Aktuell
Home | Lokales | Die unbekannte Tote aus dem Wald
Im vergangenen Oktober suchte die Polizei das Umfeld des Schädel-Fundortes noch einmal intensiv ab. (Foto: be)

Die unbekannte Tote aus dem Wald

Lüneburg. Förster Oliver Christmann hatte im Herbst vergangenen Jahres eine grausige Entdeckung gemacht. Im Wald bei Neu Sülbeck fand er einen menschlichen Schädel. Schnell schossen die Spekulationen in den medialen Himmel: Handelt es sich bei den Leichenteilen womöglich um die sterblichen Überreste von Monika Crantz? Ist dieser Fund das vielleicht noch letzte fehlende Puzzleteil in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahrzehnte, der als „Mord ohne Leiche“ Schlagzeilen gemacht hatte?

Doch die Hoffnung der Ermittler, den Fall Jahre später endgültig zum Abschluss bringen zu können, erfüllte sich nicht. Rechtsmedizinische Untersuchungen der Knochen belegen eindeutig, dass es sich bei den Skelettteilen nicht um die sterblichen Überreste der damals 49-jährigen Geschäftsfrau aus Ratzeburg handelt. Doch wer ist dann die unbekannte Tote im Wald? Liegen die sterblichen Überreste womöglich nicht erst seit wenigen Jahren, sondern schon seit Jahrhunderten dort und wurden jetzt nur durch einen Zufall an die Oberfläche befördert?

Abgleich mit DNA-Datenbank bleibt ohne Treffer

„Das interessiert uns natürlich auch“, sagt Viktor Trautmann. Der Kriminalhauptkommissar arbeitet bei der Lüneburger Polizei im Fachkommissariat I – Tötungs- und Sexualdelikte sowie Brandermittlungen sind sein tägliches Geschäft. „Die unerfreulichen Dinge des Lebens eben“, sagt der Dahlenburger. Er war auch vor Ort, als die Polizei im Oktober vergangenen Jahres das Waldstück bei Neu Sülbeck noch einmal intensiv absuchte. Als man noch nicht definitiv ausschließen konnte, dass es sich bei den sterblichen Überresten um Monika Crantz handelt, die 1999 von ihrem Ehemann ermordet worden war. Die Fahnder gingen damals davon aus, dass er die Leiche im Wald bei Neu Sülbeck abgelegt haben könnte.

„Wir wollen wissen, wie alt die Knochenfunde sind.“
Viktor Trautmann, Kriminalhauptkommissar

Immerhin konnten die Fahnder aus den Knochenfunden DNA gewinnen und diese mit einer Datenbank abgleichen, in der die DNA von Vermissten und unbekannten Toten zum Teil sogar aus dem europäischen Ausland gespeichert ist. „Aber auch hier konnten wir keinen Treffer landen“, bedauert Kriminalhauptkommissar Trautmann, „keine Übereinstimmung mit den gespeicherten Daten.“

Inzwischen befinden sich die Schädelknochen, Teile des Beckens sowie weitere Knochenfragmente, die die Fahnder im Oktober am Fundort bei Neu Sülbeck sichergestellt hatten, im rechtsmedizinischen Institut der Uni Münster: „Dort lassen wir jetzt eine sogenannte Liegezeitbestimmung durchführen. Wir wollen wissen, wie alt die Knochenfunde sind“, erläutert Trautmann.

Polizei hat auch beim Stadtarchäologen nachgefragt

Das Ergebnis könnte überraschen: Denn der Kriminalhauptkommissar hat auch beim Stadtarchäologen Dr. Edgar Ring angefragt – und Interessantes erfahren: Genau dort, wo die Knochenteile gefunden wurden, befanden sich laut Ring Hügelgräber aus früherer Zeit. Vor Jahrzehnten habe man dort auch archäologische Entdeckungen gemacht – unter anderem eine alte Keramikscherbe.

Ring sagt auf LZ-Nachfrage: „Hügelgräber sind eine frühere Bestattungsform. Sie sind zum großen Teil in den Wäldern erhalten, weil sie dort nicht wie in der freien Landschaft unter den Pflug gekommen sind.“ Aber im Wald könnten Hügelgräber auch im Zuge der Forstwirtschaft beschädigt werden.

Lüneburgs Kreisarchäologe Dietmar Gehrke ergänzt: „Die meisten Grabhügel, die heute noch erhalten sind, entstanden in der späten Jungsteinzeit, um 2300 vor Christus. Diese Sitte wurde bis Mitte der Bronzezeit gepflegt, um 1200 vor Christus.“ Und: „Wenn bei den Funden jetzt von Keramikscherben die Rede ist, könnte das auch ein Hinweis auf eine spätere Nachbestattung sein, die in Urnen am Rande eines Grabhügels vorgenommen worden sind.“ In den Grabhügeln selbst waren früher neben Brand- auch Körperbestattungen üblich.

Ist der bei Neu Sülbeck gefundene Schädel also viel, viel älter als alle bisher glaubten? Noch gibt die unbekannte Tote aus dem Wald bei Neu Sülbeck weiter Rätsel auf.

Von Klaus Reschke

https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1957442-die-suche-nach-gewissheit

https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/luneburg/2083341-erste-untersuchung-gefundene-knochen-wohl-nicht-von-monika-crantz