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Mit diesem Foto warb das Versandhaus Quelle in den 1960er-Jahren für sein Fertighaus „Typ 110 D“. (Foto: Freilichtmuseum am Kiekeberg)

Ein ganzes Haus geht auf die Reise

Ehestorf. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, in die 60er- und 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Innerhalb von fünf Tagen hatten die Arbeiter das Fertighaus aus dem Versandhaus „Quelle“ im Sommer 1966 vor Ort zusammengeschraubt, innen wie außen hat sich in den mehr als 50 Jahren seitdem kaum etwas verändert. Nun soll das Haus, das im Landkreis Harburg steht, zum Museum werden – als Teil der „Königsberger Straße“, die in den nächsten Jahren im Freilichtmuseum Am Kiekeberg für rund 6,1 Millionen Euro gebaut wird. Die Straße soll das Leben in der Zeit zwischen den 1950er- und den späten 1970er-Jahren hautnah dokumentieren.

Ein Stahlgerüst, montiert auf dem Fundament, bildete die Grundlage für die Quelle-Fertighäuser, die dann innerhalb von fünf Tagen aufgebaut wurden. (Foto: Freilichtmuseum am Kiekeberg)
Im Wohnzimmer des Hauses berichtete jetzt Museumsdirektor Stefan Zimmermann über das Projekt „Quelle-Fertighaus“. Unterstützt wurde er von seiner kaufmännischen Geschäftsführerin Carina Meyer, Harburgs Landrat Rainer Rempe, dem Stiftungsratsvorsitzenden des Freilichtmuseums, Klaus-Wilfried Kienert, und dem Vorsitzenden des Museums-Fördervereins, Heiner Schönecke.

Versandhändler entdecken Lücke

Zimmermann erinnerte an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Bevölkerungszahl in der Bundesrepublik, durch den Zuzug von Flüchtlingen, Um- und Aussiedlern, rapide in die Höhe schoss. „Damit stiegen auch die Baupreise, und längst nicht alle Menschen konnten sich das leisten.“ Unter anderem Versandhändler wie Quelle und Neckermann entdeckten die Marktlücke, bald konnten sich Bauwillige ihre eigenen vier Wände im Katalog bestellen.

35 000 bis 50 000 Mark kosteten die Häuser, die ab den frühen 1960er-Jahren im Quelle-Katalog zu bestellen waren. Das Haus, das in diesem Jahr seinen Standort zum Freilichtmuseum am Kiekeberg wechseln wird, entstand 1966 als Musterhaus. Zwei Jahre später wurde es von einer Familie übernommen, die das Haus bis vor kurzem nutzte.

Äußerlich schmucklos, aber historisch wertvoll, ist das Quelle-Fertighaus (im Hintergrund), das bald einen neuen Standort im Freilichtmuseum am Kiekeberg bekommen soll. Wo es zur Zeit genau steht, soll noch nicht bekannt werden. Die Museumsmitarbeiter Carina Meyer und Stefan Zimmermann freuen sich auf das neue Objekt im Museum. (Foto: t&w)
„Ein Haus vom Typ 110 D“, berichtete Zimmermann. Das heißt ein Haus mit 110 Quadratmetern Wohnfläche auf einer Ebene und einem Satteldach mit 25 Prozent Neigung. Ursprünglich, so Zimmermann, habe Quelle seine Fertighäuser mit einem Flachdach angeboten, aber Probleme mit Feuchtigkeit hatten hier zu einem Umdenken geführt.

Anders als in Ländern wie den USA und Schweden, hatten Fertighäuser in Deutschland auch lange mit Vorbehalten zu kämpfen. Angesichts von Behelfsunterkünften nach dem Zweiten Weltkrieg hätten viele Deutsche einen „Barackenkomplex“ gehabt, so Zimmermann. Fertighäuser galten als „Provisorium“.

Fertighaus wiegt 40 Tonnen

Außenwände mit einer Stärke von etwa zehn Zentimetern, die Einfachverglasung der Fenster und eine riesige Fensterfläche im Wohnzimmer (Zimmermann: „Das war etwas ganz Neues“) waren Merkmale des Hauses. Von heutigen Wärmeschutzrichtlinien war meilenweit entfernt, was Quelle und andere Fertighausbauer anboten. Auch, wenn der Anbieter das anders sah. Im Quelle-Katalog hieß es über die Wände aus Holz, Pressspanplatten und „phenolharzgebundener Mineralfaser“: Die „Wärmedämmfähigkeit ist hervorragend. Der Kunststoff sorgt dafür, dass Sie hinter den 10,5 Zentimeter starken Außenwänden des Quelle-Fertighauses so warm und geschützt sitzen wie hinter einer Ziegelmauer von über 1 Meter Dicke“.

10,5

Zentimeter stark waren die Außenwände der Fertighäuser des Versandhändlers Quelle, die dieser ab den frühen 1960er-Jahren bundesweit verkaufte.

Stefan Zimmermann: „Das Quelle-Fertighaus ist für das Freilichtmuseum am Kiekeberg ein Schatz: Das Inhaberehepaar hat nur wenige behutsame Eingriffe in das ursprüngliche Haus vorgenommen.“ Die Hauseinrichtung von 1979 sei „weitgehend erhalten“. Teile der Einrichtung haben Mitarbeiter des Freilichtmuseums bereits abtransportiert, Reste sollen kurzfristig zum Kiekeberg verlagert werden.

Insgesamt sechs Gebäude, darunter eine Ladenzeile mit sechs Geschäften, ein Aussiedlerhof und ein Flüchtlingssiedlerhaus, sind im Zuge der Königsberger Straße geplant. Eine Tankstelle aus Stade wurde bereits im vergangenen Herbst von dort zum Kiekeberg transportiert. Das Quelle-Fertighaus mit einem Gewicht von 40 Tonnen soll in diesem Frühjahr angehoben, dann komplett auf einen Tieflader verladen und zum Kiekeberg gefahren werden.

Zimmermann kündigte für das laufende Jahr bereits Baustellenführungen durch die Königsberger Straße an. Gegründet habe sich auch eine Gruppe „Gelebte Geschichte nach 1945“, deren Mitglieder das Leben in dieser Zeit in originalgetreuer Umgebung darstellen sollen.

Von Ingo Petersen