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Das deutliche Votum lässt Jens Böther von seinem Stuhl aufspringen. Seine Ehefrau Ute, mit der er im August Silberhochzeit feiert, freut sich mit ihm. Foto: t&w

„Raus zu den Menschen“

Erbstorf. Wie entfesselt wirken die ersten Freudenrufe im Saal. Jubel und tosender Applaus entladen sich von einer Sekunde auf die nächste. Jens Böther ballt ku rz die Fäuste, küsst seine Frau, springt vom Stuhl auf, verneigt sich andeutungsweise vor den mehr als 200 klatschenden Parteifreunden im großen Saal des Erbstorfer Gasthauses Lim‘s. Von 215 gültigen Stimmen entfielen bei der außerordentlichen CDU-Mitgliederversammlung 139 Stimmen auf den Bleckeder Bürgermeister Böther, um ihn als Landrats-Kandidaten der Kreis-CDU zu nominieren. Damit erreicht er am vergangenen Freitagabend gleich im ersten Wahlgang überraschend die absolute Mehrheit.

Böther will auch eine Identifikationsfigur sein

Mitbewerberin Dr. Dorit Stehr spendet Böther stehend Applaus und lächelt ihre Niederlage weg. Stärker getroffen wirkt hingegen Kreisrätin Sigrid Vossers, die ebenfalls ihren Hut in den Ring geworfen hatte. Böther zeigt sich motiviert und bereit für den Wahlkampf um den Chefsessel im Lüneburger Kreishaus. Das wird auch in seiner Bewerbungsrede deutlich. Dabei verzichtet er, anders als Stehr und Vossers, auf gezielte Seitenhiebe auf seine Mitbewerberinnen.
Während die Kontrahenten Vossers, Stehr und Böther vor den Mitgliedern sprechen, warten die jeweils anderen beiden außerhalb des Saals. Nach der ausgelosten Reihenfolge ist Böther als dritter Redner gesetzt. Die Luft ist zum Schneiden, als er den voll besetzten Saal betritt und ans Renderpult geht. „Mit 52 Lebensjahren, 21 Jahren beim Landkreis und zwölf Jahren als hauptamtlicher Bürgermeister habe ich, denke ich, alles an Bord, was man dabei haben muss, wenn man die Aufgaben eines Landrates übernehmen will“, sagt Böther mit fester Stimme.

„Verstecken ist nicht!“

Es sei an der Kommunalpolitik, das unmittelbare Lebensumfeld der Menschen mitzugestalten, nah bei den Bürgern und Unternehmen, hartnäckig in der Sache. Böther: „Mit meinem kommunalen Wissen kann ich den Mitarbeitern der Landkreisverwaltung Rückhalt für Entscheidungsfreude geben, die wir heute oft vermissen.“ Der Landkreis brauche unbedingt eine Führung, die selbst fachliche Entscheidungen beurteilen und fällen kann, sagt der Verwaltungsfach- und Informatikbetriebswirt.

Auch wolle Böther seine Erfahrung im Projektmanagement einbringen, beispielsweise im Deichbau an der Elbe, um die teuren, anstehenden Projekte des Landkreises vernünftig zu steuern. Aber: „Bei aller Fachlichkeit, Führungsstärke und Einsatzbereitschaft kommt bei einem Landrat, so meine ich, noch ein ganz wichtiges Selbstverständnis hinzu: Es geht darum, eine Identifikationsfigur zu sein für die Menschen im Landkreis.“ Denn: „Landrat ist keine Aufgabe, um sich hinter dem Schreibtisch zu verstecken. Hier muss man raus zu den Menschen und zu den Themen. Das habe ich immer getan, und das werde ich auch als Landrat tun: Verstecken ist nicht!“

„Wir brauchen flächendeckende Glasfaserverbindungen“

Mit Blick auf die Zusammensetzung im Lüneburger Kreistag, in dem es keine festen politischen Mehrheiten mehr gibt, sagt Böther, er wolle das politische Miteinander stärken, Gräben zuschütten und Lösungen finden. Als maßgebliche Zielsetzungen der nächsten Jahre nannte Böther auch den Breitbandausbau im Landkreis. „Wir brauchen flächendeckende Glasfaserverbindungen. Jedes Haus und jeder Betrieb im Landkreis muss angeschlossen werden.“ In Sachen Kita-Finanzierung fordert Böther eine gerechtere Lastenverteilung zwischen Land, Landkreis und Kommunen. „Es wird Zeit, dass diese Aufgabe den Gemeinden wieder Spaß macht.“

Und während die parteilose Kreisrätin Vossers es schwer hat, die eigene, sonst SPD-geführte Kreisverwaltung zu kritisieren, kann Böther viel klarer die Missstände aus seiner Sicht anreißen. Zum Stichwort Wohnraum sagt er: „Ich verstehe den Zuzug und den Wohnraumbedarf, den wir haben, als eine Chance für den Landkreis. Ich möchte die kreisangehörigen Gemeinden in der Siedlungsentwicklung stärken.“ Dabei müsse der Druck vom Oberzentrum der Stadt Lüneburg in die Fläche gelenkt werden. Dabei wolle er auch ein Ärgernis aus der Welt schaffen: „Wir brauchen endlich schnelle Baugenehmigungsverfahren.“

Klares Bekenntnis zur Elbbrücke

Anders als Stehr, die vor allem einen Fokus auf die Stadt Lüneburg legte, betonte Böther, dass es ihm um eine gleichmäßige Interessenvertretung aller kreisangehörigen Kommunen gehe. Aber, so Böther: „Die Stadt Lüneburg ist ein Motor unserer Region.“ Die Stadt bei ihren Herausforderungen im Wohnungsbau und Verkehr sowie der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung zu stärken, komme allen zugute. Und: „Last but not least: Wir brauchen endlich einen Landrat, der die Elbbrücke wirklich will. Und der bin ich!“ Das wurde mit lautem Applaus bedacht. Böther: „Es ist höchste Zeit, dass wir die Einheit unseres Landkreises endlich vollenden.“ Böther hat in Bleckede zwei Wahlen zum hauptamtlichen Bürgermeister gewonnen. Das will er nun auch am 26. Mai bei der Landratwahl schaffen.

Von Dennis Thomas

Reaktionen

Das sagen die Mitbewerberinnen

Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung der CDU im Rennen um die Kandidaten-Nominierung erhielt die promovierte Tiermedizinerin und Ministerialrätin Dr. Dorit Stehr aus Oldendorf/Luhe 30 Stimmen. Sie nahm es sportlich: „Ich finde das Ergebnis ganz großartig. Denn so eine deutliche Mehrheit ist für einen Kandidaten ein ganz hervorragender Rückhalt für den Wahlkampf.“ Und: „Ich habe Jens Böther schon gesagt, wenn er in Amelinghausen ist, kann er sich jederzeit gerne melden, er wird unterstützt.“

46 Stimmen vereinte die parteilose Kreisrätin Sigrid Vossers auf sich. Sie sagte: „Ich hätte gedacht, dass es zu einer Stichwahl kommt. Ich hatte vorher viel Zuspruch erhalten und habe das anders wahrgenommen. Ich habe ein Angebot gemacht an Engagement, Kompetenz, Strategien und Ideen. Und es liegt an der CDU, das anzunehmen oder nicht.“ Mit dem jetzigen Ergebnis „kann ich auch gut leben“. Auf die Nachfrage, was die gescheiterte Bewerbung um die Kandidatenkür für das Landratsamt für ihre Aufgabe als Kreisrätin bedeutet, sagte sie: „Meine Amtszeit läuft noch sechs Jahre. Und ich gehe davon aus, dass ich die auch weiterhin nutzen werde, um zu gestalten und mich einzubringen.“