgleichsmaßnahmen.“

Nicht weit genug gehen dagegen dem Nabu-Kreisvorsitzenden Thomas Mitschke die geplanten Naturschutz-Maßnahmen. Er hat Sorge, dass hier ein „Papiertiger“ entstehe, der Naturschutz zugunsten wirtschaftlicher Interessen verwässert werde. „Wir müssen endlich anfangen umzudenken“, appellierte er. Nicht nur das Insektensterben zeige: „Wir sind im Zugzwang.“

Von Klaus Reschke